Bayern 2


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Wohnglück im Miniformat Tiny Houses und ihre Bewohner

Ein Tiny House ist ein klitzekleines Haus mit 15 bis 30 Quadratmetern Wohnfläche. In Franken haben bereits einige ihren Wohntraum im Miniaturformat wahrgemacht. Andere scheitern aber noch an der Bürokratie. Ganz neu ist die Idee nicht.

Von: Tanja Oppelt

Stand: 07.10.2019 | Archiv

Als im Jahr 1933 Erich Kästners Roman "Das Fliegende Klassenzimmer" erscheint, gibt es noch keine Tiny Houses – weder den Begriff, noch die Art des Wohnens. Und doch spielen im Roman ein Tiny House und sein Bewohner eine entscheidende Rolle: Der Arzt Dr. Robert Uthofft, genannt "Der Nichtraucher", hat nach einem privaten Schicksalsschlag sein bürgerliches Leben verlassen und hat sich in einem schmalen und engen Eisenbahnwaggon, so gut es geht, eingerichtet. Es war nicht sein Wunsch, so zu leben. Die Umstände haben ihn dazu gezwungen.

"Sie nannten ihn den Nichtraucher, weil in seinem Schrebergarten ein ausrangierter Eisenbahnwaggon stand, in dem er Sommer und Winter wohnte; und dieser Waggon enthielt lauter Nichtraucherabteile zweiter Klasse. Er hatte ihn, als er vor einem Jahr in die Gartenkolonie zog, für hundertachtzig Mark von der Deutschen Reichsbahn gekauft, ein bisschen umgebaut und lebte nun darin. Die kleinen weißen Schilder, auf denen 'Nichtraucher' stand, hatte er am Wagen stecken lassen."

Aus 'Das Fliegende Klassenzimmer' von Erich Kästner

Besitz und Ballast loswerden

Die Tiny-House-Bewohner des 21. Jahrhunderts leben freiwillig in ihren klitzekleinen Häusern. Kaum jemand tut es, weil er sich nichts Anderes leisten kann. Wer sind diese Menschen und was treibt sie an? Monica, 59 Jahre alt, lebt in einem kleinen Dorf bei Würzburg auf einer Streuobstwiese. Ihr Tiny House steht umrahmt von Obstbäumen am Ortsrand. Es ist komplett aus Lärchenholz gebaut und sieht aus wie ein umgebauter Zirkuswagen – nur weniger bunt. Seit fünf Jahren lebt Monica hier.

"Meine Ausgangssituation war die, dass meine Kinder ausgezogen sind und ich festgestellt habe, dass 142 Quadratmeter für mich Irrsinn sind, das braucht kein Mensch. So ging der Gedanke los, mich zu verkleinern, weniger zu machen, weniger zu haben. Weil ich auch wirklich nur noch damit beschäftigt war, materielle Dinge zu pflegen, zu erhalten, die mir nichts bringen, die nur Ballast sind und mich einschränken."

Monica, Tiny House-Bewohnerin

28 Quadratmeter Wohnfläche

Monica verkauft das Haus der Familie und zieht zunächst in eine kleinere Wohnung. Dann entdeckt sie im Internet einen Tiny House-Hersteller in Göttingen. Dieser fertigt das Häuschen nach Monicas Wünschen. Es hat 28 Quadratmeter Wohnfläche und wirkt im Inneren viel größer. Alles ist offen; außer zum Badezimmer gibt es keine Tür. Vom Eingangsbereich aus geht es geradeaus in den Schlafbereich, rechts deutet eine Sofa- und Kissenlandschaft das Wohnzimmer an und nach links geht es in die Küche. Alle drei Wohnbereiche liegen auf Podesten und sind so vom Eingang optisch getrennt. Ein Steinhaus ist tot, sagt Monica, ihr Wagen aus Holz aber lebt.

"Das bedeutet, dass ich die Sonne mitkriege, dass ich den Regen mitkriege, wenn er aufs Holzdach prasselt. Dass ich den Wind mitkriege, weil sich der Wagen teilweise neigt. Ich krieg alle Jahreszeiten mit, ich krieg einfach die Natur mit. Das ist mir wichtig. Das ist ein Teil von mir, ich muss das haben. Die Natur ist etwas, worauf ich nicht verzichten kann."

Monica, Tiny-House-Bewohnerin

Schreinerei in Weidensees fertigt Holzhäuser im Tiny House-Format

Schreinermeister Matthias Hümmer neben seinem Ausstellungs-Häuschen

Wer auf der Autobahn Nürnberg-Berlin die Ausfahrt Weidensees nimmt, landet nach kurzer Fahrt durch ein Waldstück in dem gleichnamigen Örtchen in der Fränkischen Schweiz. Gleich an der Ortseinfahrt von Weidensees steht am Straßenrand ein Tiny House. Dort wohnt niemand, es ist ein Ausstellungsstück der örtlichen Schreinerei. Schreinermeister Matthias Hümmer und seine Mitarbeiter haben sich auf den Bau von Holzhäusern spezialisiert – Häuser in Normalgröße. Aber die Idee, ein Holzhaus im Miniformat und mit Rädern zu bauen, ließ Matthias Hümmer nicht los.

Der Schreinermeister plante, rechnete, zeichnete. Er legte die Pläne dem TÜV vor, bis dieser zufrieden war. Tiny Houses – zumindest diejenigen mit Rädern – müssen den Bestimmungen der Straßenverkehrsordnung entsprechen. Bei Breite, Höhe und Gewicht gibt es einen festen Maximalwert, die Länge ist bis zu einem gewissen Grad flexibel.

Mini-Küche, Essecke und Mini-Bad – auf 18 Quadratmetern

Das Ausstellungs-Häuschen von Matthias Hümmer ist winzig: Mit 18 Quadratmetern Wohnfläche gehört es selbst unter den Tiny Häusern zu den kleinsten. Die Inneneinrichtung erinnert an das Innere eines Wohnwagens oder Campers: Mini-Küche, Essecke und Mini-Bad. Die beiden Schlafgalerien sind über eine Treppe beziehungsweise eine Leiter erreichbar. Geheizt wird mit einem Holzofen. Wenn niemand zuhause ist, sorgt eine Gastherme für eine Grundtemperatur. Hümmers "glane Haisa", wie er sie auf fränkisch nennt, sind ganzjährig bewohnbar. Er kann sich vorstellen, dass zum Beispiel Eltern für ihr studierendes Kind so "a glaans Haus" kaufen, schließlich herrsche ja vor allem in Universitätsstädten Wohnungsnot. Ist das Kind mit dem Studium fertig, hat die Familie ein Wochenend- oder Ferienhaus.

"Das Interesse an unsere 'glane Haisa' ist sehr groß. Pro Woche sind mindestens ein bis zwei Kunden oder Interessenten da, die das Haus besichtigen wollen, um das Flair von innen zu fühlen, wie es aussieht, wie es innen allgemein ist."

Matthias Hümmer, Schreinermeister

Was braucht der Mensch zum Leben?

Vor Monicas Tiny House bei Würzburg befindet sich – ähnlich wie bei einem amerikanischen Holzhaus – eine Veranda. Darauf stehen ein Sessel, ein Plastiktisch und zwei weiße Sonnenschirme. Im Sommer lebt Monica mit einer offenen Haustür. Was soll man ihr schon stehlen? Als sie hier einzog, konnte sie nicht viel mitnehmen.

"Was brauche ich? Ich brauche meine Bücher, meine Klamotten, meinen Hund. Mehr braucht kein Mensch. Das war’s. Das waren dann 26 Kartons, und mit diesen 26 Kartons bin ich hier eingezogen. Ich habe seitdem auch nichts mehr angeschafft. Es reicht."

Monica, Tiny House-Bewohnerin

In ihrem Tiny House sind Küche, Bett, Schrank und Regale bereits eingebaut. Darüber hinaus braucht die 59-Jährige keine Möbel. Sie habe keine Lust mehr gehabt, sich "den Buckel krumm zu arbeiten", sagt sie, um sich materielle Dinge leisten zu können.

Die Tiny-House-Gruppe in Bamberg

Viele, die sich für Tiny Häuser interessieren, wollen sich dem ständigen Konsum entziehen, wollen ökologisch und naturnah leben. Manche jungen Paare haben darüber hinaus keine Lust, sich für ein eigenes Heim über Jahrzehnte hinweg zu verschulden. In vielen Städten haben sich in den vergangenen Jahren Tiny-House-Gruppen gebildet. Die Idee: Eine Siedlung gründen – nicht vereinzelt, sondern in Gemeinschaft leben. Wenn wenig Platz für eigenen Besitz da ist, kann man sich Dinge – oder auch Räume – teilen. Seit etwa einem Jahr trifft sich auch in Bamberg regelmäßig eine Tiny-House-Gruppe.

Gemeinsam leben, Dinge teilen

Die Tiny-House-Gruppe in Bamberg

Der harte Kern besteht aus acht bis zehn Leuten. Sie sind zwischen Mitte 20 und Ende 60 – Studierende, Berufstätige und Rentner. Sabrina Batz ist mit 26 eine der jüngsten. Sie ist hochschwanger und erwartet ihr zweites Kind. Mit Mann und – dann – zwei Kindern möchte sie in eine Tiny-House-Siedlung einziehen. Der Wunsch aller Gruppenteilnehmer ist es, gemeinsam zu leben. Werkzeuge zu teilen, vielleicht auch Küchengeräte; Fahrräder und Autos zusammen zu benutzen. Sie wollen gemeinsam Ackerbau betreiben, um sich möglichst selbst versorgen zu können. Die Gruppe will Wohnmodule aufstellen – ohne Räder. Umherziehen möchte sowieso keines der Gruppenmitglieder. Auf diese Weise umgehen sie die Beschränkungen, die ihnen die Straßenverkehrsordnung in punkto Höhe, Breite und Gewicht vorgeben würde. Gruppenmitglied Oliver Heinert spricht stattdessen von "Legosteinen" zum Wohnen.

"Man kann es sich wie Container vorstellen, wie Schiffscontainer. Es gibt aber auch Container, die auf Holzbasis gebaut sind, mit Gestellen. Die kann man flexibel stellen, entweder zwei, drei aufstocken, oder seitlich stellen oder wie eine Schlange hintereinander bauen. Da ist man ja sehr kreativ und kann flexibel mit dem Wohnraum umgehen."

Oliver Heinert

Wird eine Familie größer, bekommt sie einen Container dazu. Ziehen Kinder aus, kann sie den Wohnraum wieder abgeben für andere.

Übernachten bei Mama geht nicht mehr

Monicas Kinder sind längst ausgezogen. Ihre alten Kinderzimmer gibt es nicht mehr. Monica wohnt auf 28 Quadratmetern in einem Holzwagen auf einer Streuobstwiese in Unterfranken. Ihre drei Kinder kommen gerne zu Besuch.

"Die sind total begeistert gewesen. Die kennen mich, die wissen, dass ich immer gut bin für verrückte, innovative Ideen. Die sind super glücklich hier, die genießen es, wenn sie hier sind, weil sie in großen Städten wohnen. Die machen hier ultra-gerne Urlaub."

Monica, Tiny House-Bewohnerin

Übernachten bei Mama geht nicht mehr, der Besuch muss auf nahegelegene Ferienwohnungen ausweichen. Im Tiny House ist nur Platz für Monica. Jeder Quadratmeter wird genutzt, manchmal mehrfach. Der Spiegel hängt beziehungsweise klebt als Folie in der Dusche. Unterhalb der Decke laufen Regalbretter durchs ganze Haus. Darauf stehen Bücher, Geschirr und Küchenutensilien. Verzichten muss Monica auf nichts, nicht mal auf eine Spülmaschine. Außerdem gönnt sie sich einen weiteren Luxus: eine Siebhalter-Kaffeemaschine für den Cappuccino am Morgen. Die nimmt verhältnismäßig viel Platz ein in ihrer Mini-Küche.

Bürgermeister aufgeschlossen, Baubehörden skeptisch

In Bamberg diskutiert die Tiny-House-Gruppe, wie ihre Gemeinschaftsräume aussehen sollen: Welcher Boden soll dort verlegt werden? Welche Kurse und Seminare soll es geben? Können dort auch Feste stattfinden? Alles wird gemeinsam entschieden. Die Idee existiert bisher nur auf dem Papier. Die Gruppe hat noch kein Grundstück gefunden, auf dem sie ihre Pläne umsetzen kann. Sie suchen im Umland von Bamberg. Die Stadt eigne sich für das, was sie vorhaben, nicht, so die Gruppe – allein schon wegen der Preise. 15 Kilometer nordöstlich von Bamberg liegt Pünzendorf. Die Tiny-House-Gruppe hatte vor einigen Wochen dort ein Grundstück ins Auge gefasst und ihr Projekt beim zuständigen Bürgermeister von Scheßlitz, Roland Kauper, vorgestellt.

"Immer wenn so was Neues kommt, ist man vorsichtig. Was wird das, wer baut so was? Deswegen war es wichtig, dass sie sich vorgestellt haben. Und dann hat man gemerkt, dass es ganz normale Leute sind, die mit beiden Beinen auf dem Boden stehen. Man guckt auf dem Dorf schon ganz genau hin, wer kommt denn da zu uns. Nicht, dass dann die Glocke stört oder der Hahn auf dem Mist. Aber ich denke, die Tiny-House-Bewegung ist eher ökologisch angehaucht. Das wäre sicher verträglich für unsere Ortsteile."

Roland Kauper, Bürgermeister von Scheßlitz

Tiny Häuser kommen in Bebauungsplänen einfach nicht vor

Die Verhandlungen sind ins Stocken geraten. Es heißt, der Grundstückseigentümer wolle den Grund nun doch anders nutzen. Am Bürgermeister würde das Projekt nicht scheitern. Der CSU-Politiker ist aufgeschlossen, findet das Mehrgenerationenprojekt spannend. Die zuständigen Baubehörden bei den Landratsämtern sind in der Regel skeptischer. Deutsche Bebauungspläne legen akribisch fest, wie Häuser in einem Wohngebiet auszusehen haben: Wie hoch dürfen sie sein? Wie sieht das Dach aus? Alternative Wohnformen kommen in Bebauungsplänen nicht vor.

Ein Tiny Haus mit Hausnummer, einer Klingel, einem Briefkasten, Mülltonnen

Monica hat einen Zaun um ihr gepachtetes Tiny-House-Grundstück gezogen. Ihre Türklingel ist am Gartentürchen befestigt. Monica hat eine Hausnummer, eine Adresse, einen Briefkasten, und vor dem Grundstück stehen Mülltonnen – alles da, was man für einen festen Wohnsitz braucht. Der Weg dahin war lang.

"Es war nicht einfach, weil unsere Ämter mit dieser Wohnform nichts anfangen können. Sie können es nicht kategorisieren. Wir wissen nicht, wie wir es benennen sollen, einerseits hat es Räder, andererseits steht es fest. Man braucht eine gute Portion Nerven, eine gute Portion Sturheit, und darf einfach nicht lockerlassen. Und irgendwann geht’s dann."

Monica, Tiny House-Bewohnerin

Die Leitungen für Strom, Wasser, Gas und Abwasser hat Monica selbst legen lassen. Das Grundstück ist voll erschlossen. Der einzige Unterschied: Wenn Monica stirbt, kann man ihr Haus einfach wegfahren, und übrig bleibt nur eine Streuobstwiese.


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