Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Eine für alles Die Jogginghose als Lebenseinstellung

Lange war sie als Lümmel-Kleidung verschrien, heute gilt sie als Modestatement: die Jogginghose. Vor 100 Jahren wurde sie erfunden, um Athleten das Leben leichter zu machen. Ist sie ein zu Unrecht verkanntes Multigenie?

Author: Matthias Rüd

Published at: 14-9-2017 | Archiv

Sendung zum Anhören: Eine für alle? Die Jogginghose als Lebenseinstellung

Durch die Jogginghose sollten sich Hochleistungssportler leichter dehnen und freier bewegen können. Lange Zeit war sie aber auch verschrien – als wenig kleidsames Erkennungsmerkmal von Couch Potatoes und Samstag-Nachmittags-Autowäschern.

"Wer eine Jogginghose trägt, der hat die Kontrolle über sein Leben verloren."

Karl Lagerfeld in der ZDF-Sendung Markus Lanz

Auf dem Campingplatz am Dechsendorfer Weiher in Erlangen wird tatsächlich Kontrolle verloren, besser abgegeben, zumindest ein bisschen. Hier ist Kleidung primär Körperbedeckung. Nichts soll zwicken, nichts spannen, nichts ans Steak von gestern erinnern. Stoff verhüllt im besten Falle die Blöße. Die Jogginghosen-Befürworter sind klar in der Mehrheit.

"Weil sie einfach bequem ist und man kann sie auch einmal ins Lokal mit anziehen. Bei uns am Campingplatz. Nein, da schauen andere nicht, weil die anderen haben auch alle Jogginghosen an."

Camper am Dechsendorfer Weiher

Doch keine Angst. Auf dem Campingplatz ist der Lagerfeldsche Kontrollverlust doppelt begrenzt – zeitlich auf den Urlaub und räumlich auf den Campingplatz.

"Wie kleide ich mich richtig?

Die Jogginghose als Multitalent – und eine ihrer vielen Eigenschaften ist nicht stofflich, sondern sogar philosophisch. Sie polarisiert und damit stellt sich die Frage: Wie kleide ich mich richtig?

"Kleide Dich nicht unter und nicht über deinem Stand; nicht über oder unter deinem Vermögen; nicht phantastisch; nicht ohne Not prächtig, glänzend noch kostbar; aber reinlich, geschmackvoll, und wo Du Aufwand machen musst, da sei Dein Aufwand zugleich solide und schön."

Adolph Freiherr Knigge in 'Über den Umgang mit Menschen'

"Die Jogginghose hat ja eine lange Geschichte. Seit meiner Kindheit gab's schon die drei Streifenhosen von Adidas, die nicht nur zum Sport getragen wurden, sondern seitdem der Fernseher im deutschen Wohnzimmer eingezogen war, ist die Jogginghose mehr zum passiven als zum aktiven Sportgenuss getragen worden. Man kann da in Klischees denken, muss man aber nicht. Der Siegeszug der Jogginghose läuft ja schon die letzten 50 Jahren, der auf der Straße, der nimmt mehr und mehr zu. Es hat etwas mit Bequemlichkeit zu tun. Also die Jogginghose an sich drückt aus, dass ich mich bequem kleiden möchte und das Ganze ist relativ beiläufig. Also ich lege nicht sehr viel Wert darauf, Aufmerksamkeit auf meinen Kleidungsstil zu ziehen. Das kann sie ausdrücken, also wenn Karl Lagerfeld sie entwirft, aber die Jogginghose hat etwas davon, dass man sagt: Ok, ich will mich jetzt nicht groß herrichten."

Stefanie Frieser, Präsidentin des Deutschen Kniggebundes und Kommunikationstrainerin

Jogginghosen mit Bügelfalte und Steg, aus Polyester und Baumwolle

Ortswechsel: Herzogenaurach, der Showroom von Puma, der Sportartikelhersteller mit der ikonischen Raubkatze als Logo.

"Der erste Trainingsanzug, den wir heir sehen, das ist der ursprüngliche T7, eine Polyesterware, die 1968 zum ersten Mal rauskam. Das Interessante daran ist, dass bei dieser Hose die Bügelfalte in der Mitte abgesteppt ist, damit sie jedes Mal, auch wenn sie zehn Mal gewaschen wurde, diese Bügelfalte noch in sich hat. Als nächstes haben wir eine Colab-Hose mit Drückknöpfen an der Seitennaht, mit einem Band, das die Knöpfe verfolgt. Sie ist auf der Seite zu öffnen, wir haben ein Pfefferkornmuster eingewirkt und innen auf der Naht haben wir noch ein Mash-Tape eingenäht, um interessante Details zu schaffen. Und dann haben wir unterschiedliche andere Möglichkeiten, wie zum Beispiel einen Stoff, der aus verschiedenen Fasern zusammengestellt ist, ein Poly-Cotton-Blend zum Beispiel – und dann auf der Seite für den berühmten Streifen haben wir einen Velours-Streifen eingesetzt."

Torsten Hochstetter, Global Creative Director bei Puma

Jogginghosen im Puma-Showroom

Mittlerweile gibt es nicht mehr nur eine Jogginghose, mit oder besser in der man die Kontrolle über sein Leben verlieren kann. Nein, vor Pumas Chefdesigner liegt eine ganze Reihe davon. Angefangen mit einer blauen Sportanzug-Kombination – mit Bügelfalte und Steg am Beinabschluss. Daneben Sporthosen in allen Farben, Schnittformen und Materialien: aus Polyester, aus Baumwolle, mit eingesetztem Velour-Streifen, unten eng und oben weit für die Fußballer, von der Hüfte bis zur Ferse überall ganz weit fürs Training oder eben die Couch.

"Eine Jogginghose ist grundsätzlich für den Fashion-Maniac interessant, aber auch für den Couchpotato. Also im Prinzip können sich beide Zielgruppen mit solchen Stoffen und Styles wohlfühlen."

Torsten Hochstetter, Global Creative Director bei Puma

Vor fast 100 Jahren, in den 1920er-Jahren, wurde Freizeit-Kleidung immer sportlicher, die Tennisröcke kürzer. Der französische Sportartikelhersteller "Le Coq Sportif" erfand den ersten dehnbaren Sportanzug aus Trikotstoff. 100 Jahre später ziehen nicht nur Sportler und Couchpotatos die Jogginghose über, sie findet sich auch in stylischen Hipster-Cafés. Dabei gibt es mittlerweile kaum eine Regel mehr. Getragen wird, was gefällt.

"Also der wichtige Aspekt ist, dass Sport wichtiger Teil unserer Kultur geworden ist – und dass man die Jogginghose jetzt auf der Straße tragen kann, weil sie Teil unseres Lebens geworden ist. Das ist sehr vergleichbar mit dem, was mit der Jeans passiert ist. Die war ja ursprünglich mal da für Mitarbeiter, um einen bestimmten Schutz zu haben. Das war ein starkes Twill-Gewebe und die Jeans wurde dann auch verändert und zum Streetstyle, die jeder anhat und das gleiche gilt für die Jogginghose, das ist die gleiche Situation, die auch mit Sporttextilien passiert."

Torsten Hochstetter, Global Creative Director bei Puma

Die Jogginghose an der Spitze der Musik-Charts

Die Hip-Hop-Pioniere "Run DMC" schrieben ein Lied über die Jogginghose, genauer über den legendären Adidas-Trainingsanzug: Den Firebird – drei weiße Streifen von der Schulter bis zur Ferse. Das war 1986. Die Jogginghose stand sozusagen an der Spitze der Musik-Charts weltweit – und das nicht nur einmal.

"Sie kam eigentlich aus der Geschichte der Sportausrüstung und dann ging sie langsam in die Geschichte ein von Street und Music. Ich sag mal Firebird ist die Ikone der ganzen Musikbewegung, wo Run DMC angefangen hat, Firebird-Tops zu tragen, dazu wurden auch die Hosen getragen, das waren so die 80er, 90er Jahre."

Jochen Bauer, Adidas

Missy Elliot mit einem Jogginganzug von Adidas (im Jahr 2003)

Old School, Hip Hop, Bling – all diese Strömungen, Genres, Musikstile sind eng verbunden mit der Jogginghose. Superstars wie Missy Elliot trugen und tragen immer noch protzigen Schmuck, riesige Goldketten über der Raubkatze von Puma, den drei Streifen von Adidas oder dem geschwungenen Pfeil von Nike. Die Jogginghose ist für Adidas seit Jahrzehnten Brot- und Buttergeschäft, die Grundlage vieler Kollektionen – und damit die Grundlage für ein weltweites Milliardengeschäft. Kontrollverlust kann sich hier niemand erlauben. Selbst lange aufgetragene Exemplare bringen – neu aufgelegt – viel Geld.

Ein gesellschaftsfähiges Modestatement

Inzwischen hat sich die Jogginghose also zu einem Modestatement der Hippster-Generation entwickelt, ja sogar zur Geschäftsphilosophie für Weltunternehmen. Heute ist die Jogginghose, kombiniert mit Sakko und Hemd, auch in Restaurants und im Büro gesellschaftsfähig. Und in der Chefetage der Sportartikelhersteller ist die Jogginghose inzwischen Sinnbild für den Imagewandel der Branche hin zum umsatzträchtigen Lifestyle-Business geworden. Niemand trägt mehr Krawatte im Reich der Jogginghose. Die Zeit für Bayern auf Bayern2 frönt einem Kleidungsstück, bei dem nicht nur der Stoff dehnbar ist.


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