Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Bayern genießen Langsam - Bayern genießen im April

Zunächst scheints ein Widerspruch in sich zu sein: Akkurat im April, in dem die Natur mit atemberaubender Geschwindigkeit explodiert, das Motto langsam zu wählen. Andererseits: Zuschauen kann man Knospen, Blätter, Blüten beim Explodieren nicht direkt. Sie explodieren gewissermaßen langsam – über Nacht vielleicht. Und das kommt uns eben nur schnell vor. Wie man überhaupt, grad, wenn man das Wort langsam betrachtet, merkt, wie relativ unser Zeitbegriff ist.

Von: Gerald Huber

Stand: 29.03.2019 | Archiv

Hier unsere Genuss-Themen aus den bayerischen Regionen rund ums Motto "langsam"

  • Langsamer Wuchs: Ochsen in Oberbayern (Regina Fanderl)
  • Langsamer Genuss: Das Rhönschaf (Anke Gundelach)
  • Langsamer Klang: Geigenbau in der Oberpfalz (Thomas Muggenthaler)
  • Langsamer Fluss: Die mittelfränkische Altmühl (Tobias Föhrenbach)
  • Langsame Beißer: Angeln in Oberfranken (Ilona Hörath)
  • Langsamer Tod: Der Hochvogel im Allgäu (Viktoria Wagensommer)
  • Langsame Rass: Der Niederbayer (Renate Rossberger)

Der Stier war in der Antike Symbol der Götter und ist so das Symboltier Europas geworden. Bekanntlich hat ja die gleichnamige Königstochter auf dem Rücken des Zeus, der sich in einen Stier verwandelt hatte, den Bosporus bei Konstantinopel überquert, der Asien von Europa trennt. Die Sage hat einen wahren Kern: Das griechische Bosporos bedeutet Rinderfurt.

Langsame Ochsenmast in Oberbayern

In der Antike hat man große Rinderherden aus Asien nach Europa gebracht. Wobei man früher nicht unterschieden hat zwischen Stieren und Ochsen. Das heißt man hat den Unterschied schon gekannt, aber nicht benannt. Ein Auerochse ist nicht kastriert und ein Ochsenziemer muss auch nicht unbedingt von einem kastrierten Stier stammen. Tatsache aber ist, dass man ausgewachsene Stiere nicht mehr essen kann. Entweder sie werden als Stierkälber geschlachtet – im Europajargon heute Jungbullen genannt – oder sie werden kastriert. Womit aus einem stürmischen Stier ein sprichwörtlicher langsamer Ochse wird, jeder Bewegung abhold. Früher hats Ochsen in jedem Dorf gegeben. Danach sind sie so selten geworden, dass man für die beliebten Ochsenrennen eigens welche „machen“ hat müssen. Aber jetzt sind sie wieder da: Als höchst interessante Marktnische für Landwirte.

Sie finden eine kleine Auswahl von Bezugsadressen für dieses außergewöhnliche Fleisch, das sich die Bezeichnung Slow Food, langsames Essen, tatsächlich verdient hat.

Langsam grast das Rhönschaf

Sprichwörtlich langsam wie der Ochse oder die Schnecke ist das Schaf nicht. Dennoch sind laufende, springende Schafe eher selten. Unser Bild einer Schafherde ist dominiert vom langsamen Ziehen über weite Wiesen, während der Schäfer auf seinen Stock gestützt vor sich hin sinniert. Freilich ist das ein Klischee. Längst haben auch bei der Lammproduktion schnelle Begriffe wie Turbo und Hochleistung Einzug gehalten. Daneben aber gibt es immer noch die klassische, langsame Schafhaltung. Mit alten Rassen wie dem Rhönschaf. Das Rhönschaf ist eine der Schafrassen mit der längsten Geschichte und wurde wegen seines zarten, leichten Wildgeschmacks von der Slow-Food-Bewegung in die Arche des Geschmacks aufgenommen.

Jüngster Schafpassagier in der Slow-Food-Arche ist übrigens wieder ein Franke: Das sogenannte Coburger Fuchsschaf. Es wäre, ähnlich wie das Rhönschaf beinahe ausgestorben. Unter anderem auch deswegen, weil man lang mit seiner Wolle nicht viel anzufangen wusste. Es hat ein rötlich schimmerndes Fell, das man früher golden genannt hat: Ja, das Goldene Vlies gibt’s tatsächlich! Im 20. Jahrhundert aber sollte Wolle weiß sein. Das Fuchsschaf hat wie das Rhönschaf eher zufällig überlebt. Heute ist es wieder gefragt. Informationen zu beiden und Bezugsadressen finden Sie auf unserer Bayern-genießen-Internetseite.

Langsam Wohlklingendes schaffen - Geigenbau in der Oberpfalz

Was lange währt, wird endlich gut heißt es im Sprichwort. Nicht bloß deswegen verbinden wir mit der Langsamkeit eher Positives: Wenn etwas reifen, durchdacht sein soll, dann braucht es eben seine Zeit. Was langsam wächst, hat schon viele Fehler überstanden, ist besonders dicht und gehaltvoll. Sinnlose Wucherungen und andere Fehlstellen sind ausgemerzt. Besonders deutlich ist das am Holz. Langsam wachsende Bäume besitzen dichteres, härteres Holz. Ein Holz, das klingt, wenn man drauf klopft. Schon früh haben sich Instrumentenbauer diese Eigenschaften zunutze gemacht und sie im Lauf der Zeit – langsam – zur Perfektion entwickelt. Wie beim Instrumentenbau Langsamkeit überhaupt eine große Rolle spielt. Beim Geigenbaumeister Helmut Pöser, am Regensburger Haidplatz in Regensburg zum Beispiel.

Langsamer Fluss - Die mittelfränkische Altmühl

Flüsse können bekanntlich reißend sein. Oft sind sie das aber nur am Anfang. Danach strömen sie, fließen, treiben dahin. In all diesen Wörtern ist, wenn man so will, die Langsamkeit schon eingebaut. Weshalb man Flüsse schon immer auch als Symbole für das menschliche Leben gesehen hat, das nach dem Ungestüm der Jugend bald breiter dahinströmt. Die Altmühl gilt nicht nur als der langsamste Fluss Bayerns – sie ist mit Sicherheit auch einer der langsamsten Flüsse in Europa. Das wussten schon unsere keltischen Vorfahren, aus deren Sprache auch der Name Altmühl, alkimoenis kommt: Alk bedeutet sehr und moen oder moin soviel wie still, ruhig. Denn auf ihre gesamte Länge von rund 200 Kilometern – die Altmühl entspringt in der Nähe von Rothenburg ob der Tauber und mündet bei Kelheim in die Donau – hat sie nur ein Gefälle von 121 Metern

Entspannung pur. Es gibt im Netz viele Informationen zum Naturpark Altmühltal im Allgemeinen und zum Paddeln im Besonderen.

Langsames Vergnügen - Angeln in Oberfranken

Die Sprache verrät es: Wer eingespannt ist, muss ständig auf Trab sein. Ganz wie ein Kutschpferd, ein Traber. Erst wenn das Pferd ausgespannt wird, darf es gemächlich grasen und setzt dabei langsam einen Fuß vor den andern. So sehnt sich auch unsereiner nach dem Ausspannen, nach Entspannung. Ideal ist, wenn beides sich im Leben des Menschen abwechselt. Denn das ist ja das Paradoxe: Wer immer nur ausspannt, dessen Leben scheint im Moment langsam zu fließen, im Rückblick aber ist es so schnell vorbei, als wär nichts gewesen. Fast schon symbolhaft für den Wechsel zwischen Anspannung und Ausspannen ist das Angeln. Beim Angeln sind hektische Bewegungen fehl am Platz. Wer erfolgreich sein will, muss es langsam angehen lassen. Wenn der Fisch allerdings beißt, vielleicht sogar ein kapitales Exemplar, dann ist Konzentration und Schnelligkeit angesagt. Wenn es am anderen Ende der Angel zappelt, vergeht die Zeit wie im Flug. Bis dahin aber kann Stunde um Stunde vergehen. Zeit, die langsam verfließt. Zeit, die Raum schafft, um in Ruhe nachzudenken, Zeit, die sich auch wie ein Kaugummi ziehen kann, wenn rein gar nichts passiert. Die Unbilden des Wetters scheuen Angler nicht. Tapfer und stets gelassen bauen sie ihr Angelgerät auch dann auf, wenns nicht unbedingt Freizeitwetter hat…

Die Gelassenheit des Anglers. Fotos des Selbstversuchs finden Sie hier, sowie ein Rezept für mit Weißfisch gefüllte rote Paprika.

"Der Demantberg hat eine Stunde in die Höhe, eine Stunde in die Breite und eine Stunde in die Tiefe; dahin kommt alle hundert Jahr ein Vöglein und wetzt sein Schnäbelein daran, und wenn der ganze Berg abgewetzt ist, dann ist die erste Sekunde von der Ewigkeit vorbei."

Brüder Grimm

So heißt es in Grimms Märchen. Man könnte auch formulieren, wie Woody Allen es getan hat:

"Die Ewigkeit dauert lange, besonders gegen Ende."

Woody Allen

Genauso ist es. Wir können allem eine gewisse Zeit lang zuschauen. Gewissermaßen für eine erste Sekunde der Ewigkeit. Danach aber ist unser Leben zu Ende und die Ewigkeit fängt eigentlich erst an.

Der Hochvogel im Allgäu - ein Berg der langsam zerbröselt

Letztendlich sind wir nämlich nichts Anderes als die anfangs erwähnten Eintagsfliegen. Auch uns mag unser Leben reich und lang vorkommen, während es im Vergleich zu erdhistorischen Dimensionen verschwindend kurz ist. Wir alle wissen, was geschieht, wenn zwei Autos zusammenstoßen. Ganz etwas Ähnliches, wie das Resultat von so einem Autounfall sind unsere Alpen. Da kracht grad die afrikanische Platte auf die eurasische und faltet dabei die Alpen auf. Dass diese Auffaltung so langsam geschieht, kommt uns nur so vor, weil unser Leben so kurz ist. Würden wir einige Milliarden Jahre alt, dann täts uns vorkommen wie ein Ereignis, das plötzlich geschieht, aber genauso unvermittelt wieder von anderen Ereignissen überlagert wird. In diesem Fall von der Abtragung der Gebirge durch Wind und Wetter. Diese Verwitterung geschieht normalerweise fast so langsam wie das Schnabelwetzen am Demantberg. Manchmal aber passiert es schneller. Wie derzeit am Hochvogel im Allgäu zu beobachten. Der bricht nämlich grad auseinander. Langsam. Aber in vergleichsweise rasender Geschwindigkeit.

Langsam. Das Wort wird ganz ähnlich gebildet wie gleichsam, seltsam, biegsam, aufmerksam usw. Wir benutzen die Endsilbe –sam, wenn wir Charaktereigenschaften, Neigungen und Fähigkeiten beschreiben wollen. Von Dingen beispielsweis oder von Tätigkeiten. Auch von bestimmten Tieren oder Menschen. Der Schneck ist langsam, genauso wie der Ochs. Und, keine Frage, auch dem Niederbayern sagt man gemeinhin eine gewisse Langsamkeit nach. Zurecht oder zu Unrecht?

Die Langsamkeit der Niederbayern

Lang hat, genauso wie das lateinische longus, von dem es abstammt ursprünglich die Länge von Entfernungen oder Dingen bezeichnet. Erst später hat man es im übertragenen Sinn auch für eine lange Zeitdauer verwendet. Langsam oder schnell, lang oder kurz? Wir leben auf einer Kugel, auf der gibt’s so manches Paradoxon. Zum Beispiel kann man zwanzigtausend Kilometer weit wandern und sich dabei immer weiter von seinem Ausgangspunkt entfernen. Man kann danach schon noch weitergehen. Aber gleichzeitig kommt man dabei wieder langsam an seinen Ausgangspunkt zurück. Und so ists nicht nur mit unserer kugligen Welt, sondern auch der Zeit, dem Jahr, das ein Kreis ist. Zur Zeit werden ja die Tage länger. Daher auch unser schönes Wort Lenz, das alte Wort für Frühling, im Dialekt oft Langs, Langez oder Lanzing genannt. Lenz ist eine Ableitung aus dem lateinischen longae dies = lange Tage. Mit dem Lenz beginnt ja bekanntlich die Jahreszeit, in der die Tage länger sind als die Nacht. Ein ganzes halbes Jahr lang. Im Rückblick werden wir dann wieder feststellen, dass die Zeit viel zu schnell vergangen ist. Deswegen wünsch ich ihnen einen langsamen Lenz und ein kurzweiliges Wochenende!


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