Bayern 2 - Zeit für Bayern


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Abbrüche und Umbrüche Postkarten aus Bad Alexandersbad

Markgraf Alexander ließ im 18. Jahrhundert Bad Alexandersbad auf der grünen Wiese bauen. Er sah Potenzial für einen Kurort – und hatte Recht. Doch heute ist dort Vieles im Umbruch. Thibaud Schremser schildert dem Marktgrafen auf Postkarten seine persönlichen Eindrücke.

Von: Thibaud Schremser

Stand: 26.10.2017 | Archiv

Postkarten aus Bad Alexandersbad | Bild: Thibaud Schremser/Collage: Susanne Kolibius

Bad Alexandersbad ist ein stolzer Ort. Stolz auf sein Heilwasser, auf seine Geschichte und seine Zukunft. Bad Alexandersbad ist zwar der kleinste Kurort Bayerns, war aber lange Zeit ein renommierter. Doch heute stehen dort viele Läden leer.

In Bad Alexandersbad wird klein beigegeben …

Bäckerei und Apotheke sind beispielsweise verwaist, dem SV Bad Alexandersbad sind die Fußballer ausgegangen und der kleine Lebensmittelladen hat gerade erst geschlossen, weil sich der Betrieb nicht mehr gerechnet hat. Von Grundnahrungsmitteln über Hygienebedarf bis hin zu Backwaren und einem Postshop gab es im "Getränke – Lebensmittel – GutKauf" alles.

"Wir mussten aufhören, weil sich’s einfach nicht mehr gerechnet hat. Uns ist zum Beispiel ein Großteil unserer alten Damen weggestorben, oder sie sind ins Altersheim gegangen oder weggezogen. Und wir müssen halt auch davon leben und das ist schwierig."

Christine Brauner, ehemalige Inhaberin 'Getränke – Lebensmittel – GutKauf'

"Es ist nicht schön, wenn keiner reingeht – und dann, wenn wir fort sind, das große Gejammer losgeht."

Roland Brauner, ehemaliger Inhaber 'Getränke – Lebensmittel – GutKauf'

… und groß investiert

Auch der 70er-Jahre-Betonriese "Kur- und Sporthotel" wurde kürzlich abgerissen. Dafür wurden kürzlich die Schlossterrassen renoviert und ein modernes Kurbad eröffnet.

"Wir haben als Gemeinde alles erlebt, was man sich vorstellen kann. Hier die regionale Strukturproblematik, Stichwort Porzellanindustrie, die insbesondere den Landkreis Wunsiedel getroffen hat und damit natürlich automatisch auch unsere Bürger. Dann die Grenzöffnung, die für uns natürlich emotional gigantisch war, aber natürlich auch dazu geführt, dass unsere Kernklientel – das waren die Berliner – plötzlich mit dem Harz zum Beispiel eine viel nähere Gebirgslandschaft hatten. Und was uns auch sehr beschäftigt hat, das waren die Gesundheitsreformen – damals unter Horst Seehofer übrigens – die einfach dazu geführt haben, dass diese klassischen offenen Badekuren dermaßen weggebrochen sind, dass einfach auch viele Häuser, auch Privathäuser, letztendlich den Kurbetrieb einstellen mussten."

Peter Berek, Bürgermeister von Bad Alexandersbad und Leiter der Kurbetriebe

In den besten Jahren zählte Bad Alexandersbad knapp 200.000 Übernachtungen, erzählt Bürgermeister Peter Berek. Momentan seien es nur noch rund 50.000. Zur Hochzeit verzeichnete der Kurort bis zu 4.000 offene Badekuren. 2016 waren es nur noch 52.

Persönliche Postkarten an den Markgrafen

Thibaud Schremser hat sich für die Zeit für Bayern in Bad Alexandersbad einquartiert – und schildert dem Markgrafen Alexander seine ganz persönlichen Eindrücke, auf sechs Postkarten aus Bad Alexandersbad.

Lieber Alexander,

ich bin wohlbehalten in Bad Alexandersbad angekommen. Das Bad in meinem Hotelzimmer ist schön – Zwinkersmilie. Was mir als erstes aufgefallen ist: Baustellen en masse. Ob ich hier meine Ruhe finden werde? Mal sehen. Hier wird der Gehsteig aufgerissen, um Glasfaserkabel zu legen, da ein Gebäudetrakt des Seniorenheims abgerissen, drüben eine riesige Baugrube an dem Platz, an dem – sagt man mir – bis vor ein paar Monaten noch das "Kur- und Sporthotel" stand. Scheint ein großes Ding gewesen zu sein – in beiden Wortsinnen. Ist auf der Rückseite zu sehen. Ich hab’ mir im kleinen Laden gleich einen Packen Postkarten mit alten Gebäuden ausgesucht. Ich melde mich. Viele Grüße aus Bad Alexandersbad!

Mein lieber Alexander,

trostlos: An einer Hauswand an der Hauptstraße hängt ein Automat mit Spielzeug-Krimskrams. Zigaretten bekommt man im Ort an drei Automaten. Aber ein Geldautomat? Fehlanzeige. Von der Sparkasse, die es mal im Ortskern gab, ist nur das Logo auf der Uhr am Bus-Rondell übrig geblieben. Die Apotheke steht leer. In der Bäckerei ist zwar noch ein Tresen zu sehen, aber die einzigen Brötchen dort sind aus Plastik und liegen im Schaufenster. Geschlossen. Ich würde gern einkaufen in Bad Alexandersbad.

Lieber Alexander, mein armer Markgraf,

was haben sie bloß aus Deinem Ort gemacht? Einerseits setzen sie voll auf Dein Erbe, sind stolz auf ihre Geschichte, Deine Geschichte. Aber andererseits vernachlässigen sie Dein Erbe. Nach dem zweiten Weltkrieg sind einige Bauten aus der vordemokratischen Zeit verschwunden. Das alte Badehaus an der Quelle haben sie mit dem Bulldozer einfach in den Wald geschoben. Manche von den Steinen sind noch da. Mit denen möchte ein Förderverein das Haus wieder aufbauen. Aber woher sie das Geld nehmen wollen?

Lieber Alex,

keine Sorge, mir geht es gut. Ich würde mich ja auch gern öfter melden, aber der Handyempfang im Ort ist miserabel. Immerhin wird der Briefkasten regelmäßig geleert.

Hi Alex,

Du hattest Recht. Das Quellwasser hat was. Die Kohlensäure: prickelnd. Der etwas metallene Geschmack unterscheidet es vom Supermarkt-Billigmineralwasser und das gelöste Eisen hinterlässt über die Jahre braun-roten Spuren in den Brunnen. Ein Wasser schreibt Geschichte.

Lieber Markgraf Alexander,

wie baut man für die Zukunft? Wie baut man sich eine Zukunft? Kann man Zukunft überhaupt bauen? Du wirst natürlich sagen: 'Ja. Hab’ ich doch bewiesen'. Aber ganz ehrlich: Du hast gut reden, lebst in der Vergangenheit. Musst Dich um unsere Probleme nicht kümmern. Bist eine historische Figur. Man sagt immer, die Zukunft ist ungewiss, aber es ist doch die Gegenwart, die einen oft vor unbeantwortbare Fragen stellt. Ob ich mir vorstellen kann, hier zu leben? Aber wiederkommen, wenn die ganzen Bagger weg sind, das schon. Wenn ich mal ein paar Tage Ruhe brauche. Viele Grüße aus Bad Alexandersbad!


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