Bayern 2 - radioTexte


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Leidenschaftlicher Lukrez Keine Angst vor den Göttern

Der römische Dichter Lukrez verpackte in seinem großen philosophischen Poem "Über die Natur der Dinge" skandalöse Ansichten in 7400 Verse: "Atome und Leere, sonst nichts", daraus sei die Welt gemacht, die auch gut ohne göttliches Einwirken funktioniere. Aus dieser aufregenden Kosmogonie aus dem Jahr 60 v. Chr. liest Gert Heidenreich.

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 10.11.2019 | Archiv

"Kein Ding entspringt durch göttlich wundersame Kraft jemals dem Nichts. Noch aber hält Angst die Sterblichen zu fest im Griff. So viele Dinge haben sie geschehen sehn in der Welt, am Himmel, und haben doch so gar nichts in der Hand, was deren Grund erkären könnte; vermuten also, sie geschähen durch göttlich numinöse Kraft."

(Lukrez, Über die Natur der Dinge)

So lauten einige der Leitsätze aus dem 1. Buch "Von den Urelementen" des römischen Philosophen Titus Lucretius Carus, dessen Lehrgedicht "Über die Natur der Dinge" (De Rerum Natura) aus dem 1. Jahrhundert v. Chr. stammt. Der Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt nennt dieses philosophische Poem "eines der großartigsten und zugleich merkwürdigsten Werke der klassischen Antike".

Sprachgewaltige Feier des Lebens

"Über die Natur der Dinge" von Lukrez, erschienen im Galiani Verlag | Bild: Galiani Verlag Berlin / C. Pfefferle

"Über die Natur der Dinge" von Lukrez, erschienen im Galiani Verlag

Was für ein Abenteuer: Eine letzte Abschrift dieses sechs Bücher umfassenden Werks wurde im Jahr 11417 von dem italienischen Humanisten und "Bücherjäger" Braccio Poggiolini in einem deutschen Kloster entdeckt, wahrscheinlich in Fulda. Bis dahin war Lukrez und sein Werk nahezu vergessen. Kein Wunder, denn mit dem Untergang Roms passten die Lehren des Atomisten und Epikureers nicht ins nunmehr christliche Weltbild. Lukrez erzählt von der Entstehung der Welt, vom Wirken der Atome, lehrt über das Glück der Menschen, die in der freien Natur und ohne Angst vor den Göttern leben sollten und - vor allem - stellt die tradierten Werte in Frage: die vorbehaltlose Verehrung der Götter sei vergeblich und wahnhaft.

Er, Lukrez, wünsche sich den Frieden und weniger militärische Eroberungen. Das sinnlose Töten von Tieren sei genauso verabscheuungswürdig wie die blutigen Gladiatorenkämpfe. Die aggressiven (militärischen) Erfindungen oder der verschwenderische Umgang mit der Natur sprächen für die selbstdestruktiven Züge der Menschen, geschürt durch Drohungen und Ängste. Diesen Ängsten und damit der Wahrheit ins Gesicht zu blicken, dass es nur eben dieses eine Leben gebe, das wir bestenfalls sinnlich ausfüllen sollten, ist eine der Lukrezschen Empfehlungen. Denn:

"Nach dem Tod steht nichts zu fürchten; wer nicht mehr ist, der kann nicht unglücklich sein. Hat ihm der unsterbliche Tod einmal das sterbliche Leben genommen, macht es nicht den geringsten Unterschied mehr, ob er je geboren wurde oder nicht."

(Lukrez, De rerum natura, 3. Buch)

Einflüsse auf die Nachwelt - für ein modernes Weltbild

"Wir hängen an einem Wissen, das irgendwann vergessen hat, dass zum Erkennen zweierlei gehört, Berühren und Berührt-Werden. Ein Austausch, Stoffwechsel. Lukrez entfaltet ihn in all seinen Variationen. Lukrez lesen heißt, diesen Stoffwechsel erleben. Dahin nimmt uns der Text mit."

(Der Übersetzer Klaus Binder)

Erst nach der Fürsprache Goethes wurde Lukrez' "De rerum natura" erstmals im 19. Jahrhundert ins Deutsche übersetzt.

Auf Lukrez beriefen sich insbesondere die materialistischen Philosophen späterer Zeiten. Der Enzyklopädist Denis Diderot setzte vor seine Abhandlung "Zur Interpretation der Natur" einen Satz von Lukrez. Auch Michel de Montaigne, Shakespeare, Voltaire, Thomas Jefferson, Goethe, Kant, Marx, Nietzsche oder Camus beschäftigten sich mit dem Ideen des römischen Dichters, dessen biografische Daten ungenau und widersprüchlich sind; vermutlich lebte er zwischen den Jahren 99 und 53 v. Chr., der Rest bleibt im Dunklen.

"Über die Natur der Dinge" liegt in einer wunderschönen Leinenausgabe und in der Übersetzung von Klaus Binder vor, die in den radioTexten am Dienstag vorgestellt und kommentiert wird. Aus "De Rerum Natura" liest Gert Heidenreich, der Schriftsteller mit einer der hierzulande bekanntesten und beliebtesten Vorlese-Stimmen.

Ein unendlich freier Gesang von Lukrez

am 12. November 2019
um kurz nach 21.00 Uhr auf Bayern2
in den radioTexten am Dienstag

Das von Klaus Binder übersetzte und kommentierte, in Leinen gebundene Buch ist im Galiani Verlag Berlin erschienen, mit einem Vorwort von Stephen Greenblatt.

Moderation: Antonio Pellegrino

Unsere Lesungen können Sie nachhören: auf dieser Seite im Stream, als Download im Podcast-Center des Bayerischen Rundfunks und überall, wo es Podcasts gibt.


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