Bayern 2 - radioTexte


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Lesung am Feiertag Antonio Tabucchis geflügelte Wesen

Ein malender Mönch der Frührenaissance wird zum Helden in Antonio Tabucchis Erzählung „Die Vögel des Beato Angelico“. Der italienische Schriftsteller, berühmt geworden mit seinem Roman „Erklärt Perreira“, lässt im Klostergarten seltsam geflügelte Wesen landen, die den Mönch zu einem prächtigen christlich-mythologischen Fresko inspirieren werden. Lesung zu Ferragosto mit Thomas Loibl

Von: Kirsten Böttcher

Stand: 13.08.2020 | Archiv

Der italienische Schriftsteller Antonio Tabucchi 2002 während einer Pressekonferenz in Madrid, auf der er seinen neuen Roman "Es wird immer später" vorstellte. Foto: Gustavo Cuevas | Bild: picture-alliance/dpa

Wundersamer Besuch im Federkleid

Ordensbruder Fra Giovanni da Fiesole wird während seiner Zwiebelernte im Klostergarten seltsamer Flugaktivitäten über seinem Kopf gewahr. Drei Vögel schweben bei ihm ein, schutzbedürftige, fast lebensmüde Wesen, denen er Unterschlupf und Erholung bietet. Sie sind gekommen, um von ihm gemalt zu werden, wird er von ihnen erfahren. Sie dienen als Inspiration für ein großes Fresko, eine „Verkündigung“, das in kürzester Zeit in einem großen Kraftakt entsteht und das seine Klosterbrüder in Erstaunen versetzt.

Fra Angelicos "Verkündigung an Maria", Fresko, um 1437/45

"Die beiden anderen landeten am nächsten Tag im Morgengrauen, als Fra Giovanni auf dem Weg zum Gehege seines Gastes war, um zu sehen, ob er gut geschlafen hatte. Im rosafarbenen Licht des anbrechenden Tages sah er sie im Tiefflug daherkommen, in Schräglage, als versuchten sie verzweifelt, jedoch vergebens, die Höhe beizubehalten.(…) Einer setzte sogar wie eine große Libelle zu einem Gleitflug an und ließ sich mit gespreizten Beinen auf der Einfriedungsmauer nieder, wo er einen Augenblick sitzen blieb, als wäre er unschlüssig, auf welche Seite er fallen sollte, und schließlich plumpste er kopfüber in die Rosmarinsträucher des Beetes."

(Antonio Tabucchi, Die Vögel des Beato Angelico)

Beato Angelico - der engelsgleiche Selige

Der "engelsgleiche Selige" wurde der gärtnernde Mönch Fra Giovanni schon zu Lebzeiten genannt, bezogen auf seinen besonderen Stil christlicher Ikonografie.

Thomas Loibl | Bild: Renate Neder

Thomas Loibl liest Antonio Tabucchis Erzählung.

Die Kunst des italienischen Mönchs (wahrscheinlich um 1399 bei Fiesole geboren und 1455 in Rom verstorben) beförderte weitere Kunstwerke, beispielsweise Antonio Tabucchis Erzählung "I volatili del Beato Angelico", die erstmals 1987 publiziert wurde. Fünf Jahre zuvor war Fra Angelico durch Papst Johannes Paul II. selig gesprochen worden. Bis heute zählt der Mönch, der den Beginn der Frührenaissance einläutete, zu den wenigen selig gesprochenen Künstlern weltweit und gilt als Schutzpatron der christlichen Künstler. Noch Jahrhunderte später faszinieren seine Fresken und Gemälde. So dachte sich Antonio Tabucchi eine bildhafte, psychologisierende, fast groteske kleine Geschichte zu Beato Angelicos Darstellungen geflügelter Himmelswesen aus. Der italienische Schriftsteller (1943 in Vecchiano bei Pisa geboren), dessen Herz stark für Portugal und dessen Schriftsteller Fernando Pessoa schlug, feierte denn auch seinen größten internationalen Erfolg mit einem Roman über Portugal: 1994 erschien „Erklärt Perreira“, der später mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt werden sollte. Nach einem langen Kampf gegen den Krebs starb Antonio Tabucchi mit 68 Jahren im Jahr 2012 in Lissabon.

Die Vögel des Beato Angelico

von Antonio Tabucchi
an Ferragosto, am 15. August, 14.30 Uhr in den radioTexten auf Bayern2
Lesung mit Thomas Loibl
Moderaton und Redaktion: Antonio Pellegrino

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