Bayern 2 - Nachtstudio


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Lust an Pluralität Carolin Emcke: "Gegen den Hass"

Hass ist überall. Heute offensichtlicher denn je. Aber wie entsteht diese Form der Verblendung, die bestimmte Menschen für andere unsichtbar macht und zugleich monströs? Und wie ist dem zu begegnen? Carolin Emcke, Friedenspreisträgerin des Deutschen Buchhandels, analysiert, argumentiert und appelliert. Sie schreibt an gegen den Hass.

Stand: 12.10.2016

Carolin Emcke | Bild: picture-alliance/Sven Simon

Hassen

Wer hasst, hat es einfach. Er kennt keinen Zweifel, keinen Anspruch auf Präzision, favorisiert die eigenen Projektionen vor der konkreten Wirklichkeit. Fast könnte man ihn beneiden, den Hassenden, weil er sicher ist. Aber diejenigen, die anders sind, die der Hass zum Objekt hat, die er unsichtbar macht oder zur überdimensionalen Gefahr stilisiert, wollen sich nicht daran gewöhnen, dass sie angegriffen werden, missachtet, verletzt.

"Auch ich gehöre zu denen, die verachtet werden. Für die Art, wie ich liebe, und die Art, wie ich denke und schreibe. Aber immerhin für etwas, das ich tue. Das ist fast schon ein Privileg. Andere werden für ihre Hautfarbe oder ihre Körper gehasst."

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Carolin Emcke macht es sich nicht einfach. Sie sieht genau hin, beschreibt und analysiert die Mechanismen des Hasses, seine Ursprünge, Erzählweisen und vermeintlich rationalen Argumente. Zum Beispiel am Fall Clausnitz.

Handlungen anstatt Personen

Ortseingangsschild von Clausnitz

18. Februar 2016, im sächsischen Dorf Clausnitz wird ein Bus mit Flüchtlingen, die in der örtlichen Flüchtlingsunterkunft untergebracht werden sollen, von ca. 100 Demonstranten blockiert. Mit „Wir sind das Volk“ und ausländerfeindlichen Parolen schüchtern sie die Flüchtlinge ein, darunter Kinder, und bedrohen sie. Umstehende schauen zu, greifen nicht ein. Statt die Protestierenden zu beruhigen und ihnen Einhalt zu gebieten, bringt die Polizei die Flüchtlinge nur aus dem Bus in die Unterkunft.

Ein brüllender Mob, Zuschauer und überforderte Polizisten. Menschen, die hassen und danach handeln. Menschen, die zuschauen und den Hass dulden. Menschen, denen der Mut fehlt, zu widersprechen. Solches Tun und Nicht-Tun – nicht Biographien, Psychologie oder Milieu – macht Carolin Emcke zum Gegenstand der Analyse. Weil darin auch eine Hoffnung liegt. Die auf Veränderung.

"Mich interessiert das, was diese Menschen sagen und was sie tun, mich interessieren ihre Handlungen. Handlungen – anstatt Personen – zu betrachten und zu kritisieren eröffnet die Möglichkeit, dass sich die Personen von ihren Handlungen auch distanzieren, dass sie sich ändern können."

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Gegen den Hass

Solidaritätskundgebung in Clausnitz am 20.2.2016

Emcke beschreibt die Videoaufnahme von Clausnitz minutiös, verdeutlicht Hintergründe, entschlüsselt Denk- und Sprechweisen des Hasses: die Engführung von Wirklichkeit, Pauschalisierung, den Verlust von historischen Perspektiven, ein Denken in Polaritäten. Eine Analyse, die nicht zuletzt dadurch, dass sie selbst vorführt, was Widerstand gegen diese Denkweisen sein kann, zum mitreißenden Plädoyer für eine Kultur der Offenheit wird. Und ein Appell an uns alle.

"Jene, die dem Hass ausgeliefert sind und darin alleingelassen werden, fühlen sich wie es die klagende Stimme in einem Psalm artikuliert: ‚versunken in tiefem Schlamm, wo kein Grund ist’. Sie haben keinen Halt mehr. Sie fühlen sich in Wassertiefen geraten, und die Flut schwillt über sie her. Es gilt: sie nicht alleinzulassen, ihnen zuzuhören, wenn sie rufen. Nicht zuzulassen, dass die Flut des Hasses weiter anschwillt. Einen festen Grund zu schaffen, auf dem alle stehen."

Carolin Emcke: Gegen den Hass

Die Autorin
Carolin Emcke, geb. 1967, freie Publizistin. Studium der Philosophie in London, Frankfurt/Main und Harvard. Promotion über den Begriff „kollektiver Identitäten“. 1998-2013 Berichte über Krisenregionen in der ganzen Welt. 2003/2004 Visiting Lecturer für Politische Theorie an der Yale University. Organisation und Moderation der monatlichen Diskussionsreihe „Streitraum“ an der Schaubühne Berlin.

Auszeichnungen u.a. Theodor-Wolff-Preis (2008), Otto-Brenner-Preis für kritischen Journalismus (2010), Journalistin des Jahres (2010), Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (2014), Lessing-Preis des Freistaates Sachsen (2015). Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2016).

Werke u.a. „Kollektive Identitäten“ (2000), „Von den Kriegen. Briefe an Freunde“ (2004), „Stumme Gewalt. Nachdenken über die RAF“ (2008), „Wie wir begehren“ (2012), „Weil es sagbar ist: Über Zeugenschaft und Gerechtigkeit“ (2013).

„Gegen den Hass“ ist im S. Fischer Verlag erschienen.

Gegen den Hass

Nachstudio: "Gegen den Hass"
Von Carolin Emcke
Mit Katja Bürkle, Friedrich Schloffer, Katja Amberger
Regie: Martin Zeyn
BR 2016, 55’16
Dienstag, 18. Oktober 2016, 20:03 Uhr
Die Produktion steht ab Sendung 7 Tage zum Download bereit.

Kulturjournal
Auszüge aus der Rede von Carolin Emcke zum Friedenspreis der Deutschen Buchhandels
in der Paulskirche
Sonntag, 23. Oktober 2016, 18:05 Uhr


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