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Keine gute Wahl Deutscher Buchpreis für Bodo Kirchhoff

Der Deutsche Buchpreis an Bodo Kirchhoff ist eine Fehlentscheidung. "Widerfahrnis" ist Zeugnis eines vorgestrigen Machismo - und behandelt das Flüchtlingsthema auf schmerzhaft paternalistische Weise. Ein Kommentar von Knut Cordsen.

Von: Knut Cordsen

Stand: 18.10.2016

Bodo Kirchhoff, Deutscher Buchpreis 2016 | Bild: picture-alliance/dpa / Arne Dedert

Rainald Goetz hat einmal über das Auftreten Gerhard Schröders geschrieben, dieses sei das einer "Virilitätstrompete". Das trifft eins zu eins so auf die rotweingetränkte Literatur Bodo Kirchhoffs zu. Seine zu Unrecht mit dem Deutschen Buchpreis bedachte road novella "Widerfahrnis" ist ein Zeugnis eines vorgestrigen Machismo und überdies in ihrem kulturpessimistischen Parlando, in dem immerzu der Untergang des guten Buches beschworen wird, nur schwer erträglich. Worum geht es?

Peinliche Sex-Szenen, verquastes Buch

Um einen "Kleinstverleger" namens Julius Reither, der eine lange "Nachtfahrt" Richtung Sizilien unternimmt - im Auto, mit einer ihm bis dato Unbekannten, der Hutmacherin Leonie Palm, bei Kirchhoff nur "die Palm" genannt. Mit ihr landet er im Bett, was beim 68-jährigen Schriftsteller "sein Anprall an ihre weichen Klippen" ist. Gefährliche Brandung! Schon in Kirchhoffs Vorgänger-Roman "Die Liebe in groben Zügen" (2012) schoss ein Boot namens "Orgasm Hunter" durch die Wellen und die Frau half dem Manne, sein "weniges" "wie ein weiches Tier in das Nest zu schieben, aus dem es gefallen zu sein schien" - Vögeln, federleicht gemacht. Danach erst mal eine Zigarette. Geraucht wird in "Widerfahrnis" so stark, dass man sich fragt, ob es nicht entsprechende Warnhinweise auf dem Buchdeckel bräuchte.

Ach, wäre das Buch nur verqualmt und nicht auch noch so verquast. Gute Verlage? Gibt es kaum mehr; sie sind, raunt der Erzähler, "so weggeschmolzen von der Abwärme des Banalen wie die letzten Gletscher mit all ihrer sperrigen Schönheit". Wegschmelzende Verlage! Eines Salvador Dalí würdig, dieses Bild. Bei der Jury des Deutschen Buchpreises kommt so etwas besonders gut an, sie ist sich nicht zu schade, derlei "gefühlsecht" zu nennen, als wären Bücher jetzt Kondome. Und Bodo Kirchhoff selbst? Nahm den Preis am 17. Oktober in aller Gravität entgegen.

"Etwa vor fünf Jahren habe ich das Wort 'Widerfahrnis' zum ersten Mal gehört. In dem Zusammenhang der Theologie, aber man findet es auch bei Heidegger. Dagegen findet man es nicht im Duden. Für den Schriftsteller war das natürlich ein wunderbares, vielleicht auch mulmiges, verrücktes Gefühl, dass er von da an alleiniger Inhaber eines so machtvollen Wortes ist. Was für ein Titel, dachte ich, aber es gab keine Geschichte zu dem Titel, und die wollte ich mir auch nicht ausdenken, die sollte irgendwie kommen. Sie kam aber nicht, ich habe dann etwas anderes geschrieben. Das war dann erst der Fall letztes Jahr auf einer Reise nach Sizilien. Im Gepäck ein Manuskript, an dem ich schon lang gearbeitet hatte, und am Steuer meine erste und unerbittlichste Leserin, die überhaupt noch nicht zufrieden war mit diesem Manuskript. Sie fordert immer eine Gratwanderung zwischen einem Erzählen, das guttut und einem Erzählen, das wehtut. Und dieses Wehtuende, das war dann auf dieser Reise nicht mehr zu übersehen."

Bodo Kirchhoff in seiner Dankesrede zum Deutschen Buchpreis

Nicht zu übersehen ist freilich auch die schmerzhaft paternalistische Art, in der Bodo Kirchhoff in seiner Novelle die Flüchtlingsthematik behandelt. Da wird das namenlose Flüchtlingsmädchen, das das gutsituierte Paar aufliest, ernsthaft "unsere Kleine" getauft - so, wie zuvor schon die "kinderbibelschöne" Rezeptionistin aus Afrika "unsere Eritreerin" heißt. Nein, Bodo Kirchhoff hat - anders als die Jury des Deutschen Buchpreises behauptet - gerade nicht "auf meisterhafte Weise existentielle Fragen des Privaten und Politischen vermengt" - er hat vielmehr ein inhaltlich wie sprachlich höchst prekäres Werk geschaffen.

Frankfurter Lokalmatador und Ex-Juror

In seinem zwölften Jahr geht der Deutsche Buchpreis an einen Frankfurter Lokalmatador, der am Main seit 46 Jahren lebt und der im Gründungsjahr dieser Auszeichnung 2005 selbst Jury-Mitglied gewesen ist. "Frankfurt hat für mich auch aus diesen Gründen eine sehr gute Energie", sagt Bodo Kirchhoff. Um es mit einem falschen Superlativ aus "Widerfahrnis" zu sagen: Diese Frankfurter Preisvergabe gehört zu den "sich andienernsten", die die literarische Welt gesehen hat.


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