Bayern 2 - Hörspiel


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Arno Schmidt Nobodaddy's Kinder

Stand: 29.06.2015 | Archiv

Arno Schmidt | Bild: picture-alliance/dpa

Utopische Prosa

Der utopische Prosatext Schwarze Spiegel wurde erstmals 1951 publiziert. Arno Schmidt legte den als Niederschrift eines namenlosen Ich-Erzählers konzipierten Text in die nahe Zukunft, in den Zeitraum vom 1. Mai 1960 bis Ende August 1961. Schmidt erschienen die frühen fünfziger Jahre wie eine Zwischenkriegszeit, ein kurzes Atemholen vor dem Dritten Weltkrieg. „Atombomben und Bakterien hatten ganze Arbeit geleistet.“ Fünf Jahre nach einem atomaren Krieg bewegt sich der Erzähler, der sich für den einzigen Überlebenden hält, mit dem Fahrrad über zerbröckelte Straßen in der Lüneburger Heide. Das Experiment Mensch, analysiert er, ist gescheitert. Mit der Brechstange in der Hand und mit zwei umgehängten Waffen fühlt er sich als Herr der Welt. Doch er lebt mit der ständigen Angst, anderen Menschen zu begegnen.

Arno Schmidt: Schwarze Spiegel

Mit Corinna Harfouch, Ulrich Wildgruber
Bearbeitung: Klaus Buhlert/Herbert Kapfer
Komposition und Regie: Klaus Buhlert
BR 1997

Leben in der Phantasie

Aus dem Leben eines Fauns, 1952/53 entstanden, schildert das Leben des kleinen Beamten Düring in der Lüneburger Heide während der NS-Zeit. Seine Haltung beschreibt er so: „Nur schade, dass ich, ein Sehender, das Blinde-Kuh-Spiel werde mitmachen müssen.“ Düring führt ein Doppelleben: Ehe, Beruf, Familie und Politik werden nur pro forma wahrgenommen. Dürings eigentliches Leben spielt sich zum einen in der Phantasie und in der Lektüre ab, zum anderen in einer Hütte im Schilfwald, die ein Deserteur aus der Napoleonischen Armee 1813 errichtet hat. Der Wind, der Mond, die Heidelandschaft, die Romantiker bilden eine Gegenwelt, die vom Nationalsozialismus nicht erfasst werden kann. Dürings Versuch, die Existenz des desertierten Fauns nachzuleben, scheitert.

Arno Schmidt: Aus dem Leben eines Fauns

Mit Ulrich Wildgruber
Bearbeitung und Regie: Klaus Buhlert
BR 1998                                          

Selbst verschuldete Einsamkeit

In dem 1951 entstandenen Prosatext Brand’s Haide kehrt der Soldat Schmidt aus der Kriegsgefangenschaft zurück. In Blakenhof, in der Lüneburger Heide, versucht er, sein Leben neu einzurichten. Der Heimkehrer besitzt nur die Kleidung, die er am Leibe trägt, und einige Bücher. Liebevoll gedenkt er der Gaben der Engländer: einer Rasierklinge und Seife. Schmidt konzentriert sich auf ein großes Projekt, eine Biografie des romantischen Schriftstellers Fouqué, dessen Werk er schändlich vernachlässigt sieht. Brand’s Haide ist der Name eines düsteren Waldreviers im Hohen Fläming in Brandenburg, das der Knabe Fouqué oft durchqueren musste. Schmidt überträgt den Namen auf die Wälder um Blakenhof. Schmidt wird in eine Baracke eingewiesen, in der die Mädchen Lore und Grete hausen. Er verliebt sich in Lore, die seine Liebe erwidert, ihn jedoch verlässt, um einen ungeliebten, aber wohlhabenden Mann in Mexiko zu heiraten. Der Protagonist bleibt in ebenso selbst verschuldeter wie gewählter Einsamkeit zurück: „Als junger Mensch: 16 war ich, bin ich aus Eurem Verein ausgetreten.“

Arno Schmidt: Brand’s Haide

Mit Ulrich Wildgruber, Juliane Köhler, Jacqueline Macaulay
Bearbeitung und Regie: Klaus Buhlert
BR 1998

Arno Schmidt (1914–79), Autor, Publizist, Übersetzer. Auszeichnungen u.a. Fontane-Preis (1964), Goethe-Preis (1973). Werke u.a. Leviathan (1949), Kaff, auch Mare Crisium (1960), Zettels Traum (1970). Weitere BR-Hörspieladaptionen der Trilogie Nobodaddy’s Kinder: Schwarze Spiegel (1997), Aus dem Leben eines Fauns (1998).


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