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Der erste Faschist Neue Mussolini-Biografie von Hans Woller

Wenn von Benito Mussolini die Rede ist, dann erscheint er nicht selten als der gegenüber Hitler weniger ernst zu nehmende Faschist. Der Historiker Hans Woller rückt dieses Bild in seiner neuen Mussolini-Biografie zurecht.

Von: Christine Hamel

Stand: 14.07.2016

Benito Mussolini (undatierte Aufnahme) | Bild: picture-alliance/dpa

Der häufig ausgerufene biographic turn in den Geisteswissenschaften hatte hierzulande bisher einen weiten Bogen um Benito Mussolini gemacht. Vielleicht hemmte der Vergleich mit Hitler? Ideologisch, so die gängige Meinung, war Mussolini ja doch der kleinere Bundesgenosse Hitlers, radikal und gewalttätig, aber nicht in dem Maße wie Hitler. Der selbst ernannte Duce, dem immer etwas Operettenhaftes anhaftet, hielt es ja doch mit dem Faschismus eher so all’italiana, mediterran locker. Der Münchner Historiker Hans Woller korrigiert in seinem Buch "Mussolini. Der erste Faschist" derartige Vorstellungen und zeichnet nüchtern das Portrait eines Mannes, der taktisch und skrupellos seine Ziele verfolgt und seine Gegner brutal ausschaltet.  

"Mein Buch ist die erste Mussolini-Biografie aus deutscher Feder, was auch heißt, dass ich die deutschen Quellen mit heranziehe und die italienischen, so dass sozusagen eine gegenseitige Beleuchtung möglich ist. Und der zweite Punkt, der mir besonders wichtig erscheint, ist: Ich nehme Mussolini ernst. Also Mussolini ist schon relativ früh auf Gewalt gepolt. Hinzu kommt, dass die italienische Gesellschaft mindestens seit der Jahrhundertwende außerordentlich gewalttätig gewesen ist. Das ist das geistige Umfeld, das Lebenselixier, die gesellschaftliche Konstellation, in der Mussolini aufwächst, also Gewalt ist für die italienische Gesellschaft nichts Besonderes in dieser Zeit."

Hans Woller

Werdegang eines Faschisten

Die Gliederung der Biografie ist originell: Sie nennt jeweils einen mit Mussolinis Lebenslauf verbundenen Ort und ein konkretes Datum dazu und spannt den Bogen von Predappio über Rom, Addis Abbeba bis nach Berlin und wieder zurück nach Predappio, einer Kleinstadt in der Emilia Romagna, in der Mussolini am 29. Juli 1883 zur Welt kommt - in nicht ganz so ärmlichen Verhältnissen, wie es die Duce-Saga will. Heute ist Predappio eine Pilgerstätte der in Italien liebevoll als "Nostalgiker" bezeichneten Neofaschisten, die sich hier vor dem Marmorsarkophag ihres Führers in stolzes Gedenken versenken.

Hitler und Mussolini fahren im Mai 1938 im offenen Wagen durch Florenz

Angesichts der verstörenden, immer noch großen Strahlkraft Mussolinis ist Wollers Biografie ein ernstes Entzauberungsprogramm: Detailliert werden der Aufstieg und die Radikalisierung eines Mannes geschildert, der ein Rohling ist, aber zutiefst von seiner vermeintlichen Auserwähltheit überzeugt, virile Tatkraft stilisiert, seinen antibürgerlichen Furor zunächst auf der Seite der Sozialisten einbringt, Gewalt predigt und praktiziert, den Faschismus begründet – Woller charakterisiert ihn in seinen Anfängen als eine "paramilitärische Kampf, Gefühls- und Glaubensgemeinschaft" – Hitlers Verbündeter wird und monströse Verbrechen in den Eroberungskriegen in Libyen, Abessinien, auf dem Balkan und in Russland verantwortet. Auf seine Fliegerstaffel war Mussolini besonders stolz, seine beiden Söhne Bruno und Vittorio waren dabei sowie sein Schwiegersohn Galeazzo Ciano. Mehr als 350.000 Abessinier verloren während des Krieges und der italienischen Besatzungszeit ihr Leben.

"Die Luftwaffe blieb ihrem verbrecherischen Ruf nichts schuldig. Sie flog in Abessinien die massivsten und brutalsten Einsätze, die die Welt bis zu diesem Zeitpunkt erlebt hatte. Ihre Ziele fand sie nicht nur unter den gegnerischen Soldaten. Häufig entlud sie ihre Brand- und Giftgasbomben auch über Dörfern, Viehherden und Wasserstellen, die sich daraufhin in Todesfallen verwandelten."


aus: Hans Woller, "Mussolini. Der erste Faschist. Eine Biografie", Verlag C.H.Beck 2016

Mussolini, der überzeugte Antisemit

Woller entlarvt auch die weichgezeichnete Auffassung, nach der Mussolini die Rassengesetze von 1938 auf Druck der Deutschen angenommen habe, als Legende. Spätestens seit 1920 war Mussolini Antisemit und folgte dem damals weit verbreiteten Antijudaismus der katholischen Kirche. In den 20er-Jahren verschärfte sich sein Antisemitismus, Mussolini vermutete nun hinter all seinen Gegnern, etwa den Regierungen in London oder Paris, antifaschistische, angeblich jüdische Komplotte.

Historiker Hans Woller

Ende der 20er-Jahren trennte Mussolini sich von seiner jüdischen Geliebten, und seiner Tochter verbot er, einen Juden zu heiraten. 1932, also schon ein Jahr vor Hitlers Machtantritt, begannen dann in Italien hinter den Kulissen Säuberungsaktionen, Juden mussten überall ihre Führungspositionen aufgeben. "Der Katalog diskriminierender Gesetze wurde […] bis 1943 erweitert und verschärft, und zwar nicht nur von der Regierung in Rom, sondern immer häufiger auch auf Initiative der Kommunen und Provinzen. Die Botschaft des 'Duce' hatte gezündet und eine Dynamik der antisemitischen Selbstermächtigung in Gang gesetzt, die kaum mehr zu bremsen war", schreibt Hans Woller. Kaum mehr zu bremsen war auch die Begeisterung der Italiener für ihren Duce. Mussolini war binnen kürzester Zeit zum Hoffnungsträger avanciert, da man ihm zutraute, das wirtschaftlich darniederliegende und politisch heillos zerstrittene Land wieder zur Geltung zu bringen.  

"Um den Faschismus gab es selbstverständlich etwas Modernes, und zwar, das Moderne war, Mussolini hat eine Alternative geboten. Der Liberalismus, die Demokratie hatte in den Augen der allermeisten Zeitgenossen damals völlig abgewirtschaftet und keinerlei Zukunftsperspektive. Auf der anderen Seite war auch in den Augen ganz vieler Leute der Kommunismus, der Marxismus tot. Mussolini hat nun eine neue Herrschaftsform angeboten, die nicht nur auf Gewalt beruhte, sondern eine autoritäre Herrschaftsform, der es gleichzeitig gelang, die Massen für sich zu mobilisieren. Hinzu kamen sozialstaatliche Maßnahmen, Mussolini hat den Italienern vorgegaukelt, dass der Staat nicht nur nimmt, sondern dass der Staat auch etwas gibt."

Hans Woller

Hans Woller ist ein Meister der in der Geschichtswissenschaft geforderten "dichten Beschreibung". Sein Mussolini-Buch ist eine stark konturierende biografische Studie, die Mythen entlarvt und eine hellsichtige politische Analyse des Faschismus liefert. 

Diwan

Für das Büchermagazin auf Bayern 2 hat Christine Hamel "Mussolini. Der erste Faschist. Eine Biografie" von Hans Woller gelesen und mit dem Autor gesprochen.
Zu hören ist ihr Beitrag am Samstag, den 16. Juli 2016 ab 14:05 Uhr auf Bayern 2 (Wiederholung 21:05 Uhr).


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