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70 Jahre Israel - ein Tel Aviv-Krimi "Achtzehn Hiebe" - der neue Roman von Assaf Gavron

Geschichte ist in Israel unvermeidbar. Diesmal wollte Assaf Gavron nur eine Liebesgeschichte schreiben, Tel Aviv und ein Taxifahrer. "Aber Politik und Geschichte sind überall, das kann man nicht ausklammern, und eigentlich liebe ich es auch, mich damit zu beschäftigen und die Sache aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten. Unser Land ist mit Geschichte durchtränkt, überall ist sie Teil des Lebens. Von Zeit zu Zeit versuche ich, aus Israel rauszukommen, denn es ist so intensiv," erzählt Assaf Gavron in einem Gespräch mit Cornelia Zetzsche.

Von: Cornelia Zetzsche

Stand: 08.05.2018

Assaf Gavron | Bild: picture-alliance/dpa

Cornelia Zetzsche: "Achtzehn Hiebe“, Ihr neuer Roman, Assaf Gavron, ist eine Art Kriminalgeschichte, sie spielt 2013, führt aber zurück ins Jahr 1946, bevor der Staat Israel proklamiert wurde. Die Hauptfigur Eitan Einoch, genannt Krokodil, war IT-Experte, ist nun ein Taxi-Fahrer, der seine Stadt, Tel Aviv, liebt. Er ist 44, geschieden, eine Tochter, eigentlich ein Durchschnittsbürger, aber einer, der drei Attentate überlebt hat. Eines Tages fährt er eine elegante alte Dame, Lotta Perl, zu einem Friedhof, und dann führt sie ihn in die Vergangenheit, in die Geschichte, ins Jahr 1946. Warum war es so interessant für Sie, 70 Jahre zurück zu gehen, in die Zeit vor Israels Staatsgründung?

Assaf Gavron: "Ein Grund war die Vorstellung, dass immer noch Menschen mit uns leben, die diese Zeit erlebten. Es geht um Erinnerung, um persönliche Geschichte und darum, wie sie erzählen, wie sie die Dinge sehen. Diese Mandatszeit war völlig verrückt, das war zwischen den Weltkriegen, drei Jahre vor Israels Staatsgründung, die letzten Jahre des britischen Mandats.

Die Briten hassten es, hier zu sein, sie wussten nicht, was sie tun sollten, sie hatten die Juden auf der einen, die Araber auf der anderen Seite, beide töteten, warfen Bomben, wollten sie raus haben. Die Briten dachten, sie tun Gutes, sie hatten den 2.Weltkrieg gewonnen, sie hatten die Welt befreit - für die Juden, für jeden, und nun wurden sie von den Juden gehasst. Es ist eine merkwürdige Zeit, sehr gewalttätig, sehr dramatisch. Mich interessiert das auch aus persönlichen Gründen: Ich bin Brite, meine Eltern emigrierten aus England nach Israel, ich habe diese britische Seite in mir, ich wuchs in einem britischen Elternhaus auf und habe immer noch eine große Familie in England. Ich bin diesen zwei Seiten meiner Identität nie wirklich begegnet, und die britische Mandatszeit ist perfekt, um diese britisch-israelisch-jüdische Dualität anzugehen."

Sie erzählen eine Liebesgeschichte zwischen zwei jungen britischen Soldaten und zwei jüdischen Mädchen, aber Fraternisierung ist verboten, Kontakt ist schwierig, warum war die Beziehung so angespannt?

"Achtzehen Hiebe"

So beginnt der neue Roman:
"Ich setzte meine Kleine an der Schule ab, genehmigte mir einen Espresso im Stehen, den ich mir mit einem Schluck direkt ins Hirn schüttete, und ging im Nieselregen zum Taxi, das vor dem Café rot-weiß aufflackerte. In dem Moment, in dem ich mich hineingesetzt hatte, kam der Ruf: Bin-Nun-Straße, Ecke Habaschan. Wenn man Taxi fährt, steigt man in der Früh in den Wagen und weiß nicht, wo man in fünf Minuten sein wird. Man fährt und fährt, acht Stunden, zehn Stunden – verschiedene Richtungen, verschiedene Leute, verschiedene Unterhaltungen –, und kommt nirgendwo an..."

"Das britische Mandat dauerte 30 Jahre. Zu Beginn versuchten die Zionisten mit den Briten gut Freund zu sein, damit sie uns helfen. Und sie halfen in vielerlei Hinsicht bei der Entwicklung. Aber später wurden sie zum Feind, denn als Regenten dieses Ortes machten sie es jüdischen Migranten nach dem Holocaust schwer, nach Israel zu kommen. Und die Juden wollten Unabhängigkeit, sie wollten das Land für sich, nicht diese britische Herrschaft. Das war der Samen für den Hass gegen die Briten.
Im Alltag der einfachen Leute gab es immer Kontakte, auch zwischen Männern und Frauen gab es dieses Interesse am andern, jüdische Frauen sahen die britischen Soldaten als Männer aus einem entwickelten Land, sie sahen in ihnen eine Chance für sich selbst, und für die britischen Jungs waren die jüdischen Mädchen exotisch, sexy und schön."

Aber es gab den Hass, es gab subversive Untergrundarbeit auf jüdischer Seite, Attentate, Terror, Angriffe, Sie beschreiben die Stern-Gruppe und die Etzel-Gruppe, was geschah da?

"Nach dem Krieg kochte die Sache hoch, die Juden lehnten die britische Herrschaft ab und wollten sie beenden. Ein Weg war Terror. Es gab verschiedene Gruppen, die beiden Hauptgruppen waren die Stern-Gang, die Lechi auf Hebräisch, und die Etzel. Geführt wurden sie von zwei Männern, die später Premierminister von Israel wurden: Menachem Begin von der Etzel-Gruppe und Jitzhak Schamir von den Lechi, die beide im Buch auftauchen."

.. und die sie beide ziemlich kritisch beschreiben ..

" ..  ja, Jitzhak Schamir war zu dieser Zeit wirklich ein Terrorist, anders kann man ihn gar nicht beschreiben. Ich weiß nicht, ob ich ihn kritisch schildere, aber er wird veräppelt, er war ja sehr klein, eine Art Zwerg. Mit diesen Mythen wachsen Israelis auf, mit diesen Helden auf der Woge der Unabhängigkeit, die die britischen Herrscher hinausspülte. Tatsächlich erschossen sie britische Soldaten, zündeten Bomben, sprengten Züge in die Luft, raubten Banken aus, es war wirklich eine wilde Zeit."

Sie beschreiben diesen Widerstand als Terrorismus, und die Gewalt von damals hält bis heute an. Ich las diese Zeit als Wurzel der Gewalt heute.

"Ja, und das ist eine große Diskussion in Israel, das heißt: für die Allgemeinheit nicht, da werden sie als Befreier gesehen, aber was sie taten, kann man nur Terror nennen. Und wenn wir heute die palästinensische Gewalt anschauen, sagen Israelis, das ist Terror, aber man könnte sagen: wir taten das gleiche, der Terror heute ist auch ein Akt der Befreiung, da gibt es eine Parallele, die ich vielleicht für ein paar Leute erschließen kann."

Der Titel „Achtzehen Hiebe“ ist eine Geschichte von Strafe und Rache. Mit 18 Hieben bestraften die Briten einen aus der Etzel-Gruppe mit Bambusstöcken, und die Etzel-Gruppe bestrafte in Ihrem Roman die zwei britischen Soldaten mit 18 Peitschen-Hieben. Haben Sie die Geschichte erfunden? Ist sie wahr?

Assaf Gavron

Assaf Gavron wurde am 21. Dezember 1968 in Arad geboren, wuchs in einem Dorf nahe Jerusalem auf, studierte in London und Vancouver und lebt heute mit seiner Familie in Tel Aviv. Verblüffend ist seine Vielseitigkeit. Er hat Gastrokritiken verfasst, gemeinsam mit Amerikanern und Palästinensern das Computerspiel "Peacemaker" entwickelt, er spielt in der Indie-Punkb"and "Hape Ve Hatlafajim" (zu Deutsch „Maul und Klauen“) und in der israelischen Schriftsteller-Fußballmannschaft. Außerdem übersetzte er amerikanische Klassiker etwa wie J. D. Salinger oder Philip Roth ins Hebräische. In Isreal ist Assaf Gavron ein Bestseller-Autor und wurde für seine Romane mit renommierten Preisen bedacht.

"Es ist eine wahre Geschichte. Israelis wachsen auf mit diesen Mythen und berühmten Geschichten aus der Mandatszeit, diese hier ist eigentlich wenig bekannt, ich kannte sie auch nicht, bis ich mit dem Buch begann. Die Briten bestraften die Terroristen mit der Todesstrafe, normalerweise wurden sie gehängt. Aber im Empire gab es die Regel, Kriminelle unter 18 Jahren nicht zu hängen, sie wurden mit 18 Hieben bestraft. Begin, den Kopf der Etzel-Gruppe, machte das wahnsinnig, er hasste das. Er akzeptierte die Todesstrafe und sagte, wenn ein Soldat für etwas kämpft, kann er sterben, aber Hiebe konnte Begin nicht akzeptieren. Nach einem bewaffneten Raub, bei dem mehrere Leute getötet worden waren, erhängten die Briten die Täter, und ein Junge unter 18 bekam die Hiebe. Und Begin sagte zu seinen Kämpfern: 'Geht und findet britische Offiziere und macht mit ihnen dasselbe, zieht ihnen die Hosen runter und schlagt sie 18 mal.' Das geschah eines Nachts wirklich, es demütigte die Briten, überall gab es Karikaturen, die Franzosen liebten es, und möglicherweise war es der Anfang vom Ende des Britischen Mandats. Weil es keine berühmte Geschichte ist, war ich daran interessiert, sie etwas zu erforschen, und ich dachte, wer waren die Jungs, die diese Schläge bekamen, wie war die Geschichte?  Ihre Liebesbeziehungen mit den Jüdinnen, die Untreue und die persönliche Rache, die damit verbunden ist, das habe ich erfunden."

Drei der vier Menschen aus dieser Liebesgeschichte von 1946, zwei britische Soldaten, zwei jüdische Frauen begegnen sich 2013 wieder und binnen weniger Wochen werden drei der vier getötet, damit beginnen Sie eine Kriminalgeschichte, warum dieses Genre?

"Als Schriftsteller spiele ich gern mit Genres. Es ist auch keine reine Kriminalgeschichte, es ist Krimi, historischer Roman und Liebesgeschichte, alles zusammen. Mir gefällt es, wie ich schon sagte, der Gedanke, dass Menschen unter uns leben, die diese dramatische Zeit erlebten, und ich fragte mich, was geschieht, wenn die Vergangenheit zurück kommt und einen jagt? Und was überlebt? die Liebe? Überlebt die Demütigung über all die Jahre, das wollte ich erforschen. Und am Genre der Kriminalgeschichte hatte ich einfach Spaß, nicht mit  einem Profi-Ermittler, sondern mit einem Taxifahrer, einem Amateur. Sein Freund und  er sind keine wirklich guten Ermittler, sie sind sehr emotional, ergreifen Partei und verpassen einiges. Aber mit gefiel die Idee von einer Rache, die über so viele Jahre bestehen bleibt und plötzlich wach wird."

Sie erzählen auf historischer und persönlicher Ebene, und die Frage taucht auf: Inwieweit kann eine persönliche Geschichte die politische Lage beeinflussen? Haben Sie eine Antwort?

"Ein berühmter Autor sagte mal, Literatur hat keine Antwort, sie stellt die Fragen, so gut wie möglich. Ich habe keine Antwort, aber ich bin wirklich neugierig, und ich denke, darum geht es im Buch: Was ist Geschichte? Sind das nur Politiker und ihre Entscheidungen und die Kriege? Oder können persönliche Dinge, eine Liebesgeschichte, eine Rache, zu Größerem führen? Das geschieht hier: es gibt eine Liebesgeschichte, eine Untreue, eine Affäre und eine Art Rache aus persönlicher Wut, die plötzlich zu einer nationalen Geschichte aufgeblasen wird."

Israel feiert in diesen Tagen seine Staatsgründung vor 70 Jahren – wie ist Ihr Blick auf Israel heute? 

"Ich liebe Israel, und bin einerseits stolz darauf, aber ich sorge mich auch um Israel, bin beunruhigt und enttäuscht aus vielerlei Gründen. Es ist verblüffend, was in 70 Jahren geschah, und das ist in vielen Bereichen bemerkenswert. Dass ich ein Teil davon bin, macht mich glücklich und stolz. Aber mit 70 Jahren ist Israel auch in einer schwierigen Lage, denn wir haben einen großen Elefanten im Raum, den wir nicht ignorieren können, und die Israelis ignorieren ihn, und das ist die Besatzung. Ich denke, viele Israelis finden Wege, sie zu rechtfertigen und nichts davon zu wissen, aber es ist unmöglich, eine Militärherrschaft über Millionen Menschen auszuüben und ihnen kein Selbstbestimmungsrecht zu geben, erst ihren eigenen Staat und dann die Möglichkeit, sich frei zu bewegen. So kann es nicht weiter gehen, wir sollten es beenden und zwar so, dass es für alle gut ist. Als Schriftsteller kann ich nur hoffen, dass die Menschen miteinander reden und sich kennenlernen. Denn das größte Problem der letzten 20 Jahre ist der fehlende Kontakt, so wächst die Angst vor der anderen Seite am leichtesten. Eine Verbindung herzustellen mit Geschichten, mit Begegnungen, mit Büchern, das ist alles, was ich tun kann. Das könnte ein Anfang sein."

"Achtzehn Hiebe" von Assaf Gavron


Zu hören ist das Gespräch mit Assaf Gavron im "Diwan - Das Büchermagazin" am Sonntag, dem 6. Mai um 14.05 Uhr auf Bayern 2.
Der neue Roman in der Übersetzung von Barbara Linner ist erschienen bei Luchterhand und kostet 22 Euro


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