Bayern 2

Reparieren Sie's selbst - mit Hilfe von anderen

Repair-Cafés & Co. Reparieren Sie's selbst - mit Hilfe von anderen

Stand: 20.11.2017

Aktion gegen die Wegwerfgesellschaft | Bild: BR / Angela Braun

Fast schon gilt es als normal, dass Handyakku oder Kamera gerade mal die Garantiezeit überleben. Und natürlich geht nicht gleich das ganze Ding kaputt. Aber irgendein ganz wichtiges Teil ist futsch. Und die Reparatur ist oft teurer als ein Neukauf. Aber stopp! Moment! Nicht gleich wegschmeißen! Vieles können Sie selbst reparieren - wenn Sie sich rantrau'n. Und dabei sind Sie nicht allein: Es gibt reichlich Hilfe!

Wer hat schon gelernt, mit dem Lötkolben umzugehen? Wer weiß schon, wie er Elektrogeräte fachgerecht auseinanderbaut? Welche Teile er problemlos ersetzen kann, ohne sich einen Schlag zu holen? Wer traut sich an seinen Computerbildschirm ran, wenn er flimmert, an die Waschmaschine, wenn sich die Trommel nicht mehr dreht oder an die Spülmaschine, wenn die Überschwemmung droht? Das ist, zugegeben, "Do it yourself für Fortgeschrittene". Aber vieles können Sie sich selbst aneignen. Und bei anderem wird Ihnen geholfen. An immer mehr Orten in Bayern.

Repair-Cafés und Offene Werkstätten

Brauchen Sie ein bisschen Hilfe beim Radl-Richten? Da gibt es nicht nur die Bikekitchen in Augsburg. Brauchen Sie einfach nur den Raum und das Werkzeug, um sich mit Ihren eigenen kreativen Ideen auszutoben? Dann mischen Sie sich mal unter die "Mächler" im Kempodium in Kempten. Wollen Sie mit einem Schneidplotter Ihren individuellen Folienaufdruck für ein T-Shirt schneiden? Dann sind Sie vielleicht beim FAU FabLab in Erlangen richtig. Dort können Sie auch Platinen basteln, wenn's mal nötig ist. Nur ein winziger Blick in die wachsende Welt an Offenen Werkstätten.

Und wer nur ein wenig Hilfe und Anleitung benötigt, um ein Stuhlbein wieder richtig gut anzukleben oder einen kaputten Schalter auszuwechseln, dem wird in immer mehr sogenannten "Repair-Cafés" geholfen, die regelmäßig von offenen Werkstätten oder Vereinen angeboten werden. Dort treffen Menschen mit ein bis zwei linken Händen auf Hobby-Bastler, die gern ihr Können und Wissen weitergeben. Nichts für überzeugte Konsumenten, denn hier ist Selbst-Hinlangen Programm. Repair-Cafés sind nachhaltig, nicht nur, weil sie Müll vermeiden, sondern weil ihre Nutzer etwas dazulernen.

"Der erste Gedanke soll sein: Wie repariere ich das? Nicht, wo bekomme ich es neu."

Gerhard Busch, Gründer des Repair-Cafés in Germering bei München

Das funktioniert nur, weil es an all diesen Orten genügend Freiwillige gibt, die sich mit Engagement daranmachen, der Wegwerfgesellschaft etwas entgegenzusetzen. Und es funktioniert, weil die meisten Reparaturen keine so große Kunst sind, wie wir Verbraucher im ersten Moment denken.

"Unsere Erfolgsquote liegt bei neunzig Prozont, das meiste ist schnell erledigt."

Chris Hermannn, Repair-Café Nürnberg

Nicht alle sind glücklich

Ob man die Hilfe der Hobby-Bastler in Repair-Cafés tatsächlich als "Variante der Schwarzarbeit" ansehen sollte, wie es Dieter Wiermann, Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Elektro- und Informationstechnische Handwerke NRW im Gespräch mit WDR.de meinte, ist durchaus fraglich. Zumal die meisten Angebote kostenlos sind. Doch Wiermann weist auch darauf hin, dass es oft einen guten Grund gibt, warum nur Fachleute Reparaturen vornehmen sollten:

"Denn es nutzt alles nichts, wenn ein Gerät günstig repariert wurde – und danach besteht eine Brandgefahr oder es kommt gar eine Person zu Schaden."

Dieter Wiermann, Hauptgeschäftsführer des Fachverbandes Elektro- und Informationstechnische Handwerke NRW im Gespräch mit WDR.de

Buchtipps für Bastler

Die Kultur der Reparatur

Das Reparieren erlebt ein Revival. Wolfgang M. Heckl, der Generaldirektor des Deutschen Museums, sieht die Reparatur als ein "Erfolgsmodell der Menschheit". Mit einer reinen Wegwerfgesellschaft könne man keine Zukunft gestalten, sagt er.

Deswegen hat er ein Pläydoyer für eine Kultur der Reparatur geschrieben. Denn die Lust am Reparieren und Gestalten schone nicht nur unsere Ressourcen, sagt er, sondern sie mache uns auch zu glücklicheren Menschen.

Wolfgang M. Heckl
Die Kultur der Reparatur
Hanser Verlag 2013
ISBN-13: 978-3446436787

Selbermachen für Mädchen

Ein Buchtipp für alle, die früh in allen Lebensbereichen selbstständig werden wollen, ist "Mach's selbst. Do it Yourself für Mädchen". Die Autorinnen sind Berliner DIY-Aktivistinnen, die in einem poppig aufgemachten, nicht allzu dicken Ratgeber Appetit aufs Selbergestalten machen - und das nicht nur in mädchentypischen Bereichen wie Mode oder Schmuck, sondern auch im politischen Bereich oder beim Heimwerken. Die Anleitungen gehen nicht davon aus, dass der Leser bereits Erfahrung im Basteln hat. Die Themen sind nicht abgehoben, sondern ganz einfach und handfest: Es geht erstmal grundsätzlich darum, eine Bohrmaschine in die Hand zu nehmen oder seine Fahrradkette zu ölen und noch nicht um fortgeschrittene Basteleien.

Sonja Eismann und Chris Köver:
Mach's selbst. Do it Yourself für Mädchen
Beltz & Gelberg 2012
ISBN: 978-3-407-75363-2

Wider den Murks - Machen Sie mit!

Murks-Bekämpfer Stefan Schridde

Manchmal liefern Hersteller bewusst "Murks", das Fachwort dafür ist Obsoleszenz. Den sollte jeder melden, findet Anti-Murks-Aktivist Stefan Schridde. Er lebt in Berlin und coacht Unternehmen, wie sie Produkte langlebiger machen. Er findet: Es wird Zeit für eine Gegenbewegung zur Obsoleszenz. Außerdem versucht er, politisch etwas gegen den Murks zu bewirken und arbeitet mit Bundestagsabgeordneten zusammen. Rund hundert Anhänger hat er schon, die mit ihm die Anti-Murks-Bewegung vorantreiben. Auf seinem Blog sammelt er Beschwerden von Verbrauchern und ihre Tipps, wie man Produkte selbst langlebiger machen kann.

Was tun gegen Murks? Tipps von Stefan Schridde

Nieten

Stefan Schridde ist Anti-Murks-Aktivist. Er kennt die typischen Kandidaten für Obsoleszenz, der vom Hersteller geplante Verfall von Produkten. Alles, was Gelenke hat, steht unter Generalverdacht. Er rät: Beim Kaufen von Schirmen oder Klappmöbeln beispielsweise darauf schauen, ob sie nur genietet oder richtig geschraubt sind. Genietet ist billiger, aber lebt auch nicht so lange. Daher beim Kauf gleich einen Satz Schrauben mitnehmen, die Nieten mit einem Metallbohrer entfernen und dafür Schrauben einsetzen. Wer wartet, bis die Nieten mürbe geworden sind und kaputt gehen, läuft Gefahr, dass bis dahin das ganze Gelenk gelitten hat. Also lieber gleich austauschen!

"Elkos"

"Elkos" sind Elektrolytkondensatoren, die sich auf Platinen von Elektrogeräten befinden, erklärt Anti-Murks-Bastler Stefan Schridde. Diese sind sehr hitzeempfindlich und vom Hersteller manchmal so angelegt, dass sie nach einer gewissen Zeit durchschmoren. Dann ist der Stromkreislauf unterbrochen. Der Fön fönt nicht mehr, der Bildschirm flimmert. Wegwerfen oder zur teuren Reparatur bringen ist aber nicht nötig, den kaputten Elko kann jeder ganz leicht erkennen: Er ist nicht mehr flach, sondern leicht gewölbt. Wer sich ein bisschen was zutraut, kann die schadhaften Elkos einfach selber löten. "Das ist kinderleicht", meint Stefan Schridde, der bereits Kinder im Löten unterrichtet hat. Er rät: Wer sich unsicher ist oder noch nie gelötet hat, sollte einfach mal an einem alten Gerät üben. Aufschrauben, Platine ausbauen - und los geht's!

Plastikteile

Bereits beim Kauf kann jeder verhindern, dass er daheim Murks stehen hat, meint Stefan Schridde. Beispielsweise bei der Waschmaschine lohnt es sich nachzufragen: Ist die Trommel aus Plastik oder aus Metall? Oft ist auch der Verschlusshaken aus Plastik und bewusst so angebracht, dass er durch häufiges Auf- und Zumachen irgendwann bricht. Dann lässt sich eine teure Reparatur oft nicht verhindern. Wer ein bisschen Talent hat, kann den Verschlusshaken so anschrägen, dass er besser "ins Schloss fällt". Das verhindert größere Belastungen, der Plastikverschluss hält länger.

Akkus

Antimurks-Bastler Stefan Schridde rät beim Kauf von elektronischen Geräten, die einen Akku haben, darauf zu achten, ob er ausbaubar ist oder nicht. Das fängt schon damit an, ob das Gerät - eine elektrische Zahnbürste beispielsweise oder ein Handy - Schrauben hat oder geklebt ist. Nur, was Schrauben hat, kann der Selbstbastler auch problemlos selbst öffnen und wieder verschließen. Aber auch bei Schrauben ist Vorsicht angebracht: Manche Hersteller erfinden mit jedem Produkt eigenes Werkzeug, das nur spezielle Reparaturwerkstätten haben. Der Verbraucher sollte sich im Laden zeigen lassen, wie der Akku entnommen werden kann, um sicher zu gehen, dass er ihn auch ausbauen kann.

geklebte Sohlen

Bei Schuhen rät Stefan Schridde darauf zu achten, ob die Sohlen geklebt sind oder genagelt. Sieht man noch die Nagelköpfe, so kann der Verbraucher davon ausgehen, dass der Schuh ohne Probleme vom Schuhmacher neu besohlt werden kann. Ist es eine geklebte Sohle, ist das nicht sicher. Am besten beim Schuhmacher des Vertrauens danach erkundigen, wie die Sohle beschaffen und bearbeitet sein muss, damit er sie ersetzen oder überkleben kann.

Notebook

Wer den Staub nicht regelmäßig entfernt, der sich durch das Gebläse im Notebook ansammelt, der muss damit rechnen, dass die Kühlrippen des Notebooks kaputt gehen. Die beste Methode wäre: Notebook aufschrauben, Staub wegsaugen. Wer das allerdings während der Garantiezeitmacht, muss damit rechnen, dass die Garantie verfällt. Ein Trick, wie der Staub doch entfernt werden kann, ist laut Stefan Schridde folgender: Über die Lüftungsschlitze saugen. Allerdings darf sich der Ventilator, der sich im Notebook befindet, nicht drehen, sonst kann er kaputt gehen. Wer sich ein bisschen auskennt, kann den Ventilator über den Lüftungsschlitz mit einem Zahnstocher blockieren, damit er sich beim Saugen nicht drehen kann. Wer sich das nicht zutraut, sollte das Notebook einfach mal bei einer "Bastlerbude" vorbeibringen, die kostengünstig Reparaturen und Dienstleistungen erbringt.