Bayern 2

Nachtstudio Lob des Alltags

Dienstag, 18.05.2021
20:05 bis 21:00 Uhr

  • Als Podcast verfügbar

BAYERN 2

Normalität als Utopie
Von Jochen Rack
Als Podcast und in der neuen Bayern 2 App verfügbar

Das Normale ist nicht normal und der Alltag nicht alltäglich - das hat man im Lockdown während der Epidemie lernen müssen. Doch ohne Haarschnitt verwahrlost nicht nur die äußere Erscheinung, sondern auch das soziale Leben. Der Gang zum Friseur ist Teil des selbstverständlichen Alltagslebens wie das Shopping in der Stadt mit Café- und Restaurantbesuch. Schwimmbäder und Sportplätze, Fußballstadien und Kinos, Theater und Konzertsäle sind Schauplätze der bürgerlichen Hoch- wie Massenkultur, die das Leben lebenswert machen. Zum Alltagsleben der Erlebnisgesellschaft gehören die dionysische Geselligkeit auf Partys und Festen wie die kommunikative Praxis freier Bürger im öffentlichen Raum, die sich ohne Angst und Masken begegnen können.

Aber die "Wonnen der Gewöhnlichkeit" (Thomas Mann) und die Freude am Alltäglichen genossen nicht immer die ihnen zukommende Wertschätzung. Die Verachtung des Alltags kann man bis zu Platon zurückverfolgen, der der Welt des vergänglichen Scheins die der ewigen Ideen gegenüberstellte. Martin Heidegger erkannte zwar die "Alltäglichkeit des Daseins" als Bestimmung menschlicher Existenz, aber nur als "Uneigentlichkeit" eines "Man-selbst", die es zu überwinden gelte. Und der Kulturphilosoph Theodor W. Adorno beschrieb das "unmittelbare Leben" als bloß entfremdete "Sphäre des Konsums ohne eigene Substanz". Demgegenüber sind heute eine "Philosophie des Alltags" (Arno Plack) und eine "Verteidigung der Normalität" (H. M. Enzensberger) gefragt, die in der "Tendenz zum Leichtnehmen und Leichtmachen" eben das Glück des Lebens erkennen. Denn das haben wir in den Monaten der Pandemie nur zu deutlich erkannt: Der Alltag ist besser als sein Ruf.