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97.464 erfüllte Stunden Wann macht Arbeit glücklich?

Durchschnittlich 97.464 Stunden verbringt ein Deutscher in seinem Leben in der Arbeit. Sie können langweilig und monoton sein, aber auch erfüllend und befriedigend. 33 Prozent empfinden ihre Arbeit als "schlecht". Doch Arbeitslosigkeit gilt als größter Unglücksfaktor.

Von: Monika Dollinger

Stand: 07.12.2015

Arbeitskollegen klatschen in die Hände, daneben großer Geldschein und Zahnräder | Bild: colourbox.com; Montage: BR
Wissensschnipsel zum Thema Arbeit
67 Prozent der Deutschen sind mit ihrer Arbeit zufrieden, 33 Prozent nicht.
Mitarbeiter sind weniger glücklich, wenn sie sich in Gegenwart ihres direkten Vorgesetzten befinden.
Wer überqualifiziert ist, ist tendenziell unglücklicher im Beruf.
Frauen fühlen sich häufiger gehetzt als Männer.
63 Prozent aller Beschäftigen machen die Erfahrung, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen.
75 Prozent aller Beschäftigten in Lehrberufen bekommt den Kopf von beruflichen Schwierigkeiten nicht frei.
Forscher haben ermittelt, dass eine Kompensationszahlung von rund 18.000 Euro pro Monat nötig wären, um die psychischen Folgen eines Verlusts des Arbeitsplatzes auszugleichen.
Quellen: DGB Studie Arbeitshetze; Stepstone Studie über Glück am Arbeitsplatz 2012/13; Studie "Glücksfaktor Arbeit" von Michael Neumann und Jörg Schmidt (Roman-Herzog-Institut 2013)

Eine gute Arbeit zu haben ist neben Gesundheit und einem intakten Sozialleben ein wesentlicher Baustein für ein glückliches Leben. Arbeitslos zu sein wirkt sich fundamental negativ auf unser Lebensglück aus. Das Roman-Herzog-Institut hat aus vielen Studien berechnet, dass die Lebenszufriedenheit um ganze 22 Prozent sinkt, wenn die Arbeitszufriedenheit nur um einen einzigen Punkt sinkt. Zufriedene arbeitslose Menschen gibt es wenige: Während 48 Prozent aller Vollzeit-Beschäftigen sagen, sie seien hochzufrieden, behaupten das nur 21 Prozent aller Arbeitslosen.

Arbeitslos glücklich? Schwierig.

Arbeitslosigkeit verunsichert nachhaltig - auch mit einer neuen Stelle fühlen sich ehemals Arbeitslose weniger zufrieden.

Warum sind wir so unglücklich, wenn wir nicht arbeiten können? Abgesehen vom finanziellen Aspekt fühlen wir uns ausgeschlossen: Für Günter Voß, Professor für Arbeits- und Industriesoziologie an der TU Chemnitz, ist Arbeit einer der "zentralen Integrationsfaktoren" im Leben der Menschen. Arbeitslosigkeit sorgt für ein verringertes Selbstwertgefühl, die sozialen Kontakte verringern sich - es fehlen Anerkennung und Wertschätzung der Mitmenschen.

Warum wir Arbeit brauchen:

Soziale Wesen

Wir brauchen den Kontakt zu unseren Mitmenschen wie unser täglich Brot. Seit Millionen von Jahren sind der Homo sapiens und all seine Vorfahren darauf ausgerichtet, in einer Gemeinschaft zu leben - denn nur so war das Überleben gesichert. Das Bedürfnis, gemeinsam mit anderen zu sein, ist Teil unseres Wesens - wir haben ein "soziales Gehirn", das Wertschätzung und Anerkennung genauso braucht wie feste Nahrung. Wir streben ein harmonisches Miteinander an und wollen Konflikte geklärt haben. Neben der Familie ermöglicht uns das vor allem die Arbeit.

Tätigkeitswesen

Wir sind ergebnsiorientierte Tätigkeitswesen, sagt Günter Voss: Wir sind nicht geboren zum Nichtstun - zumindest gilt das für die meisten von uns. Wir wollen was (er)schaffen, was sinnvoll ist und worauf wir stolz sein können - und nebenher unsere monatlichen Ausgaben abdecken. Und das können wir besonders gut beim Arbeiten. Lässt man uns "für die Mülltonne" arbeiten, empfinden wir das zu Recht als Angriff auf unsere Würde.

Sicherheitsorientierte Wesen

Wir sind sicherheitsorientierte Wesen. Der Mensch ist so klug, dass er ahnt, was die Zukunft bringt: Deshalb sind wir bestrebt, die Gegenwart so zu gestalten, dass wir weiterhin ein sorgenfreies Leben führen können. Wir wollen uns entspannt zurücklehnen und keine Angst vor der Zukunft haben müssen. Erwerbsarbeit ist seit jeher der Garant dafür, dass wir uns das leisten können, was zu einem guten Leben gehört.

(Quelle: Günter Voß, TU Chemnitz)

Wie muss ein Arbeitsplatz aussehen, damit wir glücklich sind?

Viele Studien haben die Faktoren, die einen guten Arbeitsplatz ausmachen, erforscht. Man trifft in leicht unterschiedlicher Gewichtung immer auf die gleichen "weichen" Punkte. Grundlegend ist eine Binsenwahrheit: Will man ein glückliches Arbeitsleben genießen, muss man den richtigen Beruf wählen. Wer ungeachtet der eigenen Wünsche das lernt, was Mama und Papa wollen, wird entweder ein Arbeitsleben lang unglücklich bleiben oder - hoffentlich - irgendwann umsatteln. Neben der Berufswahl trägt ein gutes berufliches Umfeld maßgeblich dazu bei, dass man morgens gerne zu Arbeit geht. Dazu gehört ein respektvoller Umgang miteinander, Anerkennung und ein gutes Betriebsklima. Harte Faktoren wie ein faires Gehalt und eine gute technische Ausstattung sind nicht unwichtig, stehen aber weiter hinten in der Liste.

In anderen Worten ...

Wir wollen eine uns erfüllende Arbeit machen, in angenehmer Atmosphäre arbeiten, wir wollen, dass unsere Arbeit wertgeschätzt wird, wir wollen eine angemessene Bezahlung dafür erhalten und wir wollen unsere Arbeit so gestalten, dass sie im Einklang mit unserer Persönlichkeit ist. Das heißt: Spielraum für Eigenständigkeiten haben - ganz banal zum Beispiel Pausen machen dürfen, wenn man sie braucht. Eine persönliche Note einbringen. Selber entscheiden, ob die eine Arbeit vorher und die andere nachher gemacht wird. Noch besser: Arbeitszeiten so einteilen dürfen, dass das Familienleben darunter nicht leidet. Eine Perspektive haben.

Mehr Selbstständigkeit macht glücklicher

Viele Chirurgen sind zufrieden. Sie berichten, dass sie beim Operieren in einen "Flow" geraten: Ein Zustand erfüllter Konzentration.

Menschen in Berufen mit höheren Qualifikationsanforderungen sind generell zufriedener mit ihrer Arbeit: Wissenschaftler stehen ganz oben auf der Skala der zufriedenen Arbeitsnehmer. Dagegen sind Hilfsarbeiter, Fahrzeugführer und Fachkräfte in der Landwirtschaft besonders oft unzufrieden mit ihrem Job. Komplexe und anspruchsvolle Aufgaben sowie ein weitgehend eigenständiges Arbeiten wirken sich wohl positiv auf die Lebenszufriedenheit aus. Möglicherweise liegt das aber auch am höheren Prestige, das ein solcher Job mit sich bringt. Denn der Mensch an sich hat zwar gerne kollegiale Mitmenschen um sich herum, freut sich aber auch, wenn seine eigene Person in Relation zu den anderen aufgewertet wird - zum Beispiel durch mehr Gehalt.

Gefährliche Trends der Gegenwart

Infografik

Seit der Mensch sesshaft und zur Arbeitskraft wurde, bestand immer die Gefahr, dass er von denen ausgebeutet wird, die stärker sind. Im 21. Jahrhundert kommt die Gefahr auf subtileren Sohlen daher: permanente Umstrukturierungen, die ständige Bereitschaft, auch in privater Zeit erreichbar zu sein - die Intensivierung der Arbeit hat generell große Auswirkungen auf unser gesamtes Leben und unsere Gesundheit.

Wenn Menschen vorzeitig aus dem Arbeitsleben ausscheiden müssen, sind laut einer Studie der Deutschen Rentenversicherung mit 42 Prozent stressbedingte Erkrankungen daran schuld. Eine repräsentative Studie des Deutschen Gewerkschaftsbundes hat ergeben, dass selbst unter den Arbeitnehmern, die selten oder nie schwer körperlich arbeiten, 36 Prozent meinen, dass sie ihren Job nicht bis zum Rentenalter durchhalten werden.

"Arbeit darf nicht platt machen."

Prof. Dr. Joachim Bauer, Arzt und Psychotherapeut, Uni Freiburg

Der heute arbeitende Mensch ist dazu angehalten, permanent seine Effizienz zu verbessern - für manche ein Ansporn, für viele einfach zu viel. Laut einer Studie des Deutschen Gewerkschaftbundes fühlen sich 52 Prozent aller Arbeitnehmer sehr oft oder oft gehetzt bei der Arbeit. Wer gehetzt ist, hat keine Zeit, um glücklich zu sein. Dabei wäre Zufriedenheit bei den Mitarbeitern eines der großen Ziele, die Firmen bei ihrer Personalarbeit verfolgen sollten: Wer zufrieden ist, engagiert sich mehr und kann Probleme wesentlicher kreativer lösen. Das Ringen um eine würdevolle Arbeit geht also weiter.

"Die meiste Zeit, die wir im Erwachsenenleben haben, verbringen wir in der Arbeit. Wir können nicht einfach acht Stunden runterreißen, ohne dass es irgendeine Konsequenz auf unser Leben hätte."

Prof. Dr. Joachim Bauer, Arzt und Psychotherapeut, Uni Freiburg


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