Bayern 2


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Vom Umgang mit der Natur Bäume und ihre Geschichten

Früher gehörte zu jedem Hof ein Baum. Auch zur Geburt wurde ein Baum gepflanzt – eine alte, oft vergessene Tradition. Mit dem Klimawandel scheinen Geburts-, Hof- und Hausbäume aber wieder stärker ins Bewusstsein zu rücken.

Von: Susanne Roßbach

Stand: 14.07.2021 | Archiv

"Ein Baum für jedes Landkreisbaby" heißt das Projekt des Landratsamtes Bamberg. Für jedes seit September 2019 geborene Kind im Landkreis erhalten die Eltern einen Obstbaum-Hochstamm. Dafür wurden Sorten ausgewählt, die langlebig und dem fränkischen Klima gut angepasst sind. Die Eltern können zwischen Apfel, Birne, Kirsche, Mirabelle oder Zwetschge wählen. Die Sorten haben so wohlklingende Namen wie Alkmene, Goldparmäne, Winterrambur oder Mirabelle von Nancy.

"Wir haben schon einen recht großen Zulauf bei dem Projekt. Wir haben im ersten Jahr, das war 2020, rund 300 Obstbäume an junge Familien ausgeben können. Und in diesem Jahr sind wir auf dem Weg, diese Zahl auch noch nach oben zu toppen."

Alexandra Klemisch, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt in Bamberg.

Das Projekt ist in einem Arbeitskreis entstanden, der darüber nachgedacht hat, wie man den Klima- und Artenschutz im Landkreis Bamberg verbessern könnte.

"Wir haben bewusst Obstbäume genommen, Hochstämme. Das heißt, der Baum hat eine gewisse Höhe, einen gewissen Kronenansatz und ein gewisses Volumen, was er irgendwann erreicht. Der Vorteil: Man kann den Raum unter dem Baum noch nutzen zum Spielen, zum Sitzen, zum Schaukel aufhängen und der Baum an sich hat eine größere Wirkung als Kohlenstoffspeicher, als Schattenspender, als Windschutz und natürlich auch, um Wohngebiete einzugrünen und auch abzukühlen, wie so eine lokale Klimaanlage."

Alexandra Klemisch, Kreisfachberaterin für Gartenkultur und Landespflege am Landratsamt in Bamberg.

Bürgermeister baut sein Haus um einen alten Baum herum

Eine solche natürliche Klimaanlage steht auch im Garten des Bürgermeisters von Bischberg im Landkreis Bamberg: Ein riesiger, wunderschöner Walnussbaum.

"Den hat mein Papa anlässlich meiner Geburt gepflanzt, also vor 45 Jahren. Er ist circa 15 Meter hoch und ist gewachsen wie gemalt. Die Krone ist relativ breit und ja, für diesen Bereich von Bischberg schon ortsbildprägend. Ich bin auch stolz auf unseren Walnussbaum. Wir haben ja mein ursprüngliches Elternhaus abgerissen und haben hier neu gebaut und die Bedingung an den Architekten war ja, dass der Baum erhalten bleibt."

Michael Dütsch (BI), Bürgermeister von Bischberg

Walnüsse sind gesund und die ätherischen Öle, die Blätter und grüne Früchte ausströmen, vertreiben Insekten. Daher kann man von den lästigen Plagegeistern unbehelligt im Sommer unter dem kühlenden Blätterdach sitzen, erzählt Bürgermeister Dütsch und ergänzt ein "aber".

"Die Blätter sind im Sommer schön, im Herbst sind sie dann leider nicht mehr schön, weil sie so stark sind, dass sie im Winter nicht verrotten. Wenn man sie liegen lässt, dann geht unten drunter alles kaputt. Deshalb müssen wir sie leider immer in harter Arbeit zusammenrechen und dann abfahren. Die Bäume im Ort sind immer für die Bürger schön und für die Anlieger ein Dorn im Auge. Es werden ja hauptsächlich im Straßenbereich Kastanien gepflanzt und die machen auch Dreck und wenn es nach den Anliegern gehen würde, hätten wir keinen Kastanienbaum mehr an den Straßen. Genauso an unserem Friedhof. Der hat noch ganz genau zwei Bäume und immer wieder bekomme ich zu hören, auch die müssen weg. Aber dann im Sommer, wenn es 35 Grad sind und eine Beerdigung, dann sind alle froh, wenn sie sich unter den Baum stellen können."

Michael Dütsch (BI), Bürgermeister von Bischberg

Bäume sind mitunter umstritten

Laubbäume haben schon immer die Gemüter erhitzt. Die einen lieben sie und können nicht aufhören, ihre Vorzüge zu preisen, den anderen vergällt die viele Arbeit, die Laub und Früchte machen, die Freude. Und so kreischen immer wieder Motorsägen, und Hof- und Hausbäume fallen ihnen zum Opfer. Eigentlich müsste doch längst jeder wissen, wie wichtig Bäume für unser Klima und für die Artenvielfalt sind, meint Christine Bender. Sie ist Fachberaterin für Grünordnung am Gartenbauzentrum Bayern Nord. Seit über 15 Jahren gehört sie zur Bewertungskommission beim Dorfwettbewerb "Unser Dorf hat Zukunft". Dafür bereist sie Dörfer in Ober- und Unterfranken. Christine Bender beobachtet bei den Menschen ein widersprüchliches Verhalten.

"Wir hatten ja vor drei Jahren das Volksbegehren 'Rettet die Bienen', das ganz viele Menschen einfach unterschrieben haben, ohne groß drüber nachzudenken. Die Menschen sind auf der einen Seite dafür, Natur zu erhalten. Aber auf der anderen Seite sind sie nicht bereit, des selbst zu machen."

Christine Bender, Fachberaterin für Grünordnung am Gartenbauzentrum Bayern Nord

Ein neuer Hofbaum

Christine Bender wohnt in Kolitzheim im unterfränkischen Landkreis Schweinfurt auf einer alten Hofstelle. Als sie und ihr Mann in den 80er Jahren den Hof erbten, gab es keinen Hofbaum mehr.

"Für uns war klar, als wir den Hof angelegt haben: Es kommt wieder ein Hofbaum daher. Es gehört einfach zu jedem Haus und zu jedem Hof ein Baum. Der Hof ist sehr schmal. Wir haben uns für einen Birnbaum entschieden, für die Gräfin von Paris. Der geht in die Höhe, der wird also nicht so ausladend und die Birnen, es ist eine Herbstbirne, können wir bis März kosten. Kurz vor Ostern ist dann die letzte Birne auf dem Tisch."

Christine Bender, Fachberaterin für Grünordnung am Gartenbauzentrum Bayern Nord

Der Birnbaum von Christine Bender ist 40 Jahre alt. Er steht auf ihrem Hof in Kolitzheim in Unterfranken.

Der Birnbaum der Familie Bender in Kolitzheim ist jetzt 40 Jahre alt. Das anfallende Laub wird im Herbst von der ganzen Familie gemeinsam eingesammelt und entsorgt. An einem sonnigen Herbsttag ist das eine schöne Arbeit, sagt Christine Bender. Sie ist auch mit dabei, wenn im Pfarrgarten das Laub von vier großen Nussbäumen zusammen gerecht werden muss.

In früheren Zeiten hatten die Hofbäume eine andere Funktion als heute. Sie galten als Symbol für Kraft und Stärke und dienten auch dem täglichen Leben. Die Eiche lieferte Eicheln für die Schweine. Laub wurde als Einstreu für das Vieh genutzt. Sie waren die Hofapotheke: Getrocknete Lindenblüten waren ein wichtiges Mittel, um Fiebererkrankungen zu behandeln. Hollersaft wird auch heute noch wegen seines hohen Vitamin C-Gehaltes geschätzt. Zu jedem Hof gehörte ein Holunderbaum oder -strauch. Ihn zu fällen, bringt Unglück, so der Volksglaube.

Heute hat keiner mehr Zeit, das Dorfgrün zu pflegen

Die Zeiten haben sich geändert. Immer mehr Höfe werden stillgelegt und verkauft. Oft ändert sich damit die Nutzung und der Hofbaum steht zur Disposition. Diese Erfahrung macht Christiane Schilling, Sachgebietsleiterin für Dorferneuerung und Bauwesen am Amt für ländliche Entwicklung in Oberfranken. Bei den umfangreichen Planungen für eine Dorferneuerung spielen die Grünflächen – im öffentlichen wie im privaten Raum – eine große Rolle.

"Die Höfe waren ja früher wassergebunden, das heißt, es sind unversiegelte Flächen, also einfach Sand, Splitt, Schotter. Inzwischen werden viele Flächen gepflastert. Und dann muss der Raum natürlich für ein Großgrün da sein oder neu geschaffen werden. Erst heute beschäftigen wir uns tatsächlich auch mit dem ökologischen Gleichgewicht im Dorf und es kommt so langsam ins Bewusstsein. Wir denken an die vielen Obst- und Gartenbauvereine, die ja ganz aktiv sind. Da wird eine Arbeit geleistet, die den Dörfern sehr gut tut. Wir wollen mit dem Prozess der Dorfentwicklung dazu beitragen, dieses Bewusstsein zu stärken und das ist nicht so ganz einfach."

Christiane Schilling, Amt für ländliche Entwicklung in Oberfranken

"Das stellen wir auch fest, im privaten Grün genauso wie im öffentlichen Grün: Es muss alles sauber sein. Es muss alles leicht zu pflegen sein. Die Leute gehen arbeiten. Die haben einfach keine Zeit mehr, um sich wirklich aktiv um das Dorfgrün zu kümmern."

Cornelia Schiller-Thelen, Amt für ländliche Entwicklung Oberfranken

Immer wieder werden die Kolleginnen mit praktischen Erwägungen konfrontiert, die gegen einen großen Laubbaum sprechen. Linden nässen, wenn sie blühen. Darunter kann man kein Auto parken. Fallobst lockt Insekten an. Ja, und dann ist da natürlich das Laub im Herbst.

Bäume für die Nachbarn – zur Erstkommunion

An der Staßenseite des Hofes von Armin und Beate Loos wachsen Birnen am Obstspalier.

Im unterfränkischen Dingolshausen betreibt Florian Loos gemeinsam mit seinen Eltern ein Weingut. Den Hof haben sie vor 40 Jahren übernommen und über die Jahre liebevoll hergerichtet. Dazu gehören gleich mehrere Bäume. Vor dem Hof steht eine Linde, direkt im Hof stehen ein Ahorn und ein Krüppelbirnbaum, zu dem Beate und Armin Loos eine ganz besondere Beziehung haben.

"Der Birnbaum, der im Hof steht, der wurde anlässlich der Ersten Heiligen Kommunion unseres Florians gepflanzt. Normalerweise wird Gebäck ausgetragen bei der Kommunion. Aber wir haben unseren Nachbarn kein Gebäck gebracht, sondern Bäume, Und der eine ist übriggeblieben und da haben wir den natürlich bei uns im Hof gepflanzt."

Beate Loos

Beate und Armin Loos haben zur Erstkommunion ihres Sohnes also jedem Nachbarn einen Baum geschenkt.

"Das Interessante ist, wenn wir jetzt durch unser Dorf spazieren gehen, haben wir überall eine Erinnerung sitzen."

Armin Loos

"Wir haben Birnen und Äpfel ausgesucht, weil das bei uns halt typisch fränkisch ist. Und die Kommunion war vor 25 Jahren, also sind die Bäume mittlerweile 25 Jahre alt geworden. Und dass die Bäume überall stehen geblieben sind und Früchte tragen, das ist für uns die größte Freude."

Beate Loos

Eine große Schaukel im Walnussbaum

Beate und Armin Loos sind stolz auf ihren Walnussbaum. Darin hängen zwei Schaukeln: Eine für die Großeltern, eine für die Enkelkinder.

Der vordere Hof ist der öffentliche Teil des Anwesens. Hier werden Kunden begrüßt, die zur Weinprobe und zum -kauf kommen. Dort hatte die Familie allerdings keine Privatsphäre mehr, erinnert sich Armin Loos. Daher hat er hinter dem Haus eine zweite grüne Oase gebaut, die von einem riesigen, über 100 Jahre alten Walnussbaum beschattet wird. Das Ende des Tages lassen die beiden gerne im Walnussbaum ausklingen. Dazu haben die Kinder den Eltern ein besonderes Geschenk gemacht: eine große Schaukel, die nun neben der Kinderschaukel an den mächtigen Zweigen hängt.

"Das ist also unsere neueste Errungenschaft: Unter dem großen Hofbaum eine Schaukeloase vom Enkel über Kinder bis zu Opa und Oma Armin und Beate."

Armin Loos


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