Bayern 2


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Althergebracht und rundum erneuert Tracht in Franken

Tracht wird in Bayern mit Dirndl und Lederhosen assoziiert. Doch es gibt fränkische Alternativen. In Trachtenberatungsstellen wird die historische Kleidung erforscht und alte Schnitte an die Mode von heute angepasst. Damit soll der "Bajuwarisierung Frankens" etwas entgegengesetzt werden.

Von: Susanne Roßbach

Stand: 09.02.2021 | Archiv

Tracht ist in. Dirndl und Lederhosen finden sich längst nicht mehr nur auf dem Münchner Oktoberfest, sondern auch auf dem Forchheimer Annafest in Oberfranken. Es gibt aber noch mehr als Dirndl und Lederhose – auch wenn das den meisten einfällt, wenn hierzulande von Tracht die Rede ist. Dabei gehören diese Kleidungsstücke nur zur Tracht in Altbayern, grob gesagt also zu den heutigen Regierungsbezirken Ober- und Niederbayern sowie der Oberpfalz.

Gegen die "Bajuwarisierung Frankens"

Seitdem die Franken im 19. Jahrhundert unter Napoleon in das Königreich Bayern eingegliedert wurden, versuchen sie, ihre kulturelle Eigenständigkeit zu wahren. Dazu gehört bis heute auch die Pflege der Tracht, die gerade in den letzten Jahren eine Renaissance erlebt. In Trachtennähkursen werden Kleidungsstücke nach historischen Vorlagen hergestellt. Der Fränkische Schweiz-Verein möchte damit "der Bajuwarisierung Frankens mit regionaler Kleidungskultur etwas entgegensetzen".

"Der Begriff 'Tracht' bedeutet einmal einfach die Kleidung, die man getragen hat und dadurch haben sich die Stände unterschieden und die Landbevölkerung von der Stadtbevölkerung und Tracht war auch einfach Mode. Und erst mit der Trachtenpolitik der Wittelsbacher hat sich der Begriff gewandelt. Es wurde dann auf die ländliche Bevölkerung bezogen und auf die regionalen Unterschiede der Kleidung auf dem Land. Die Wittelsbacher bezweckten damit, das Gemeinschaftsgefühl ihres neuen Königreiches zu stärken und die neu hinzugekommenen Gebiete zu integrieren."

Birgit Jauernig, Leiterin der Trachtenberatungsstelle des Bezirkes Oberfranken

Tracht musste erst einmal entworfen werden

Zum ersten Oktoberfest 1810 anlässlich der Hochzeit des Kronprinzen Ludwig – dem späteren König Ludwig I. – und Prinzessin Therese von Sachsen-Hildburghausen sollten Kinder in ihren regionalen Trachten aus allen Landesteilen als schmückendes Beiwerk anreisen. Nur: Die entsprechende Kleidung musste für diesen Anlass erst entworfen werden. Auch trug in dieser Zeit kein Bauer oder Handwerker Lederhosen – der heutige Inbegriff des Bajuwarischen. Die waren einfach zu teuer und eher wohlhabenden Herren für die Jagd vorbehalten. Die Frauen trugen schlichte Kleider mit Schürzen.

Mit König Maximilian II. kommt schließlich ein Regent auf den Thron, der ein besonderes Interesse an der Volkskunde hat. Seinen Hochzeitszug im Jahr 1842 zur Eröffnung des Münchner Oktoberfests begleiteten 35 Brautpaare in den Trachten des Landes, darunter auch Repräsentanten der oberfränkischen Region Kronach. Eigentlich wollten die Kronacher in den Trachten ihrer wichtigsten Erwerbszweige erscheinen: der Flößerei und dem Holzhandel. Doch in einem zeitgenössischen Bericht heißt es: "Was die zu wählende land- und ortsübliche Tracht betrifft, in welcher sowohl die beiden Brautleute, als die den Hochzeitszug begleitenden Individuen erscheinen sollen, so kann eine solche als allgemein bestehend nicht mehr angenommen werden."

"Aber da die Kronacher ja unbedingt an der Münchener Hochzeit mitwirken wollten, befragte man ältere Leute, wie denn die Flößer sich früher angezogen haben und man kam dann bei den Männern auf Dreispitz, Kniehose, Weste, einfach auf die Kleidung, die alle seit dem Ende des 18. Jahrhunderts getragen haben und dann schneiderte man für den Brautzug neue Kostüme nach den Vorstellungen, wie die Flößer früher ausgeschaut haben könnten."

Birgit Jauernig, Leiterin der Trachtenberatungsstelle des Bezirkes Oberfranken

Gibt es die fränkische Tracht überhaupt?

Die Kronacher Frauen, die sich Mitte des 19. Jahrhunderts eigentlich längst modern nach französischem Vorbild kleideten, gingen in historisierten Gewändern mit goldenen Häubchen, die einer städtischen Haube der Rokokozeit nachempfunden waren. Gibt es sie also überhaupt, die fränkische Tracht?

"In meiner Eigenschaft als Trachtenberaterin werde ich ganz oft gefragt nach der typisch fränkischen Tracht, wo I dann sofort bissl den Wind rausnehmen muss und sagen: Die typisch fränkische Tracht gibt's eigentlich net und dann Ansätze zu erklären, dass diese Vorstellungen, die wir so im Kopf haben von Tracht, sei es das Dirndlgewand und die Lederhosen, oder sei es die fränkische Ausprägung mit Kittelgewand, dass das alles Aspekte der Mode sind. Tracht ist immer Mode gewesen und wird auch immer Mode bleiben."

Katrin Weber, Leiterin der Trachtenforschungs- und Beratungsstelle des Bezirks Mittelfranken

Große Vielfalt fränkischer Trachten

Dass es keine einheitliche Tracht gibt, liegt unter anderem daran, dass die Regionen unterschiedlich geprägt sind. So ist zum Beispiel in Oberfranken Bamberg katholisch, das knapp 60 Kilometer entfernte Bayreuth hingegen evangelisch. Auch der aufkommende Tourismus im 19. Jahrhundert beeinflusst die Entwicklung der Tracht, zum Beispiel in der fränkischen Schweiz.

Die große Vielfalt oberfränkischer Trachten zeigt eine Ausstellung im Bauernmuseum Bamberger Land in Frensdorf. Der Fotograf Walther Appelt hat Menschen in ihren Trachten porträtiert; schlicht vor schwarzem Hintergrund ohne pseudo-romantischen Schnick-Schnack, viele sind lebensgroß. Die Leiterin des Museums, Birgit Jauernig, ist von den rund 50 Fotos begeistert.

"Es sind zum Teil historische Trachten, vor allen Dingen die aus der fränkischen Schweiz. Da werden die auch noch getragen zu Prozessionen zum Beispiel, oder an besonderen Festtagen, zum Kirchgang. Aber die Mehrzahl der abgebildeten Trachten sind solche, die von den Menschen im wirklichen Leben auch getragen werden. Es sind Vereinstrachten dabei, es sind auch Trachten dabei, die man als sogenannte erneuerte Trachten bezeichnet, also mit den regionalen Kennzeichen aber auf den individuellen Geschmack abgestimmt und nach unseren modernen Vorstellungen von Kleidung gearbeitet."

Birgit Jauernig, Leiterin des Bauernmuseums Bamberger Land in Frensdorf

Was macht eine fränkische Tracht aus?

Was sind diese "regionalen Kennzeichen"? Wie unterscheidet sich eine fränkische von einer oberbayerischen Tracht? Die Trachtenschneiderinnen Rosalie Postatny und Monika Hoede kennen sich aus.

"Bei den fränkischen Trachtenblusen ist ein V-Ausschnitt üblich. So diese typischen U-Boot Ausschnitte oder Herzausschnitte wie es bei den Dirndln zu sehen ist, das gibt es bei uns ja gar nicht."

Rosalie Postatny, Trachtenschneiderin

"In Franken ist es so, dass man zum einen die Kittelgewänder hat. Das ist so 'ne weit fallende Jacke. Das ist in der Endphase des Trachtentragens in Franken als Tracht sehr bekannt gewesen. Die biedermeierlichen Gewänder, die haben große Krägen und Bandhauben in irgendeiner Form."

Monika Hoede, Trachtenschneiderin

"Die Bamberger Tracht", aus der Zeitschrift: Das Bayerland, 1891

"Die Tracht der (Bamberger) Frauen erhält ihr Gepräge vorzugsweise durch die eigentümliche Kopfbedeckung: eine Flügelhaube, deren riesige Formen stolzes, imposantes Aussehen gewähren. Die den Mittelpunkt bildende Haube aus schwarzer Seide nimmt die Form eines schmalen, sich gegen oben zuspitzenden Cylinders an und wird, fast aufrecht stehend auf das Haupt gesetzt und dort mit Nadeln in dem Haargeflechte befestigt. (…) Zwei schwere spannbreite Moireebänder fallen den Rücken hinab, während rechts und links zwei eine Spanne breite (…) über Draht gebogene Moireeschleifen sich als Riesenflügel ausbreiten."

Diese Flügelhauben trugen Frauen im Bistum Bamberg etwa zwischen 1820 und 1860. Die klassische Kopfbedeckung der fränkischen Männer war bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts der Dreispitz. Das Gewand der Frauen war zweigeteilt: Ein langer Rock mit zahlreichen, zum Teil wattierten, Unterröcken und ein Mieder, das moderner war als das oberbayerische Modell, sagen Experten. Und: Die Männer im 19. Jahrhundert waren modischer gekleidet als die Frauen – besonders wenn es um die Hosen ging.

"Bei den Männern finden wir eine Abkehr von Lederhosen ab 1810. Die Männertrachten sind schon sehr früh im 19. Jahrhundert verschwunden und es gibt Belege dafür, dass vor allem junge Männer schon um 1810, 1820 sich geweigert haben, die knielangen Hosen der Väter und Großväter zu tragen. Die wollten dann die modernen langen engen Pantalons tragen, die aus Frankreich rübergekommen sind."

Birgit Jauernig, Leiterin der Trachtenberatungsstelle des Bezirkes Oberfranken

Das sind die "Sansculottes", die Hosen ohne Kniebund – neben der Jakobinermütze das Erkennungszeichen der Proletarier in der französischen Revolution. Der alte Dreispitz wurde von modischen Schirmmützen abgelöst. Weiterhin getragen wurde der Brustfleck, eine rote oder auch blaue Weste mit Verzierungen.

Heute entstehen "erneuerte" Trachten

Heute entstehen in Nähkursen Kleidungsstücke nach historischen Schnittmustern. Zum Beispiel in Morschreuth im Landkreis Forchheim. Musikvereine bitten für die Auswahl ihrer Vereinskleidung eine Trachtenberaterin um Hilfe. In jedem der drei fränkischen Bezirke – Ober-, Mittel-, und Unterfranken – gibt es Trachtenberatungsstellen. Dort werden historische Trachten erforscht und alte Schnitte behutsam an die Mode von heute angepasst. So entstehen "erneuerte" Trachten.

Tracht bleibt nur lebendig, wenn sie sich verändert

Viele Franken sehen eine fränkische Tracht aber auch einfach als Bekenntnis zu ihrer Heimat. Besonders in einer globalisierten Welt scheinen Menschen sich wieder eher mit ihren eigenen Wurzeln zu befassen. Darunter sind auch viele junge Leute, die ein Interesse an der alten Kleidungskultur haben, sie aber nach ihrem heutigen Geschmack interpretieren wollen. Ihr Credo ist: Tracht bleibt nur lebendig, wenn sie sich verändert.

Ob Annafest in Forchheim, Walberlafest in Kirchehrenbach, Kiliani-Volksfest in Würzburg oder Bergkirchweih in Erlangen – Gelegenheiten Tracht zu tragen, gibt es in Franken reichlich. Und natürlich hat jeder Ort noch seine eigene Kirchweih. Ähnlich wie beim Münchener Oktoberfest wird auch bei fränkischen Volksfesten wieder mehr Tracht getragen als früher – wenn auch nicht immer eine fränkische.

"Insgesamt sieht man auf jeden Fall, dass es mehr wird und es ist tatsächlich auch ein bisschen dem Dirndlboom zu verdanken. Selbst in Nürnberg, wo ich jetzt wohne, sieht man es auf dem Volksfest überall. Jeder trägt Dirndl und das führt im Umkehrschluss zeitversetzt dazu, dass die Leute darüber nachdenken, was gibt es denn bei uns in Franken für Trachten. Deswegen ist es ja für viele jetzt so interessant, auch Trachtenerneuerung zu betreiben und Kurse anzubieten, das ist in Franken weit verbreitet, egal ob es Mittel-, Unter- oder Oberfranken ist."

Rosalie Postatny, Trachtenschneiderin

Tracht lebt weiter

Sandra Janine Müller, Inhaberin des Modelabels "Trachtenpunk" und Jahrgang 1981, ist in der Nähe von Nürnberg aufgewachsen. Sie hat Volkskunde und Archäologie studiert, bevor sie eine Ausbildung zur Maßschneiderin mit dem Schwerpunkt Tracht gemacht hat. Heute arbeitet sie in der Trachtenberatungsstelle des Bezirks Schwaben. Mit ihren extravaganten Modellen verbindet sie traditionelle Schnitte mit schrillen Stoffen und Accessoires. Da ist die Schürze schon mal mit Totenkopfmuster bedruckt, eine Verzierung hat ein Tigerfellmuster oder die Laschen von Blechdosen sind kunstvoll an den Ausschnitt eines Mieders genäht.

"Bei Tracht, da geht's um Heimat und Identität. Das ist kein nur fränkisches Phänomen, sondern ich glaub, das ist allgemein ein Thema vor allem von den jungen Menschen heutzutage: Wo komm ich eigentlich her, wer bin ich in der globalisierten Welt? Und diese Suche, die gibt es auch im Schwarzwald und in Norddeutschland. Ich möchte, dass es weitergeht und das geht einfach nur, wenn sich die Kleidung an unser heutiges Leben auch anpasst. Und dann hat die Tracht auch 'ne Chance bei jungen Leuten, ihr persönliches Gewand zu werden und so zumindest in Elementen in der heutigen Zeit weiterzuleben."

Sandra Janine Müller, Inhaberin des Modelabels 'Trachtenpunk'


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