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Ästhetik des Verfalls Warum uns Ruinen anziehen

Sogenannte Lost Places faszinieren, seien es untergegangene Schiffe oder verfallende Gebäude. Doch Ruinen entstehen nicht nur durch Verfall, sie werden auch verfallen aufgebaut. Schon in der Romantik wird die Ruine zur Attraktion. Eine Ergründung des Kaputten.

Von: Elmar Tannert

Stand: 30.12.2018 | Archiv

Eine glattgebügelte, perfekt funktionierende, geschichtslose Benutzeroberfläche - so präsentiert sich die Gegenwart in zunehmendem Maße. Bei manchem ruft sie damit ein Bedürfnis nach Unebenheiten und Unregelmäßigkeiten hervor, in Gestalt von authentischen Relikten aus vergangenen Zeiten, die anachronistisch wie ein Spaziergänger in Ritterrüstung aus der glatten Oberfläche herausragen, oder auch tief unter ihr verborgen sind.

Einer dieser Sehnsüchtigen ist der 30 Jahre alte Fotograf Jonathan Danko Kielkowski aus Nürnberg. Seine Leidenschaft, versunkene und verfallende Orte im Bild festzuhalten, nahm vor zehn Jahren ihren Anfang, als unweit seiner Wohnung die Modellbahnfabrik Fleischmann abgerissen wurde.

Mit Weitwinkelobjektiv und Jagdgewähr

"Das war ein ganz simples, einfaches Klinkersteingebäude, aus heutiger Sicht gar nicht mehr so spektakulär", erinnert sich Kielkowski. "Damals war es für mich spektakulär, weil es das erste verlassene Gebäude war, in dem ich drin war". Relikte aus Zeiten der Produktion waren da zu sehen, "eigentlich nur noch Modelleisenbahnschienen, die überall rumlagen".

Zwischenzeitlich hat er für seine Jagd nach Lost Places alle möglichen Strapazen auf sich genommen, bis nach Spitzbergen hat sie ihn geführt. Drei Wochen mit 40 Kilo Marschgepäck inklusive Jagdgewehr gegen Eisbären. Ziel waren eine alte sowjetische Bergarbeiterstadt und verlassene Minen, buchstäblich erstarrt im Permafrostboden.

"Man geht da rein und es steht noch alles drinnen, die ganzen Züge, die ganzen Maschinen, persönliche Gegenstände von Arbeitern. Alles ist überzogen mit, einer Eiskristallschicht."

Jonathan Danko Kielkowski

Die verunglückte Costa Concordia

Auf Blogs und in Büchern veröffentlicht er seine Fotos. Die Motive dafür findet Kielkowski überall: Der stillgelegte Athener Flughafen Ellinikon, das Interieur der gesunkenen Costa Concordia, der ICE-Waggon, dessen defekter Radreifen das Eisenbahnunglück von Eschede ausgelöst hatte und der lange Zeit auf einem Abstellgleis in Nürnberg herumstand … Dabei fremdelt er mit dem Begriff "Lost Places", spricht lieber von "Orten in einem undefinierten Zwischenzustand".

"Die Grenze, die man vielleicht ziehen muss, aber das ist auf jeden Fall eine fließende Grenze, das ist die Grenze zum Müll."

Klaus Gasseleder

Der Erlanger Schriftsteller Klaus Gasseleder hat das Thema "Ruinen" in Worten eingekreist und vor einigen Jahren eine kulturhistorische Abhandlung mit dem Titel "Vergänglichkeit und neues Leben" veröffentlicht. Aus ihr geht hervor, dass die Faszination an Ruinen zwar viel älter ist als die Lost Places-Bewegung, aber historisch gesehen dennoch ein relativ neues Phänomen darstellt. Lange galten Burg- und Schlossruinen nur als Schuttansammlungen angesehen, als Quelle billigen Baumaterials.

Prägende Romantiker

Caspar David Friedrichs "Der Wanderer"

"Den großen Wandel brachte dann die Romantik", erklärt Gasseleder. Stichwort Caspar David Friedrich, in dessen Werken Burgruinen und Klosterruinen immer wieder auftauchen. "Diese Bilder der Romantiker und ihrer Nachfolger im 19. Jahrhundert haben das Bild der Ruine als ein Landschaftselement sehr stark geprägt." In aktuellen Fremdenverkehrsprospekten mit Fotos von Ruinen seien dort die gleichen Motive und Einstellungen zu finden, wie in den romantischen Gemälden.

Schön kaputt

Aber eine Burgruine, für hunderte von Ausflüglern sorgsam restauriert und unter Einhaltung moderner Sicherheitsbestimmungen begehbar gemacht, darüber hinaus mit museumspädagogischen Schautafeln ausgestattet, auf denen man nachlesen kann, dass diese Burgruine eine Burgruine ist, damit jeder weiß, dass er sich auf einer Burgruine befindet – das bedeutet natürlich das Ende der Ruinenromantik.

Faszination Dämmerschlaf

Gleichzeitig markiert die Gegenwart den Beginn einer neuen Ruinenromantik, die sich im Aufspüren und Dokumentieren von Lost Places im eigentlichen Sinne manifestiert: Fabrikruinen, verlassene Sanatorien, stillgelegte Bergwerksschächte, verrottende Eisenbahnwaggons.

Menschen wie Klaus Gasseleder und Jonathan Kielkowski sind auf der Suche nach Orten mit Geschichte, die aus der Welt gefallen sind. Aber sie wollen die Orte, die sich nach erlittenen Schicksalsschlägen im Dämmerschlaf befinden, selbst entdecken und nicht didaktisch aufbereitet vorgesetzt bekommen.

Schließlich beruht die Faszination auch darauf, dass man Zeuge einer Veränderung wird, nicht Zeuge eines konservierten Zustands. "Es sind Orte, die hatten eine Funktion", sagt Kielkowski, "und sie warten jetzt auf eine neue Funktion." Das kann der Abriss sein, es kann aber auch sein, dass etwas Neues draus gemacht wird. "Und diese Zwischenstadien finde ich immer ganz spannend."

"Dass alles im Fluss ist, daran können uns die Ruinen erinnern. Und man sollte sie auch vergehen lassen."

Klaus Gasseleder

Die Faszination am Verfall bleibt ein schwer fassbares Phänomen. Der Mensch kann schließlich auch vom ganz gegenteiligen Hang zum Glatten und Makellosen besessen sein kann, wenn es Obst und Gemüse, Autolack oder die eigene Gesichtshaut geht.

Auf der anderen Seite kann die Vorliebe für Ruinen so weit gehen, dass man sie sich künstlich gestalten lässt – wie etwa im 18. Jahrhundert das Felsentheater im fränkischen Sanspareil in Gestalt einer römischen Ruine, oder heutzutage in Gestalt von stone washed Blue Jeans. Aber über solch menschliches Treiben können diejenigen Ruinen, die wirklich eine Geschichte haben, nur leise lächeln.


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