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Serie // "Watchmen" Die einzige Superheldenserie, die ihr gesehen haben müsst

Die "Watchmen"-Comics von Alan Moore und Dave Gibbons sind seit 30 Jahren Kult unter Comicfans. "Lost"-Showrunner Damon Lindelof ist einer davon. Sein "Watchmen"-Remix ist total durchdacht und hat das Zeug zur besten Serie 2019.

Von: Vanessa Schneider

Stand: 29.10.2019 | Archiv

Sister Night (Regina King) in der neuen HBO-Serie "Watchmen" | Bild: © 2019 Home Box Office, Inc.

Diese Serie gehört auf eure Watchlist, wenn... ihr den heroischen Supehelden-Mythos durchschaut, wie die Serie "The Boys", euch gern überlegt, wie die Geschichte anders verlaufen sein könnte, wie mit "The Man in the High Castle" und gern richtig tief in ein Serienuniversum eintaucht, wie mit "Lost".
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Der kleine Will sitzt allein im Kino. Es läuft sein Lieblingsfilm, in dem ein maskierter Held einen korrupten Sheriff zur Strecke bringt. Plötzlich fallen Schüsse. Bomben gehen hoch. Panik macht sich breit. Es ist das Jahr 1921: Beim Massaker in Tulsa, Oklahoma, sterben in einer Nacht mehrere hundert Afroamerikaner*innen. Will überlebt.

Was aus Will wird und was diese brutale Szene mit den "Watchmen" zu tun hat, das erfahren wir erstmal nicht. Stattdessen landen wir unsanft im Jahr 2019, an der selben Stelle, wo vor fast hundert Jahren der kleine Will auf die brennende Stadt blickte. Schon in den ersten Minuten setzt sich "Watchmen" von der Masse an Superheldenserien und Filmen ab. Diese Serie spielt zwar in einer Parallelwelt, in der die Geschichte nach dem zweiten Weltkrieg ganz anders verlaufen ist als unsere, aber das Massaker von Tulsa ist wirklich geschehen.

In der Welt von "Watchmen" war Richard Nixon mit seiner ultrakonservativen Politik über jahrzehntelang US-Präsident, bis ihn der Schauspieler Robert Redford abgelöst hat. In seiner 28 Jahre dauernden Amtszeit hat der liberale Redford umstrittene Gesetze unterzeichnet, darunter Reparationszahlungen an die Opfer des Massakers in Tulsa aber auch zur Entwaffnung und Aufsicht der Polizei. In Tulsa führt genau das zu neuen Problemen.

Nach einer Anschlagsreihe auf Polizisten, ausgeübt von der rassistischen Terrororganisation "7th Kavalry", halten sie ihre Identität aus Sicherheitsgründen geheim. Im Dienst tragen Polizisten eine Maske und einige, wie die Polizistin Angela Abar, kostümieren sich wie die Rächer aus Comic-Heften und führen ein Doppelleben. Angela Abar hat den Anschlag überlebt und übt jetzt, als "Sister Night" maskiert, Selbstjustiz im Namen des Gesetzes aus. Mehr will ich zum Setting nicht verraten.

Überfordert, aber auf die gute Art

Mit den kultisch verehrten "Watchmen"-Comics von Alan Moore und Dave Gibbons hat diese Story erstmal gar nichts zu tun. Die Serie soll eine Art Remix der Comic-Welt sein, sagt Serienschöpfer Damon Lindelof ("Lost", "Leftovers"). Das heißt, die Serie erzählt in diesem Comic-Universum eine ganz neue Geschichte mit neuen Held*innen. Und die spielt nicht wie der Comic in den 1980ern, sondern im Heute. Trotzdem tauchen nach und nach viele Bekannte aus der Vorlage auf und Fans werden viele clevere Anspielungen finden.

Ohne die "Watchmen"-Comics gelesen zu haben, ist die erste Folge ziemlich überfordernd, aber auf eine gute Weise. Denn wir werden direkt in diese merkwürdige Welt ohne Handys und Internet, aber mit maskierter Polizei hinein geworfen. Glücklicherweise werden im Laufe der Episoden viele Ereignisse eingeordnet und die Hintergründe der "Watchmen"-Geschichte nebenbei erklärt. Die Musik von Nine Inch Nails reißt uns mit und jagt zumindest meinen Puls nach oben. Die Schnitte sind schnell, die einzelnen Einstellungen wie Comic-Strips inszeniert und die Action ist flüssig und realistisch choreografiert.

Ich lehne mich jetzt mal aus dem Fenster: "Watchmen" hat für mich das Zeug zur besten Serie des Jahres. Weil sie nicht nur Spaß macht, sondern auch sehr intelligent aktuelle politische und gesellschaftliche Probleme aufgreift.

Politisch und von vorn bis hinten durchdacht

Denn das Hauptthema ist der strukturelle Rassismus in den USA, mit dem viele Afroamerikaner*innen – wie Angela Abar und ihre Familie – seit Generationen leben müssen. Die Serie konfrontiert uns schonungslos mit diesem Trauma, aber nie um uns damit zu unterhalten wie ein Tarantino-Film, sondern um die Figuren und ihre Motivationen nachvollziehbar zu machen – für das Publikum, aber auch für die Charaktere selbst.

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Watchmen: Official Trailer | HBO | Bild: HBO (via YouTube)

Watchmen: Official Trailer | HBO

Das Massaker in Tulsa, bei dem 1921 ein Lynchmob weißer Einwohner hunderte Afroamerikaner*innen ermordete und das Geschäftszentrum der Stadt, die sogenannte "Black Wall Street" zerstörte, sowie andere furchtbare Ereignisse aus der Geschichte der USA verbinden die Parallelwelt der Serie auf erschreckende Weise mit unserer Realität.

"Watchmen" ruft uns diese vernachlässigten Aspekte der US-Geschichte genau zur richtigen Zeit wieder ins Gedächtnis. Es wird deutlich: Egal wie anders die Geschichte verläuft, der Rassismus ist so tief in die DNS der USA eingeschrieben, dass Politiker, Kriege und sogar ein paar Superhelden daran nicht viel ändern können. Dass Serienschöpfer Damon Lindelof und sein (sehr diverser) Writersroom diese Schandflecke der US-Geschichte und eine afroamerikanische Heldin ins Zentrum der Serie stellen, ist zumindest ein Schritt in die richtige Richtung.

"Watchmen" läuft ab dem 04.11.2019 jeden Montag bei Sky Atlantic und ist dann auch on Demand verfügbar, zum Beispiel über SkyTicket und SkyGo. Oder ihr kommt zum "Seriencamp". Dort seht ihr "Watchman" exklusiv im Kino.
Die Autorin hat die ersten sechs Folgen vorab gesehen.

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Sendung: Hochfahren vom 30.10.2019 – ab 7 Uhr.