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Türkische Vertretungen Schläge im Konsulat?

Nach Recherchen von report München erheben kurdische Deutsch-Türken schwere Vorwürfe gegen die türkischen Generalkonsulate Hannover und Essen. Sicherheitskräfte sollen demnach handgreiflich geworden sein. Die türkische Botschaft widerspricht, die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Von: Ahmet Senyurt / ARD report München

Stand: 02.08.2016

Das türkische Generalkonsulat in Hannover | Bild: BR

Ekrem ist 18 Jahre alt, in Bitterfeld aufgewachsen. In diesem Sommer hat er sein Fachabitur geschafft und möchte sich bei der Bundespolizei bewerben. Doch um dort angenommen zu werden, muss er die deutsche Staatsbürgerschaft erlangen. Seit Monaten versucht Ekrem deshalb, seine Ausbürgerung aus der Türkei zu erreichen, dazu war er in den vergangenen Monaten mehrmals im türkischen Konsulat in Hannover.

In den vergangenen Jahren hat sich viel in den türkischen Konsulaten getan im Sinne von mehr Bürgernähe, freundliches und hilfsbereites Personal oder Terminvereinbarung via Internet. Die Mitarbeiter in den türkischen Konsulaten sprechen heute sogar Deutsch. Für die Landsleute, die die türkische Sprache nicht mehr gut beherrschen, ist das eine große Erleichterung.

Klima in Konsulaten hat sich verschlechtert

Doch seit drei Jahren beobachten deutsche Parlamentarier und türkischstämmige Vertreter von Zivilorganisationen, dass sich dieses freundliche Klima in den Konsulaten offenbar deutlich verschlechtert hat.

Mehr dazu heute Abend in report München um 21:45 Uhr, Das Erste

Mitte Juni hatte Ekrem wieder einen Termin für seine Ausbürgerung. Seine Geschwister hatten auch noch etwas dort zu erledigen, also fuhren sie gemeinsam mit dem Vater schon früh am Morgen nach Hannover. Die Schwester hatte für alle einen Termin per Internet vereinbart, erzählen sie uns und zeigen uns auch die Bestätigung vom Konsulat.

Gewalttätige Auseinandersetzung im Konsulat?

Als die Geschwister im Konsulat ankamen, mussten sie erst mal warten, so schildert es Ekrem. Nach Stunden des Wartens habe er sich beschwert. Es wäre zu einem Streit mit einem Mitarbeiter gekommen.

"Wo ich mich umgedreht habe, hat er mich da am Nacken gefasst, meinen Kopf runtergedrückt und der zweite Sicherheitstyp hat dann mit den Oberschenkeln in mein Gesicht geschlagen, da wusste ich nicht mehr, wo oben und unten ist. Wo ich dann auf den Boden lag, kamen noch ein paar Tritte in mein Gesicht. Der Kiefer hat geblutet. Hat dann Handschellen an mir befestigt und wo ich aufgestanden bin, hat er gesagt: Wenn Du noch eine Bewegung machst, breche ich Dir den Arm."

Ekrem

Im Interview fragen wir Ekrem, ob er die Mitarbeiter beleidigt habe:

"Nein, habe ich nicht. Ich habe nur mit denen normal geredet, wie normale Leute das tun. Ich habe ihn nicht beleidigt, ich habe nicht rumgeschrien."

Ekrem

Wir fragen bei der türkischen Botschaft in Berlin nach. Schriftlich teilt man uns mit:

"Zu einer Handgreiflichkeit, wie Sie es in Ihrem Schreiben darstellen, kam es (…)  nicht. Der Betreffende hat sich beruhigt und anschließend das Konsulat verlassen."

Türkische Botschaft

Angst steigt auch bei den Kurden  

Nicht nur unter den Anhängern der Fethulla-Gülen Gruppe steigt die Angst vor gewalttätigen Anhängern und Sympathisanten der AKP-Regierung, sondern auch bei den Kurden in Deutschland, mit rund 500.000 Menschen eine der größten ethischen Gruppen aus der Türkei. Dass türkische Regierungsstellen eine Art Steckbrief von Anhängern der Gülen Gruppe auch unter den Türken in Deutschland lanciert haben, wundert heute kaum noch jemand. Aber Gewalt, offene Drohungen und Diffamierungen gegen Kurden und ihre Einrichtungen, das wäre in dieser Form neu.

Ali Ertan Toprak, Vorsitzender der kurdischen Gemeinde in Deutschland, erlebt die anti-kurdische Propaganda am eigenen Leib. Er sei PKK-Sympathisant, im Internet kursiert zudem sein Foto, seine Adresse. Toprak ist immer wieder Angriffsopfer von AKP-nahen Medienorganen in Deutschland. Ali Ertan Toprak hat nun Anzeigen erstattet. So wie der Geschäftsmann Ali K..

Geschäftsmann berichtet von Schlägen

Ali K. möchte anonym bleiben, denn er macht noch Geschäfte in der Türkei, noch. Er begleitet Mitte April seinen Bruder zum türkischen Konsulat in Essen, weil dieser Ärger mit seinem türkischen Wehrdienst hat. Ali K. ist selbst deutscher Staatsbürger, sein Bruder nicht. Für Auslandstürken lassen sich solche Probleme - in der Regel - gegen Zahlung einer Gebühr beheben. Der Konsulatsmitarbeiter will angeblich 2.000 Euro, dabei seien 1.000 Euro Gebühr normal, so Ali K.

"Ich holte dann meinen Quittungsblock heraus und schrieb auf: 2000 Euro Bestechung für das türkische Konsulat Essen. Der Beamte fragte, was ich da machen würde. Ich sagte: Ich muss Buch führen, wozu ich dieses Geld ausgebe."

Ali K.

Für die Mitarbeiter im Essener Konsulat war das offenbar eine Provokation. Die kurdischen Brüder werden - ihrer Schilderung nach - daraufhin  in einen anderen Raum geführt.

"Auf einmal kamen Männer rein und hielten mich an meinen Armen fest. Fünf oder sechs Leute stürzten sich auf meinen Bruder, schlugen auf ihn ein. Ich hatte Angst um unser Leben. Ich habe gesehen, dass sie meinen Bruder auf den Boden schmissen, und an seinen Körper schwarze Stäbe drückten. Später erfuhr ich, dass es Elektro-Schocker waren."

Ali K.

Die türkische Botschaft bestätigt die Auseinandersetzung an sich, schreibt aber auf Nachfrage von report München: "Daraufhin haben diese Personen den Arbeitsablauf des Konsulats gestört und die Mitarbeiter zunächst beleidigt und anschließend körperlich angegriffen.“

Ekrem soll nun Papiere holen

Im Fall von Ekrem kam nun Post vom türkischen Konsulat in Hannover. Er habe seine Papiere liegen lassen, heißt es in dem Schreiben. Er könne die Dokumente abholen, aber nur wenn er persönlich erscheint.


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