43

Drama am Shisha Pangma Lawine mit Langzeitfolgen

Fünf Bergsteiger versuchen einen Achttausender zu bezwingen, nur drei kommen wieder nach Hause. Vom Geschehen am Berg gibt es unterschiedliche Versionen. Das Drama beschäftigt die Überlebenden bis heute - und wird inzwischen auch in der Bergsteigerszene diskutiert.

Von: Michael Düchs mit BR24

Stand: 10.09.2016

Am Shisha Pangma | Bild: Michael Düchs / BR

Der frühe Morgen des 24. September 2014 in Tibet. Fünf Bergsteiger befinden sich im Aufstieg auf einen Achttausender. Der Gipfel ist zum Greifen nah, als sich ein Schneebrett löst. Drei der Bergsteiger werden diesen Augenblick ihr Leben lang nicht vergessen.

"In dem Moment geht völlig geräuschlos, völlig ohne Vorwarnung eine Lawine ab."

Benedikt Böhm

"Bei mir unter den Füßen ist der Schnee weggerutscht. Und da ging es eigentlich auch schon weg."

Ueli Steck

"Ich habe noch versucht, mich rauszuwinden, irgendwo Halt zu finden, aber es gab da keine Chance."

Martin Maier

Der Münchner Beni Böhm und der Schweizer Extrembergsteiger Ueli Steck haben Glück - sie werden von der Lawine nicht in die Tiefe gerissen, anders als ihre drei Begleiter. Basti Haag und Andrea Zambaldi werden verschüttet und getötet. Martin Maier, ein Münchner Bergsteiger, kommt wie durch ein Wunder auf dem Lawinenkegel zu liegen. Mehrere Stunden ist er bewusstlos, dann wacht er auf, schleppt sich ins nächstgelegene Hochlager.

Martin hatte ein schweres Schädel-Hirn-Trauma und eine Hirnblutung erlitten, außerdem waren Bänder und Knochen in beiden Beinen verletzt. Trotzdem überstand er die Nacht, allein, in einem kaputten Zelt, auf über 7.000 m Höhe. Hilfe kam erst am nächsten Morgen, der Sherpa Norbu fand Martin und brachte ihn zurück ins Leben.

Der Schauplatz des Dramas

Ein Geschehen, verschiedene Geschichten

All das ist inzwischen fast zwei Jahre her. Martin geht längst wieder gerne in die Berge. Die Ereignisse an der Shisha Pangma allerdings haben ihn bis heute nicht losgelassen.

"Es hat mich ganz einfach beschäftigt, wie das alles zustande gekommen ist. Allein durch die Tatsache, dass es viele Schilderungen gegeben hat, von unterschiedlichen Leuten, mit unterschiedlichem Inhalt, die einfach nicht mit dem übereingestimmt haben, was ich in Erinnerung habe."

Martin Maier

Vor allem Beni Böhm hat in den Wochen nach dem Lawinenunglück einige Interviews gegeben, in denen er manche Dinge anders schildert als Martin sie in Erinnerung hat. Eine der Aussagen, an denen sich Maier stört:

"Die Chancen, jemanden noch lebend zu bergen, waren sehr, sehr gering."

Benedikt Böhm

Martin Maier beginnt zu recherchieren, wertet Funksprüche, Fotos und Videos aus. Schließlich kann er belegen, dass Beni einige Dinge nicht korrekt dargestellt hat.

Das Resultat von Martins Rekonstruktion: Nach dem Lawinenabgang stiegen Ueli und Beni ab und versuchten, zum Lawinenkegel zu queren. Nach einigen Stunden gaben sie diesen Versuch auf und stiegen ab ins Basislager - zu groß schien ihnen das Risiko weiterer Lawinen. Beni Böhm verschweigt, dass Ueli und er sehr wohl gesehen haben, dass einer ihrer Kameraden auf dem Lawinenkegel lag, und dass sie sogar gesehen haben, dass derjenige sich bewegt hat. Die Entscheidung, nicht zu Hilfe zu eilen, erscheint jetzt in völlig anderem Licht. Ueli und Beni wussten, dass einer ihrer Freunde am Leben und wahrscheinlich schwer verletzt war. Wie erklärt Beni Böhm heute, dass er diese Tatsache in keinem Interview erwähnt hat?

"Zu der Frage ist es so, dass die Situation bis heute an mir nagt, also auch dieser Moment, dieser schlimmste Moment meines Lebens und dass ich da einfach nicht proaktiv drüber sprechen wollte und das war glaube ich der Umstand, dass das so tief in mir sitzt, diese ganze Geschichte, dass ich das, wie soll ich sagen, nicht groß breittreten wollte. Aber im Nachhinein auch ein Fehler."

Benedikt Böhm

Wo kein Gras mehr wächst

Shisha Pangma: Das tibetische Wort lässt sich übersetzen mit "Zone über der grasbewachsenen Ebene". Für Martin Meier ist die Bergtour zu einer Grenzerfahrung anderer Art geworden. Es geht ihm nicht darum, Beni oder Ueli Vorwürfe zu machen. Er will nur das seiner Ansicht nach schiefe Bild der Ereignisse zurechtgerückt wissen. Und er stellt sich grundsätzliche Fragen.

Worum geht es beim Bergsteigen? Wie hat es sich unter dem Einfluss der Medien entwickelt? Was sagt es über den Bergsport, dass es inzwischen nicht nur um unerreichte Höhen geht, sondern um Geschwindigkeitsrekorde und Superlative wie die erste Snowboard-Befahrung eines Achttausenders? Welche Werte sind nicht nur den Bergsteigern, sondern unserer Gesellschaft und jedem einzelnen von uns wichtig?

"Ganz generell, glaube ich, habe ich eine andere Einstellung zum Leben, zum Dasein, zu dem was wichtig ist im Leben bekommen. Grundlegend ist wichtig, dass man bei sich bleiben sollte und irgendwo bei dem was richtig ist und was ein Stück weit wahr ist."

Martin Maier


43

Keine Kommentare mehr möglich. Hinweise zum Kommentieren finden Sie in den Kommentar-Spielregeln.)

Dieter Schmidt, Samstag, 10.September, 21:59 Uhr

2. Drama an der Shisha Pangma

Bin Herrn Maier auch dankbar, dass er die Sache nochmals aufgreift und Merkwürdiges aufzeigt.
Wenn Böhm und Steck zunächst Richtung Lawinenkegel gegangen sind und dann doch abbrachen, um zum Basislager abzusteigen, wussten Sie in diesem Moment beide ja gar nicht, wer dort lag.
Hätte ja auch Haag sein können, den Böhm dann alleine zurückgelassen hätte.
Diese Vorstellung lässt nur den Schluß zu, dass beide, Böhm und Steck entweder psychisch der Sache nicht gewachsen waren oder höhenbedingt nichts mehr alles richtig checken konnten oder........oder.......die schlechteste Möglichkeit möchte ich gar nicht aussprechen.
Habe selber mit der Höhenbergsteigerei längst abgeschlossen und je größer der Abstand desto mehr kommen mir all diese Extremaktionen verrückt vor. Denn dass man sich freiwillig und ohne Zwang von Aussen ständig in Lebensgefahr bringen muß, hat bzw. bekommt irgendwie manische Züge.

Stefan B., Samstag, 10.September, 13:32 Uhr

1. B.Böhms Lügengebäude bricht zusammen?

U. Stecks und B. Böhms Persönlichkeiten erscheinen in einem katastrophalen Licht wenn deren Berichterstattung und die Recherchen von M. Mair gegenüber stellt. Etwas riskieren für einen "Teilnehmer" der nicht einmal in der offizuellen Berichterstattung aufscheint? Den lassen wir liegen - passt nicht ins Konzept der Inszenierung. Jeder weiß, dass dort oben harte Bedingungen herrschen doch das Opfern von Menschen für die eigene Inszenierung ist damit nicht gemeint.
Herr Mair danke, dass Sie Ihre Sichtweise und Erfahrungen teilen, alles Gute.