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50 Jahre Atomkraftwerk Gundremmingen Vom Hightech-Wunder zum Auslaufmodell

Seit 50 Jahren liefert das Kernkraftwerk Gundremmingen Strom. Doch nicht mehr lange! Und dann? Block A wird bereits zurückgebaut und das Ende der Blöcke B und C rückt näher. In "Mittags in Schwaben" live aus Gundremmingen blickte der Bürgermeister nach vorne, der AKW-Technikchef nannte eine unbequeme Zahl und der Atomgegner zweifelte den Ausstieg an.

Von: Joseph Weidl, Jenny Schack, Beate Mangold und Günther Rehm

Stand: 13.08.2016 | Archiv

Es sind die "goldenen Jahre" der Atomkraft in Deutschland - und Gundremmingen im Landkreis Günzburg bekommt 1966 Deutschlands erstes Großkernkraftwerk. In der Nacht auf den 14. August wird der Reaktor von Block A "kritisch" gemacht: Techniker fahren die Steuerstäbe im Kern so weit aus, dass eine Kernspaltung zustande kommt.

"Zwecks Errichtung eines Kernkraftwerks"

Vier Jahre zuvor, im Dezember 1962, war die Genehmigung für Block A erteilt worden. Die Kernenergie gilt in der jungen Bundesrepublik als sauber, billig und friedlich. Bayern ist Anfang der 60er-Jahre noch ein energieschwaches Brachland. Doch im Wirtschaftswunderland herrscht Aufbruchstimmung. Und dafür braucht man Strom. Die Bundesregierung wirbt also intensiv bei Stromkonzernen um den Einstieg in die Kernenergienutzung. RWE und Bayernwerk sagen ja.

Gundremmingen scheint für ein AKW bestens geeignet: Die Wahrscheinlichkeit von Erdbeben ist gering, es gibt einen Zugang zur Donau fürs spätere Kühlwasser und zudem weite kaum besiedelte Flächen, die aufgekauft werden können. Die Dorfbewohner sollen von den Plänen aber erst einmal nichts erfahren:

"Ich bekam einen Telefonanruf vom Landratsamt Günzburg, dass am nächsten Tag einige Herren von RWE mich aufsuchen werden zwecks Errichtung eines Kernkraftwerks in Gundremmingen. Ich war wie vor den Kopf gestoßen. Sie beruhigten mich, ich sollte weiter nichts sagen. Aber trotzdem: Am nächsten Tag wusste es fast die ganze Gemeinde und opponierte dagegen."

Leo Schäffler, Bürgermeister von Gundremmingen, in einem Interview im Jahr 1966

Hier steht das Atomkraftwerk Gundremmingen: Hier steht das Atomkraftwerk Gundremmingen

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Drei Mark pro Quadratmeter

Noch sind die Erinnerungen an die Atombombenabwürfe über Hiroshima und Nagasaki präsent. Doch der Widerstand im Ort legt sich. Zu verlockend sind die Aussichten auf Arbeitsplätze und Gewerbesteuereinnahmen (bis heute steht die Gemeinde deshalb finanziell sehr gut da). Mehr als die Hälfte der Bauern verkauft Land: insgesamt 40 Hektar zu einem Quadratmeterpreis von drei Mark. Damals ein gutes Geschäft.

Zwei Unglücke in Block A dämpfen die Euphorie nachhaltig. 1975 kommen bei Wartungsarbeiten zwei Schlossermeister ums Leben; sie werden durch radioaktiven Dampf tödlich verbrüht. Im Januar 1977 strömt nach einem Kurzschluss radioaktiver Dampf ins Reaktorgebäude. Die Folge: wirtschaftlicher Totalschaden. Block A wird vom Netz genommen. Block B und C sind aber bereits in Bau.

Atom im Wappen

Oben im Dorf hat sich im Laufe der Jahrzehnte eine neue Siedlung herausgebildet, in der die Ingenieure des Kernkraftwerks wohnen. Im alten Dorf leben vornehmlich die Landwirte. Inzwischen wohnt man gut miteinander. Das Atom hat es sogar ins Wappen der Gemeinde geschafft.

Mit der Energiewende nach dem Unglück von Fukushima wird das Ende der Atomzeit in Gundremmingen eingeläutet: Block B soll noch bis Ende 2017 laufen, Block C vier Jahre länger. Ersatz ist schon in Planung: mindestens ein Gaskraftwerk.

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