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Terror und Produktpiraterie Ein boomender Milliardenmarkt

Terroristen haben die Produktpiraterie für sich entdeckt: Im Internet ist das illegale Geschäft einfach wie nie, Markenfälschungen aus China lassen sich beim Hersteller bequem per Post ordern. Zoll und Industrie gehen gegen die Fakes vor - doch die Händler finden immer neue Tricks. Allein in der EU ist Produktpiraterie ein 85-Milliarden-Business - Jahr für Jahr.

Von: Sabina Wolf und Wolfgang Kerler

Stand: 24.08.2016 | Archiv

Gefälschte Sportschuhe liegen am Dienstag (14.11.2006) im Hamburger Hafen auf einem Haufen. In 117 Containern wurden vom Zoll Markenfälschungen im Wert von 383 Millionen Euro entdeckt. Alle Plagiate werden vernichtet. Die geschredderten Turnschuhe sollen zu Bodenplatten für Sportplätze verarbeitet werden. | Bild: picture-alliance/dpa/Ulrich Perrey

Die Zahl ist gigantisch: In den vergangenen zwei Jahrzehnten habe die Produktpiraterie um 10.000 Prozent zugenommen, schätzt die International AntiCounterfeiting Coalition, kurz IACC, ein internationaler Verband von Markenherstellern, der gegen Produktpiraterie kämpft.

Das weltweite Handelsvolumen mit gefälschten Waren beträgt 461 Milliarden Dollar, das entspricht der Wirtschaftskraft von Australien. Das wichtigste Herkunftsland der illegalen Ware: China. 70 Prozent stammen von dort. Und fast zwei Drittel der Ware werden ganz einfach per Post verschickt.

Kein Produkt, das nicht gefälscht wird: T-Shirts, Turnschuhe, Handtaschen, Sonnenbrillen, Kosmetik, Autoteile, Bauteile von Flugzeugen, Medikamente oder Pflanzenschutzmittel. Wer solche Fälschungen kauft, sollte sich bewusst sein, wer davon profitiert: organisierte Kriminalität, Fabriken mit unmenschlichen Arbeitsbedingungen und - wie die Informationen von BR Recherche und des ARD-Wirtschaftsmagazins plusminus zeigen - zunehmend auch Terroristen.

Zahlen & Fakten im Überblick

Produktpiraten finden neue Tricks

Wie in den meisten europäischen Ländern, bekämpft auch in Deutschland der Zoll die Produktpiraterie. Immer wieder werden entlang der Grenzen, an Airports oder Häfen riesige Mengen illegaler Güter beschlagnahmt. Der Wert der aufgegriffenen gefälschten Ware betrug im vergangenen Jahr 132 Millionen Euro. Das dürfte aber nur einem winzigen Bruchteil der nach Deutschland eingeführten Fakes entsprechen. Denn die EU wird jedes Jahr von Fälschungen im Wert von rund 85 Milliarden Euro überschwemmt.

Um Beschlagnahmungen am Hafen oder Airport zu entgehen, haben die Produktpiraten einen neuen Trick gefunden, von dem auch Europol berichtet: Die heiße Ware wird oftmals noch ohne verräterisches Markenzeichen einer bekannten Firma importiert, nur das Design entspricht dem Original. Obwohl auch das schon eine Urheberrechtsverletzung darstellt, beschlagnahmen die Behörden die Ladung oft nicht, da die Fälschungen nicht so leicht auffallen. Erst nach der Einfuhr kleben die Hinterleute im Pirateriegeschäft oder die Straßenhändler selbst die Markenlogos auf die Taschen oder Turnschuhe.

Achterbahn bis Zigarette: Galerie der unwahren Waren

So jagt die Industrie im Netz Produktpiraten

Nicht nur die Sicherheitsbehörden gehen gegen Produktpiraterie vor, auch die Industrie selbst. Die Unternehmen setzen dabei auf neue Wege: Sie wollen Produktpiraterie stoppen, bevor die illegale Ware versendet wird. Daher kämpfen sie gegen Handelsplattformen im Internet.

Im Auftrag großer deutscher Markenhersteller durchleuchtet etwa die italienische Firma Convey mit Sitz in Turin asiatische Online-Handelsportale. Rund um die Uhr prüft sie Plattformen wie Alibaba, Taobao oder Ali-Express. Stößt sie auf Anbieter von Fakes, meldet sie den Portalbetreibern die Produktpiraten und beantragt die Löschung der Angebotsseite. Tausende illegale Händler sind bereits aufgeflogen. Die Mitarbeiter von Convey bekommen regelmäßig wüste Drohungen.

Die italienischen IT-Experten legen immer Beweise vor, dass es sich tatsächlich um Plagiate handelt: Originalfotos, Gebrauchsmuster oder Patente. Dann muss die jeweilige Plattform reagieren. Wenn sie die Angebote online belässt, drohen ihr strafrechtliche Ermittlungen. Besonders heikel wäre das für den chinesischen IT-Giganten Alibaba, der an der New Yorker Börse gelistet ist. Denn US-Behörden greifen hart durch.


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