NSU-Prozess


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98. Verhandlungstag, 26.3.2014 Harsche Worte im Gerichtssaal

Auch am 98. Verhandlungstag kommt der NSU-Prozess nicht recht voran. Eine frühere Lebensgefährtin des Angeklagten Ralf Wohlleben beteuert im Zeugenstand, nur "bruchstückhafte Erinnerungen" an die Jahre 1997 und 1998 zu haben. Was auch zu einem erregten Disput zwischen Nebenklageanwälten und Verteidigern führt.

Author: Christoph Arnowski

Published at: 26-3-2014 | Archiv

Christoph Arnowski | Bild: Bayerischer Rundfunk

26 März

Mittwoch, 26. März 2014

„Sie machen es mir echt schwer!“ Irgendwann an diesem Vormittag scheint überraschend die Zeugin Juliane W. mit Ihrer Geduld am Ende. Doch dem Vorsitzenden Richter Manfred Götzl scheint es nicht anders zu gehen. „Sie machen es mir auch schwer.“ Er will nicht glauben, dass die heute 32 Jahre alte Verkäuferin Juliane W. sich kaum an die Jahre 1997 und 98 erinnern kann. Damals, mit 16,  war sie die Freundin von Ralf Wohlleben, hatte dadurch auch viel Kontakt zu Beate Zschäpe, Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos. Und an dem Tag im Januar 1998, als das Trio in den Untergrund abtauchte, sollte sie sogar Kleidung aus den Wohnungen von Mundlos und Zschäpe holen. Dabei traf sie in der Wohnung von Mundlos auf Polizisten, die dort gerade die Zimmer durchsuchten.

"Das ist so lange her, ich weiß nicht mehr"

Aber die bruchstückhaften Erinnerungen der Zeugin ergeben kein klares Bild, das entscheidend Neues über den NSU und seine Unterstützer vermittelt. Weder über die Umstände des Abtauchens in den Untergrund, noch über die Beziehungen der Beschuldigten untereinander. „Das ist so lange her, ich weiß nicht mehr, wer was zu wem gesagt hat“, erklärt Juliane W. immer wieder. Richter Götzl versucht unverdrossen über immer neue Vorhalte weitere Fakten in Erfahrung zu bringen. Und fährt dabei die Zeugin auch schon mal harsch an.

Was nach  eineinhalb Stunden den Zschäpe-Verteidiger Wolfgang Stahl auf den Plan ruft: „Ich würde mir mal wünschen, dass Sie einen BKA-Beamten so befragen würden, der sich nicht erinnern kann. Ich gewinne den Eindruck, dass es zweierlei Zeugenbefragungen gibt. BKA-Beamte werden mit  Samthandschuhen angefasst.“

Richter Götzl ist sauer

Jetzt ist der Vorsitzende Richter sauer. Er schickt die Zeugin aus dem Saal. Einen solchen Vorwurf will er nicht auf sich sitzen lassen. Anwälte der Nebenkläger unterstützen ihn. Angelika Lex weist wie andere die Vorwürfe von Stahl zurück, spielt darauf an, dass schon viele Zeugen aus der rechten Szene sich nicht erinnern konnten, weil sie sich erkennbar nicht erinnern wollten: „Wir hatten hier schon Zeugen, die eine harschere Befragung verdient hätten. So geht es nicht, dass hier alle einfach sagen, sie können sich nicht erinnern." Das widerum bringt die Verteidigerbank auf die Palme: „Die Jagdsaison auf Zeugen ist eröffnet“, schimpft Wohlleben-Verteidiger Olaf Klemke.

Keine Antworten

Das Verfahren selbst kommt so nicht weiter. Auch ihre Antworten auf ihre Vergangenheit beim Verfassungsschutz liefern keine wirklich spannenden Details. Zweimal wurde sie von zwei Beamten befragt, nachdem Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt in den Untergrund gingen. Mit jeweils 100 D-Mark wurde sie entlohnt, obwohl sie nichts zum Verbleib der Drei sagen konnte.

Die Befragung zieht sich bis in den späten Nachmittag. Und ich frage mich immer öfter: Ist bei diesem Prozess wirklich jedes Detail so wichtig, dass es das Gericht in stundenlangen Vernehmungen zu klären sucht? Können die genauen Umstände des Untertauchens wirklich Bedeutung erlangen bei der Frage, ob Beate Zschäpe der Mittäterschaft überführt werden kann? Und dafür, dass Ralph Wohlleben das Trio im Untergrund unterstützt hat, gibt es doch bereits jetzt jede Menge belastbarer Zeugenaussagen, die ihn beispielsweise als Beschaffer der Mordwaffe beschreiben. Warum also so viele Fragen zu so nebensächlich wirkenden Details? Eine überzeugende Antwort auf diese Fragen sehe ich - zumindest heute - nicht.

Christoph Arnowski arbeitet als Reporter für die Nachrichtensendungen des Bayerischen Fernsehens und der ARD. Er berichtet seit vielen Jahren über alle wichtigen Gerichtsprozesse in Bayern.


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