NSU-Prozess


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Tagebuch der Gerichtsreporter Mysteriöser Taschenlampen-Anschlag von 1999

Wegen "Unpässlichkeit" eines Angeklagten, wie eine Gerichtssprecherin sagt, begann der Prozess heute mit einer Stunde Verspätung. Langeweile kommt auf der Pressetribüne dennoch nicht auf.

Author: Christoph Arnowski

Published at: 12-6-2013 | Archiv

NSU-Gerichtssaal | Bild: Bayerischer Rundfunk

12 Juni

Mittwoch, 12. Juni 2013

Denn die gestrige Aussage von Carsten S., Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos hätten ihm im Frühjahr 2000 erzählt, in Nürnberg eine "Taschenlampe aufgestellt" zu haben, wirft viele Fragen auf, die recherchiert werden müssen. Ursprünglich schien die von S. unter Tränen geäußerte Angabe keinen Sinn zu machen. Denn vor dem Jahr 2000 hatte es nach bisherigen Erkenntnissen keinen Sprengstoffanschlag des NSU gegeben. S. aber berichtete mit brüchiger Stimme, er habe sich am damaligen Abend gedacht, dass es sich dabei um eine Bombe handeln könnte. Unmittelbar nach Prozessende gestern hatten alle Beteiligten keine rechte Erklärung für diese widersprüchlich erscheinende Einlassung des Angeklagten.

Kleine Sensation

Seit Dienstagabend ist das anders. Es zeichnet sich ab, dass vielleicht doch alles zusammenpasst und es einen weiteren Anschlag des NSU gab, der als solcher noch gar nicht erkannt wurde. Das wäre die erste kleine Sensation, die dieser Prozess liefert. Der Stern zog als erster einen Artikel der Nürnberger Nachrichten aus dem Archiv. Er stammt vom 25.6.1999. Es geht um einen Sprengstoffanschlag vom 23.6.1999. Der Tatort: eine Kneipe in der Scheurlstraße in der Nürnberger Südstadt, die einem Türken gehörte. Sein Putzmann fand auf der Toilette einen Gegenstand, der wie eine Taschenlampe aussah und explodierte, als er sie anknipsen wollte. Der 18-Jährige erlitt leichte Verletzungen. Laut Bericht wurden Sprengstoffexperten des LKA hinzugezogen. "Hinweise auf einen ausländerfeindlichen Hintergrund" haben die Ermittler nicht, heißt es weiter. Zumindest vom Nürnberger Zeitungskollegen gab es also entsprechende Überlegungen. Das passt haargenau zu dem, was wenige Stunden zuvor Carsten S. aus seinen Erinnerungen gekramt hat. Und noch eines macht nach ersten Recherchen stutzig: Die Scheurlstraße ist nicht weit von der Scharrerstraße. Dort hatte im Juni 2005 der NSU den türkischen Imbißbudenbesitzer Ismail Yasar erschossen.

Götzl will Vorgang ermitteln lassen

Im Gerichtssaal kündigt heute der Vorsitzende Richter Manfred Götzl sofort nach dem verspäteten Beginn an, den Vorgang ermitteln zu lassen und gegebenenfalls zusätzliche Zeugen zu benennen. Doch auch außerhalb der Verhandlung stellen sich Fragen: Warum haben LKA und Nürnberger Ermittler den bis heute ungeklärten Anschlag nach dem Auffliegen der Zwickauer Terrorzelle an die Ermittler von Bundeskriminalamt und Generalbundesanwaltschaft nicht gemeldet. Die hatten ausdrücklich dazu aufgerufen, ungeklärte Altfälle durchzugehen. Zeichnet sich da eine neue Ermittlungspanne ab? Meine Anfrage beim LKA in München läuft. Die Kollegen in Nürnberg recherchieren vor Ort.

"Schon ein Skandal"

Die neue Entwicklung ist nach Ansicht vieler Prozessbeteiligter von großer Bedeutung. Die Aussage von Carsten S. gewinnt dadurch an Glaubwürdigkeit, urteilten in der Mittagspause übereinstimmend die Verteidiger von Beate Zschäpe, aber auch einige Anwälte der Nebenkläger: "Denn er hat zweifellos Täterwissen offenbart." Möglichweise, so schlussfolgert nicht nur Rechtsanwalt Sebastian Scharmer, der die Kinder des 2006 in Dortmund ermordeten Kioskbesitzers Mehmet Simsek vertritt, hat es noch mehr Verbrechen des NSU gegeben, "von denen wir noch gar nichts wissen". Und noch eines sagt er: Dass die bayerischen Ermittler 2011 den ungeklärten Nürnberger Bombenanschlag nicht an das BKA gemeldet hätten, sei "schon ein Skandal".

Das LKA schreibt am Nachmittag, die Prüfung sei umfangreich. Auskunft könne wegen des laufenden Verfahrens nur die Bundesanwaltschaft geben. Und die teilt auf ihrer täglichen Pressekonferenz am Abend mit, dass sie die Nürnberg betreffenden Akten mittlerweile vorliegen hat und prüft.

Und noch eines erfahre ich am Rande des heutigen Verhandlungstages. Das sogenannte gemeinsame Abwehrzentrum Rechts (GAR) hat längst noch nicht alle 4000 ungeklärten Tötungsdelikte aus dem Zeitraum 1990 bis 2011 abgearbeitet, die nach Bekanntwerden der NSU-Mordserie erneut untersucht werden sollen. Nicht ausgeschlossen also, dass während des Prozesses weitere Verbrechen der Terrorzelle bekannt werden.


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