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Das 19. Jahrhundert Vom Pferderennen zum Nationalrausch

Lange stand nicht das Bier im Mittelpunkt, sondern der König nebst anderen großen Tieren. Später locken Schichtls Hinrichtungstheater und "Völkerschauen" mit verschleppten Eingeboren die Massen. Die Zeit der großen Rauschpaläste beginnt um 1900.

Von: Michael Kubitza

Stand: 16.09.2016 | Archiv

Masskrugwäsche in einem der Biergärten auf dem Oktoberfest in München. | Bild: SZ Photo/Süddeutsche Zeitung Photo

Kaum zu glauben, wie manierlich sich die Wiesnbesucher in den ersten Jahrzehnten verhielten. Viechereien überließ man den zahlreich anwesenden Tieren - den Pferden auf der Rennbahn, den prämierten Stieren und Schafsböcken auf dem "Central-Landwirthschaftsfest", dem hölzernen, bald ziemlich gerupften Vogel, der den Sportschützen als Zielscheibe diente. Im Mittelpunkt stand schließlich noch nicht das Bier, sondern die - jedenfalls behauptete - Verbundenheit von König und Volk in Stadt und Land.

"Auf der dreitägigen Kirchweih des kleinsten Dörfchens in Rheinbaiern wird freilich mehr gelärmt und gesungen als während des ganzen Oktoberfests."

Georg Friedich 1836, zit. nach G. Möhler, Das Münchner Oktoberfest

Mehr als einem großen Fressen und Saufen glichen die frühen Oktoberfeste einer Mischung aus Sportveranstaltung und bayerischer Landwirtschaftsmesse mit Prämierungen für Tiere, Menschen und Erfindungen. Es gibt Ehrenmedaillen für verdiente Bürger, brave Schüler und sogar einen "Weit-Preis"für den, der aus weitest entfernten Ecke Bayerns angereist ist. Man kommt, um zu sehen und gesehen zu werden - und um Kaffee uzu trinken, wie der Komponist Felix Mendelssohn-Bartholdy 1931 berichtet.

Das Oktoberfest - kein Jahrmarkt

Lange war das Festplatzrondell im Inneren des Rennbahnovals kaum mehr als eine mit Holzhütten bepflanzte Oase in der grasbewachsenen Wüstenei vorstädtischer Wiesen. Das Vergnügen wächst langsam und von den Rändern her.

Tierleben 1: Ein preisprämierter Ochse paradiert vor der Königsloge

1818 stellt der Gruberwirt aus Sendling erstmals ein paar Karusselle und Schaukeln auf; 1836 beschreibt Friedrich Hebbel in der Stuttgarter Zeitung eine eher unfreiwillig komische Gemsendressur. Schon gibt es Bierbuden und Fischbratereien, doch noch kaum Schausteller. Der Magistrat, seit 1819 federführend, legt Wert darauf, dass das Oktoberfest "kein Jahrmarkt" sei, sondern "ein Lokalfest" für heimische Produzenten.

Auf gehts beim Schichtl!

Noch 1881 ist das Wiesn-Angebot überschaubar: Es gibt sechs Fahrgeschäfte und zwölf Schieß- und Wurfgeschäfte, 23 Schaubuden. Die beliebteste dürfte das 1869 gegründete "Zaubertheater" des Michael August Schichtl sein, das bis heute zu sehen ist. Spezialität: "Die Enthauptung einer lebendigen Person mittels Guillotine".

Die Zahl der Wiesnbesucher geht da schon in die Hunderttausende: Die Einwohnerschaft Münchens hat sich seit 1810 versechsfacht, das wachsende Eisenbahnnetz ermöglicht immer mehr Bayern einen Tagesausflug in die Landeshauptstadt, die deutsche Einheit lockt verstärkt "Preißn".

Kommen Sie! Staunen Sie! Sausen Sie!

Den "Big Bang" bringen die letzten beiden Jahrzehnte des Jahrhunderts, die "Electricität" und eine Reihe findiger Wiesn-Unternehmer: Carl Gabriel mit seinen Tier- und Völkerschauen und Hugo Haase, der "Oscar von Miller der Fahrgeschäfte".

Tierleben 2: Feine Damen begaffen Kamele und Affen

Vor allem die Schaubuden schießen wie Pilze aus dem Boden: Variétés, Zaubertheater, Menagerien, Wachsfigurenkabinette. 1901 präsentiert Gabriel ein ganzes Beduinendorf - samt Bewohnern, versteht sich. Die Dynamik der Gründerzeit mit ihren technischen Errungenschaften und dem Wettlauf um Kolonien spiegelt sich auf der Wiesn.

Musik an! Bier her!

Auch die Musik klingt jetzt anders: Lange spielt in der Mitte des Festplatzes ein großes Orchester, umweht von Klangwolken diverser Straßenmusiker, die gegen einen Obulus da und dort Militärmusik und Landler, Arien und Tschinellengeklingel "alla turca" zum Besten geben. Um 1900 setzt sich allmählich der typische, blechgeblasene Wiesn-Schlager durch.

Oans, zwoa, drei - ja wos denn?

Zwei Details, die Münchner Lokalpatrioten auch ohne Festbier schlucken lassen: Die Tradition des Mitsingens und Schunkelns führt ausgerechnet ein Nürnberger ein, der Festwirt Georg Lang, der sich mittels einheimischer Strohmänner fünf Bierbudenplätze sichert, darauf eine Festhalle errichtet, die Original Oberlandler aufspielen lässt und das erste Wiesn-Textbuch unters Volk bringt. Die inoffizielle Wiesnhymne "Ein Prosit der Gemütlichkeit" aber stammt, je nach Quelle, aus der Feder eines Chemnitzers namens Bernhard Dittrich oder des Bremer Journalisten Georg Kunoth.

Von einem "Bierfest" ist lange nicht die Rede; zeitweise sind das "Prosit" der Kapelle und andere Schlager, die zum Trinken animieren, sogar verboten. In den Bretterverschlägen wird alles mögliche ausgeschenkt, auch Biere aus Wien.

Biergeschichte(n)

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Mit dem Aufstieg Münchens zur "Weltbierhauptstadt" ändert sich das gewaltig. Aus den zahllosen Bierverschlägen mit meist um die 50 Plätzen werden geräumige, festlich geschmückte Brauerei-Zelte, die die neuen Bierpaläste in der Innenstadt imitieren.

Die "Münchner Vorwoche", in der das Fest noch nicht offiziell, der Bier- und Schweinswürstlkonsum aber schon enorm ist, verlängert die Wiesn zur 14-plus-x-Tage-Sause. 1881 rotiert der erste Ochs am dampfbetriebenen Spieß. Das Rundum-Wohlbehagen in der Körpermitte ist im Zentrum der Wiesnfreuden angekommen.


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