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9. November Ein deutscher Schicksalstag

Der 9. November ist ein Schicksalstag der Deutschen - im positiven wie im negativen Sinne. Die meisten denken wohl zuerst an den Fall der Mauer. Aber dieses Datum steht auch für die schrecklichen Seiten der deutschen Geschichte.

Von: Jürgen P. Lang

Stand: 09.11.2016 | Archiv

Montage: Scheidemann am Fenster, zerstörte jüdische Geschäfte und Menschen auf der Berliner Mauer | Bild: picture-alliance/dpa; dapd; Montage: BR

Zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist der 9. November 1918, immerhin der Geburtstag der Weimarer Republik, der ersten deutschen Demokratie. Wer ihre Geschichte vom Ende her betrachtet, kann sich einer großen Tragik nicht erwehren: Denn der Untergang Weimars ging einher mit dem Aufstieg der Nationalsozialisten. Deren Schreckensherrschaft manifestierte sich unter anderem im 9. November 1938, als in Deutschland die Synagogen brannten. Aber auch der Widerstand gegen die Nazis ist eng verbunden mit diesem Datum. Am Vorabend des 9. November 1939 explodierte Georg Elsers Bombe, die Hitler treffen sollte. Dass 1989 mit der Mauer die zweite Diktatur auf deutschem Boden zusammenbrach, ist für uns ein Grund zur Freude. Aber der 9. November ist eben auch ein Tag, der nachdenklich machen sollte.

9. November 1918 - Novemberrevolution

Ehefrau Elisabeth, Kurt Eisner, Minister Hans Unterleitner (v.l.n.r.) | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel November 1918 Die unblutige Revolution

60.000 Menschen versammelten sich am 7. November 1918 auf der Theresienwiese. Aus der Großdemo wurde die bayerische Novemberrevolution. Kurt Eisner rief noch in derselben Nacht den Freistaat Bayern aus und setzte die Wittelsbacher ab - alles ohne einen Tropfen Blut zu vergießen. [mehr]

"Das Alte und Morsche, die Monarchie ist zusammengebrochen! Es lebe das Neue! Es lebe die deutsche Republik!" Das Pathos der Worte, mit denen der Sozialdemokrat Philipp Scheidemann am 9. November 1918 die Republik ausrief, verfehlte die Stimmung der unter dem Balkon des Reichtags versammelten Menge nicht. Eine nach den Schrecken des I. Weltkriegs traumatisierte Bevölkerung wollte den Neuanfang. An diesem 9. November war Scheidemann dem Kommunisten Karl Liebknecht zuvorgekommen, der mit der Ausrufung der "sozialistischen Republik" den Aufruf zur Weltrevolution verknüpfte. Noch heute verzeiht es die extremere Linke der SPD nicht, dass mit der Weimarer Republik eine Demokratie entstand - das Verdikt "verratene Revolution" ist Ausdruck dieses Hasses. Die neue Staatsform hatte damals die Vernunft geboten. Eine Herzensangelegenheit war Weimar - darüber sind sich die Historiker einig - für die meisten Deutschen nicht.

9. November 1923 - Hitlerputsch

Filmszene: Hitler und seine Gehilfen | Bild: Steffen Bauer zum Thema Hitlerputsch Der blutige Marsch der Nazis in München

20 Tote - das war die traurige Blianz von Hitlers Putschversuch in der Nacht von 8. auf 9. November 1923. Auf der Straße erlebte er eine Niederlage. Vor Gericht landete er einen Propagandasieg sonder gleichen. [mehr]

Die Kommunisten waren nicht die einzigen, die die Weimarer Republik bis aufs Messer bekämpften. Mit ihren ideologischen Gegnern, den Nationalsozialisten wussten sie sich in ihrem Ziel einig: die Beseitigung des freiheitlichen Systems. Am 8. und 9. November 1923 unternahm Adolf Hitler, der radikale Führer der Nationalsozialisten, den Versuch, die Reichsregierung zu stürzen. Doch sein "Marsch auf Berlin" endete an der Münchner Feldherrnhalle - gestoppt von der bayerischen Polizei. Hitlers Partei, die NSDAP, wurde daraufhin verboten. Zehn Jahre später schaffte er es auf legalem Wege an die Macht zu gelangen. Der 9. November wurde zu einem Gedenktag der Nationalsozialisten. Im Münchner Bürgerbräukeller sprach Hitler alljährlich am Vorabend vor den "alten Kämpfern" - 1939 wurde ihm das beinahe zum Verhängnis. Die Bombe, die der Widerstandskämpfer Georg Elser in der Bierschwemme deponiert hatte, explodierte zwar planmäßig. Doch Hitler hatte an dem Abend den Saal früher als sonst verlassen.

9. November 1938 - Reichspogromnacht

Zerstörte jüdische Geschäfte in München nach Reichspogromnacht am 9. November 1938 | Bild: picture-alliance/dpa zum Artikel Novemberpogrome 1938 Generalprobe für die Vernichtung

Während der Pogrome in der Nacht von 9. auf 10. November 1938 wurden Tausende Geschäfte zerstört sowie viele Juden ins KZ verschleppt und ermordet. Öffentliches Leben wurde für Juden unmöglich. Die Pogrome - eine Vorstufe zum Holocaust. Von Ernst Eisenbichler [mehr]

Als am 9. November 1938 die Synagogen brannten, zeigte das nationalsozialistische Regime, dass es willens war, seinen Antisemitismus in die Tat umzusetzen. Aus Schikane gegenüber Juden wurde Verfolgung, aus Vertreibung wurde Vernichtung. "Reichskristallnacht" nannten die Nazis die Gewaltexzesse. Aber auch der heutzutage benutzte Begriff "Pogromnacht" trifft den Sachverhalt nicht. Der 9. November 1938 markierte keinen Volksaufstand. Die Ermordung des Diplomaten Ernst Eduard von Rath durch den Juden Herschel Grynszpan am 7. November bot den Nazis einen wohlfeilen Anlass. Propagandaminister Goebbels initiierte die Aktion mit einer hasserfüllten Rede im Münchner Rathaus, die subalternen Nazi-Funktionäre überall im Reich verstanden seinen Wink sofort, und die SA-Schläger standen schon parat. Sie organisierten, was nach außen hin aussehen sollte wie ein spontan entfachter Volkszorn.

9. November 1989 - Mauerfall

Menschen fassen sich an den Händen und feiern auf der Mauer  | Bild: dapd zum Artikel 9. November 1989 Als die Mauer fiel

In den Abendstunden des 9. November 1989 spielte sich eine der schnellsten und unblutigsten Revolutionen der Geschichte ab. Die Grenztore der Berliner Mauer öffneten sich unverhofft. Tausende DDR-Bürger strömten nach Westberlin - niemand hielt sie mehr auf. [mehr]

Sprichwörtlich verzettelt hatte sich Günter Schabowski am 9. November 1989. Sonst wäre die Berliner Mauer, das Symbol der Ost-West-Konfrontation, an einem anderen Tag zusammengebrochen. "Ab sofort, unverzüglich", antwortete der SED-Funktionär auf die Frage eines Journalisten, wann denn die neuen Reiseregelungen in Kraft träten. Das stand so nicht auf dem Papier des Politbüros, aus dem Schabowski zuvor zitiert hatte. Die DDR-Bürger ließen sich das nicht zweimal sagen. Sie stürmten zu den Übergängen und in den Westen. Niemand hielt sie mehr auf. Der Zweck der Mauer, die die DDR-Machthaber zynisch "antifaschistischer Schutzwall" genannt hatten, war hinfällig: die Verhinderung der Flucht aus der Diktatur. Für viele, die es dennoch versuchten, endete diese Flucht mit dem Tod. Kein Jahr später war die DDR Geschichte, Deutschland wiedervereinigt.

Der 9. November - ein deutscher Gedenktag

Grund genug zur Freude, Grund genug zur Trauer. Der 9. November - ein Tag, an dem sich die Abgründe und die Glanzpunkte der deutschen Geschichte vereinen. Der Jahrestag der Novemberrevolution 1918 war im bundesdeutschen Gedenkkalendarium von vornherein ins Hintertreffen geraten. Statt dem Beginn hat sich das Ende der ersten deutschen Demokratie, der 30. Januar 1933, weitaus stärker ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die Mahnung "Nie wieder!" wird vor allem mit Blick auf den 9. November 1938 zu Gehör gebracht. Alle vier 9. November rufen uns den Gegensatz von Demokratie und Diktatur ins Gedächtnis.


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