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Abschiebung absurd Herkunftsland: Deutschland

Roma-Mädchen Anita ist von der Abschiebung in den Kosovo bedroht - einem, wenn es nach der Bundesregierung geht, sicheren Herkunftsland. Absurd nur: Anitas Herkunftsland ist Deutschland. Hier wurde sie geboren, hier geht sie zur Schule. Im Kosovo jedenfalls war Anita noch nie.

Von: Eva Völker

Stand: 01.10.2015 | Archiv

Armut als Fluchtgrund | Bild: picture-alliance/dpa

"Ich bin erstens Klassensprecherin geworden und dann noch Klassenratssprecherin, die ist dann immer so auf wichtigen Besprechungen dabei, wie Schülersprecherin. – Ehrlich, in dieser Schule sind die Lehrer sehr, sehr nett. Und ich habe da auch voll viele Freunde kennen gelernt und so."

Anita

Voller Stolz erzählt die vierzehnjährige Anita, wie sie heute zur Klassensprecherin gewählt wurde. Ein Jahr soll sie im Amt sein. Das 15-jährige Mädchen besucht die 9. Klasse einer Berufsschule in Göttingen. Sie ist hier geboren. Von Deutschland hat sie bisher aber nicht viel gesehen. Im Ausland war sie noch nie. Wie auch, sie hat keinen Pass:

"Ich habe auch in der Schule heute zum ersten mal mit Klassenkameradinnen geredet. Die haben gesagt, das geht doch gar nicht. Ich bin in Göttingen geboren und habe noch keinen Pass. Wenn man hier geboren ist, dann müsste man eins bekommen. 15 Jahre sind vergangen und ich habe immer noch keinen Pass."

Anita

Auch Anitas Eltern und ihre fünf Geschwister leben seit 17 Jahren im Status der Duldung. Alle paar Monate wurde er bisher verlängert. Doch jetzt droht der Roma-Familie die Abschiebung. Die Frist für die freiwillige Rückkehr in den Kosovo, von wo die Eltern Ende der 90er Jahre flohen, ist abgelaufen. Nach dem jüngsten Gesetzentwurf zur Flüchtlingspolitik soll der Kosovo wieder als sicheres Herkunftsland eingestuft werden. Für Tilman Zülch von der Gesellschaft für bedrohte Völker ist das nicht nachvollziehbar:

"Es gibt keine Perspektive, keine Arbeit, keine Sozialhilfe, davon werden Roma in fast allen Fällen ausgenommen, sie müssen hungern, im Winter frieren. Und im Kosovo sind sie Outcasts, da leben sie außerhalb der albanischen Mehrheitsgesellschaft und sind chancenlos."

Tilman Zülch

Fragt sich auch, wie der Kosovo als sicheres Herkunftsland gelten kann, wenn angesichts der angespannten Lage dort deutsche Soldaten stationiert sind. Auch die Theatermacherin und Autorin Luise Rist versteht das nicht. Sie kennt Anita und ihre Familie seit etlichen Jahren. Sie haben sie zu ihrem jüngsten Roman inspiriert.

"Es gibt eben die reale Anita, die das Vorbild war für meine Anita im Roman, aber es ist nicht ihre Familiengeschichte. Die Familiengeschichte von Anita im Buch ist erfunden."

Luise Rist

Das Buch mit dem Titel „Rosenwinkel“ handelt von der Freundschaft zwischen einer deutschen Abiturientin und einem Roma-Mädchen, das eines Tages abgeschoben wird. Kennengelernt hat Luise Rist Anita bei einem ihrer Theaterprojekte, zu dem auch junge Flüchtlinge aus Asien gehören:

"Dabei waren die Syrer und Afghanen, Jugendliche auch, die dabei waren, völlig entsetzt, als sie erfahren haben, dass Anita, die ist für sie ja eine deutsche Teilnehmerin, keinen deutschen Pass hat. Manche von ihnen haben jetzt schon einen Aufenthalt. (…) Das ist für die Syrer eine verwirrende Situation, dass andere, die schon ganz lange da sind, gehen müssen. Aber werden wir nicht hinnehmen."

Luise Rist

Luise Rist und ihre Kollegen sind fest entschlossen, gegen die Abschiebung von Anita und ihrer Familie zu kämpfen. Für Anita ist die Sache ganz klar:

"Ich bin ja hier geboren hier in Göttingen und das heißt, das ist meine Heimat."

Anita


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