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Textilindustrie Der hohe Preis der billigen Klamotten

Wenn in Bangladesch und Pakistan Fabriken brennen, ist das hierzulande eher keine Schlagzeile. Es sei denn, sie produzieren für Firmen wie KiK und C&A. Das meiste, was wir tragen, wird in Schwellenländern produziert - unter fragwürdigen Bedingungen.

Von: Michael Kubitza

Stand: 28.11.2012 | Archiv

Etikett eines Kleidungsstückes mit Schriftzug "Made in Bangladesh" | Bild: colourbox.com; Montage: BR

In Bangladesch demonstrieren tausende aufgebrachte Arbeiter und ihre Angehörigen nach einem Brand in einer Textilfabrik, bei dem mindestens 100 Menschen gestorben sind. In Brüssel gehen Milchbauern für faire Preise auf die Straße. Zwei Meldungen eines Tages, die nichts miteinander zu tun haben? An deutschen Ladenkassen laufen die Fäden zusammen. Beim Discounter ist der Liter Milch inzwischen so billig, dass für den Milchbauern nur etwa 30 Cent herausspringen - kostendeckend wären 40. Der Lohnanteil bei einem T-Shirt für fünf Euro liegt nach Recherchen der Clean Clothes Campaign noch deutlich darunter, nämlich im Schnitt bei 2,6 Prozent des Verkaufspreises.

Infografik: Hier wird genäht, was Deutsche tragen.

Überflüssig zu erwähnen, dass Kleidung zu solchen Preisen nicht in Deutschland produziert wird. Knapp die Hälfte aller nach Deutschland importierten Jacken, Hosen und Socken stammt aus China, der Rest meist aus der Türkei, Bangladesch, Indien, Pakistan, Indonesien.

Vor allem in den asiatischen Ländern treffen westliche Auftraggeber auf ein Überangebot an Arbeitskräften, laxe Arbeitsschutzbedingungen und wenig schlagkräftige Gewerkschaften. Und anders als bei den vergleichsweise gut organisierten europäischen Milchbauern haben die Arbeiter hier als Lobby oft nur NGOs, also etwa Greenpeace, das kirchennahe Südwind Institut und die erwähnte Clean Clothes Campaign aus den Niederlanden. Planvoll organisierte Arbeitskämpfe sind selten - stattdessen häufen sich Unglücksfälle und inzwischen auch wilde Proteste. Allein in den Textilfabriken von Bangladesch hat es seit 2005 sieben Großbrände mit hunderten Toten gegeben.

Überblick: Die Schlagzeilen der vergangenen Wochen

"Mitgefühl", aber keine Zusagen

C&A ist einer der Hauptauftraggeber der Fabrik in Bangladesch: 220.000 Sweatshirts für Brasilien hätten hier produziert werden sollen. Ein Sprecher von C&A Europa hat den Opfern und Angehörigen sein "Mitgefühl" ausgesprochen; Entschädigungszusagen stehen bisher aus. Ähnlich vage ist das, was der Konzern auf seiner deutschen Website unter der Überschrift "We care" (Wir kümmern uns) auflistet. Ausführlich werden diverse Spendenaktionen für "Social Development" behandelt; genaue Zahlen aber fehlen, ebenso konkrete Angaben zu den Produktionsbedingungen.

Viel ist stattdessen von innovativen Beleuchtungssystemen und energieeffizienter Lüftungstechnik in den deutschen Filialen die Rede. Betont wird auch, dass C&A - ähnlich wie Esprit, H&M und viele andere - auf die gefährliche Sandbestrahlung von Jeans verzichtet. Für Sabine Ferenschild von Südwind ist die Selbstdarstellung von C&A durchaus typisch.

"Soziale Projekte in Hochglanzbroschüren dienen vor allem dazu, das soziale Gewissen der Kundschaft zu beruhigen. 'Good Will'-Aktionen ersetzen einklagbare Sozialstandards. Was wir in vielen Teilen der Welt und besonders in Asien beobachten, ist eine Art Privatisierung der internationalen Sozialpolitik."

Sabine Ferenschild, Südwind Institut

Billigproduktion auch für teure Marken

Die Aussage, die Arbeitsbedingungen vor Ort lägen in der Verantwortung der Subunternehmer, hält Ferenschild für eine Schutzbehauptung. "Es ist ja kein Zufall, dass die Produktion in sogenannte Billigländer ausgelagert wird." Das gilt auch für teure Marken, wie Klaus Werner-Lobo, Autor des in dritter Auflage erschienenen "Schwarzbuch Markenfirmen", bestätigt: "Das Prinzip ist einfach. Produktlinien werden ausgeschrieben, der Billigste kommt zum Zug. Wenn an einem Standort - zum Beispiel China - Löhne und Produktionskosten steigen, wandert die Karawane weiter nach Vietnam oder Kambodscha."

Mit drastischen Motiven gehen die Clean Clothes Campaign und ihre Mitstreiter in die Offensive.

Für die Gewerkschaften in den Schwellenländern wird es dadurch noch schwieriger. Zwar ist der Monatslohn in Bangladesch zuletzt von 28 Euro auf 40 Euro gestiegen. Weil er aber immer noch unterm Existenzminimum liegt, bleiben Überstunden und Kinderarbeit Thema.

Adidas: Impossible is nothing

Wie schwierig die Einschätzung der Lage vor Ort ist, zeigt das Beispiel Adidas. Der Sportartikelhersteller hat zuletzt öffentlichkeitswirksam angekündigt, mit der nichtstaatlichen US-Organisation Fair Labor Association zusammenzuarbeiten und einen Hilfsfonds einzurichten, der bei Werksschließungen einspringen soll. In dieser Woche nimmt die Clean Clothes Campaign Adidas ins Visier: Im April 2011 habe der Zulieferer Kizone dichtgemacht und 2.800 Mitarbeiter ohne Lohn oder Abfindung nach Hause geschickt. Adidas verweist darauf, der Fabrikbetreiber habe bereits sechs Monate zuvor von sich aus das Geschäftsverhältnis gekündigt.

Schwarz auf weiß nachzulesen sind die offiziellen "Workplace Standards", zu denen Adidas seine Zulieferer anhält, und die wenig fortschrittlich anmuten. Die maximal zulässige Arbeitszeit beträgt 60 Wochenstunden, bei "außergewöhnlichen Umständen" auch mehr. Bereits 15-Jährige dürfen in den Fabriken beschäftigt werden. Sexuelle Belästigung und körperliche Gewalt sind verboten - nach einer Feldstudie von Südwind aber dennoch verbreitet. Einer von vielen Kritikpunkten des Berichts:

"In einer Abteilung des Schuhsohlenproduzenten Framas, dessen Produkte für Adidas-Schuhe verwendet werden, müssen die ArbeiterInnen stehend arbeiten. Dieser Umstand führte bei einer schwangeren Arbeiterin zu schweren Blutungen und einer Fehlgeburt. Als sich die Gewerkschaft anlässlich dieses Falls für eine Änderung dieser Praxis einsetzte, reagierte das Unternehmen damit, 21 ArbeiterInnen, die diesen Protest unterstützten, zu kündigen."

Südwind-Studie 'Arbeitsrechtsverstöße in Indonesien', S.36

Adidas weist die Vorwürfe zurück: Der Bericht bezöge sich "auf Interviews mit 50 Arbeitnehmern, einschließlich Gewerkschaftsmitgliedern, aus einer Gesamtbelegschaft von 85.000 Menschen" in den drei angesprochenen Fertigungsstätten. Auf einzelne Punkte des Papiers geht der Konzern nicht ein, verweist aber auf eigene Kontrollen in Indonesien.

König Kunde - ein Herrscher ohne Land

Nachprüfbare Abhilfe verspricht sich Sabine Ferenschild vor allem von stärkerem politischen Druck etwa durch die paritätisch besetzte UN-Arbeitsrechtsorganisation ILO, mit der auch Adidas im Dialog ist. Preis und Marke sagen bisher wenig darüber aus, wie Produkte hergestellt werden. Was mache ich also, wenn ich einen "politisch korrekten" Pullover oder Turnschuh kaufen möchte? Die Antworten der Experten sind ernüchternd.

"Da kann ich guten Gewissens nichts empfehlen. Es weiß ja keiner, wo's als nächstes brennt."

Sabine Ferenschild, Südwind Institut

"Es gibt kleine Ökolabel, bei denen kann man den Herstellungsprozess bis zu den Baumwollfeldern zurückverfolgen. Bei den großen Textil- und Sportartikelherstellern ist sowas bisher nicht üblich."

Manfred Santen, Greenpeace

"Einen politisch korrekten Turnschuh? Gibt's nicht. Überlegen Sie lieber, ob's ihr alter nicht noch ein paar Kilometer macht."

Klaus Werner-Lobo, Buchautor 'Schwarzbuch Markenfirmen'


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Heinz Zehe, Samstag, 08.Dezember 2012, 10:39 Uhr

15. Textil-Reportage

Sehr geehrte Damen und Herren, bei ihrer Textil - Reportage haben Sie nach meiner Meinung die Frage: "wären Sie bereit für Ware die aus den Billiglohnländern kommen mehr zu bezahlen wenn die Löhne dort gerechter weise angehoben würden?"
Frage meiner seits: Wie kann ich als Verbraucher feststellen wo die Ware hergestellt wurde? Nach dem Handelsgesetz ist der Hersteller der Jeniger der den letzten Arbeitsgang an einem Produkt macht! Das kann also auch in Deutschland passieren um dann das Label "Made in Germany" anzubringen.
Warum soll die Gier der westlichen Handelspartner noch zusätzlich vom Verbraucher unterstütz werden? Hie ist doch der tatsächliche Ansatzpunkt (außer der Qualität).
Ich kenne es von meiner Firma, die Auditoren zum überprüfen der Quantität und Qualität unter Berücksichtigung des sozialen Umfeldes ins Ausland sendet und eine Beurteilung vornimmt. Ist irgend etwas zu bemängeln muß der Hersteller dies abstellen oder er bekommt den Auftrag nicht.
Machen Sie doch einfach mal eine Reportage über die Herstellkosten und vergleichen dann dazu den Verkaufspreis. Den oder die gap´s den Sie dann ermittelt haben wird Sie mit Sicherheit vom Hocker reißen.

Maria, Freitag, 07.Dezember 2012, 13:48 Uhr

14. Kik

Ich muss jetzt mal was los werden ,es reicht langsam mit dem Thema wir wissen doch alle das sogar teuere Marken im ausland fertigen!Das mit den Arbeitsbedingungen in den Fabriken da können die Firmen nix dazu da soll sich erstmal die Regierung von dem Land drum kümmern und außerdem würden unser Firmen nicht da fertigen lassen dann hätten sie gar nix die Menschen dort die werden doch nicht gezwungen da zu arbeiten!
Und wenn das noch öfter in den Medien kommt dann können wir davon ausgehen das es in Deutschland dann bald mehr arbeitslose gibt weil keiner mehr zu KiK .C&A,H&M u.s.w geht ist das der richtige weg?Ich finde nicht!!!!!!!!

renate, Freitag, 07.Dezember 2012, 11:51 Uhr

13. Jeans aus Billigländern

Sehr geehrte Damen und Herren,
als gelernte Schneiderin und danach in einem Konfektionsbetrieb tätig (1965-1969)
möchte ich folgendes zu diesem Thema sagen.
In dieser Branche wurde von jeher ausgenutzt zur damaligen Zeit bekam eine am Band arbeitende Näherin ca. 1,50-1,70 DM während es in anderen Banchen bereits Stundenlöhne über 12,--bis 17,-- DM üblich waren. Die Leute heute, die vollmundig
behaupten für eine Jeans bis zu 70- 80 Euro zu bezahlen gibt es nicht, auch unter den gutverdienenden und wie soll jemand der z.B. einen 400,-- Euro Job hat 70,-- Euro bezahlen? Wer gibt denn die Garantie, dass das mehr an Geld wirklich für diese armen Menschen überhaupt ankommt. Wir werden doch überall belogen und betrogen um einzig und allein den Reichen zu nochmehr Geld zu verhelfen.
Ich glaube überhaupt nichts mehr!! Herzliche Grüße Renate

Katrin, Freitag, 07.Dezember 2012, 11:38 Uhr

12. Produktion in Deutschland

Ich vertreibe Kleidung, die in Deutschland produziert wird und diese Anbieter achten auch beim Kauf der Baumwolle (bio) darauf, dass die Arbeiter gute Konditionen bekommen. Sei es bei der Entlohnung, den Arbeitszeiten, Pausen,... Die Kleidung kostet zum größten Teil auch nicht mehr, als bei H&M.
Ich finde, ein bißchen könnte man darauf schon achten, und die Qualität passt auch.

Breit Ludwig Freilassing, Freitag, 07.Dezember 2012, 11:05 Uhr

11. Billigkleidung

Das Problem ist nicht die Billige Ware sondern was unten ankommt bei den Leuten.
Selbst wenn die Kleidung pro Artikel 5€ mehr kosten würde bleibt alles oder fast alles
hängen. Aktionäre bekämen etwas mehr für Ihre Aktien und die Ketten verdienen auch wieder mehr. Solang diese Leute in den Billigländern von dieser Arbeit abhängig sind
und die Arbeit brauchen um nicht zu verhungern Ändert sich nichts.
Bei dem Großbrand hieß es ja auch bei den Testbesuchen dass alles in Ordnung sei
(Feuerlöscher u.s.w.) Wie man sa war dem aber nicht so. Und das hat jetzt nichts mit
Billiger Ware zu tun sondern mit Korruption.
Selbst Nobelmarken lassen in diesen Ländern fertigen. Und die haben ja schon höhere Preise.