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Campus Doku Nie wieder Fleisch - Rettet der neue Vegetarismus die Welt?

Seit 1960 hat sich der Pro-Kopf-Verzehr von Fleisch mehr als verdoppelt. Fleisch ist heute so billig wie noch nie. Welche Auswirkungen hat die Massentierhaltung auf unsere Umwelt? Könnte ein Verzicht die Welt retten?

Von: Friederike Kühn

Stand: 17.10.2011

Bei Tierschützern sind unser Fleischkonsum und die damit verbundene Massentierhaltung schon lange in der Kritik. Inzwischen ist das Bewusstsein von den negativen Folgen für die Tiere und die Umwelt auch in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Viele Deutsche wollen sich heute ethisch korrekt ernähren. Bis zu 9 %, heißt es, verzichten mittlerweile ganz auf Fleisch. Andere wollen zumindest wissen, wo das Fleisch auf ihrem Teller herkommt und wie die Tiere, von denen es stammt, gehalten wurden. Sie kaufen Biofleisch, weil die Bedingungen für die Tiere dort als besser gelten als in konventionellen Betrieben.

Die Konsequenzen der Massentierhaltung für die Tiere

Doch der Marktanteil von Biofleisch ist marginal. 98% des Fleisches, das wir essen, stammt aus konventionellen Betrieben, die zu immer größeren Tierzahlen tendieren. Discounter locken ihre Kunden mit Billigangeboten. Mit einem Marktanteil von 42 % am Lebensmitteleinzelhandel diktieren sie oft den Preis. Die Folge: Bei steigenden Produktionskosten herrscht ein Zwang zu immer weitergehender Rationalisierung. Durch die stete Erhöhung der Tierzahlen können die Produktionskosten so gering wie möglich gehalten werden. Das hat viele Konsequenzen für die Tiere.

Das Platzangebot für Nutztiere in konventionellen Betrieben ist auf ein Mindestmaß beschränkt. Gerade gegen Ende der Mast stehen sie dicht gedrängt. Schweine in konventionellen Betrieben müssen zudem auf Betonspaltenböden stehen, wo sich die Exkremente nach unten durchdrücken. Das erspart dem Landwirt Arbeit. Tiergerecht ist es nicht.

"Die großen Nutzungseinheiten, die wir in der Landwirtschaft aktuell haben, führen dazu, dass wir das Tier nur noch als Produktionseinheit sehen, die einen ökonomischen Gewinn abwirft und sonst keine Rolle mehr spielt, und da sehe ich ein Problem, wenn Tiere, die wir eigentlich um ihrer selbst Willen achten sollten, nur noch aufgrund ihres ökonomischen Nutzens gehalten und dann auch als solche Produktionseinheiten gesehen werden."

Herwig Grimm, Professor für Tierethik an der Universität Wien.

Herwig Grimm ist der Ansicht: Man muss die Haltebedingungen in konventionellen Ställen dringend ändern. Doch die Kosten dafür darf man nicht alleine den Landwirten aufbürden:

"Wir haben uns daran gewöhnt, die Bürger allein als Konsumenten anzusprechen – und als Konsumenten wollen sie billiges Fleisch. Nichts desto trotz haben wir in Deutschland den Tierschutz zur Staatszielbestimmung gemacht und das heißt in einer Demokratie, dass hier eine gesamte Gesellschaft dahinter steht, und dann kann man Verbraucher auch mal wieder in ihrer bürgerschaftlichen Verantwortung ansprechen und mit ihnen daran arbeiten und sie auch in die Pflicht nehmen."

Herwig Grimm, Tierethiker

Nicht die Massentierhaltung sei das Problem, denn auch in kleinen Ställen können Tiere schlecht gehalten werden, so Herwig Grimm, sondern die Industrialisierung der Fleischproduktion und ihre Ausrichtung nach rein ökonomischen Kriterien.

Vegetarier haben gute Argumente auf Fleisch zu verzichten

Während die Masse der Gesellschaft bedenkenlos bis zu 3 Mal am Tag Fleisch isst, weil es billig ist und es sich jeder leisten kann, wächst die Anzahl derer, die diese Art des Fleischkonsums radikal ablehnen. Vegetarier oder Veganer haben viele überzeugende Argumente. Unser heutiger Fleischkonsum ist nicht nur den Tieren gegenüber moralisch fragwürdig, er belastet auch in erheblichem Masse die Umwelt.

2006 schockierte eine Studie der Welternährungsorganisation über die Folgen des globalen Fleischkonsums: „Livestock's long shadow“. Bis zu 18 % der weltweiten Treibhausgase gehen danach auf das Konto der Fleischproduktion. Besonders problematisch: Der beim Verdauungsprozess der Wiederkäuer anfallende Ausstoß des hochwirksamen Treibhausgases Methan. Auch die Gülle der Tiere setzt Treibhausgase frei. Synthetische Kunstdünger, die zum Anbau der Futtermittel eingesetzt werden, verbrauchen bei der Herstellung viel fossile Energie, wodurch CO2 in die Atmosphäre gelangt. Auch die Abholzung der Regenwälder für den Anbau von eiweißhaltigem Soja, das auch hierzulande als Tierfutter dient, trägt zum Klimawandel bei.

Vegetarismus ist nachhaltiger, aber nicht die Lösung

Eine erheblich bessere Umweltbilanz bescheinigt Nachhaltigkeitsexperte Karl von Koerber der vegetarischen Ernährungsweise. Solange man Milchprodukte zu sich nehme, sei diese Art der Ernährung auch völlig gesund. Nicht empfehlenswert ist es dagegen aus Sicht des Ernährungswissenschaftlers, sich vegan zu ernähren, also ganz auf tierische Produkte zu verzichten. Das kann zu Mangelerscheinungen führen. Von Koerber empfiehlt einen deutlichen reduzierten Fleischkonsum. Doch ganz auf Fleisch zu verzichten mache keinen Sinn. Vor allem die Wiederkäuer sieht er als unverzichtbare Lieferanten hochqualitativer Nahrungsmittel, da nur sie Gras in Milch und Fleisch verwandeln können. Weil viele landwirtschaftliche Flächen gar nicht für den Anbau von Getreide geeignet seien, sei die Beweidung zum Beispiel von Hanglagen durch Wiederkäuer durchaus sinnvoll und wertvoll im Hinblick auf die Sicherung der Ernährung der Weltbevölkerung.  

Bis 2050 soll sich der Fleischkonsum weltweit mehr als verdoppeln

Das Problem für die Umwelt ist nicht, dass wir überhaupt Fleisch essen, sondern wie viel wir essen. Besonders kritisch wird die Situation, wenn sich der Fleischkonsum wie prognostiziert bis 2050 weltweit nochmals mehr als verdoppelt. Doch auch aus gesundheitlichen Gründen sollten wir weniger Fleisch essen. Die deutsche Gesellschaft für Ernährung empfiehlt maximal 300 bis 600 Gramm pro Woche. Der Deutsche isst im Durchschnitt das Drei- bis Vierfache.

Weiterführende Literatur

  • Bäuerlein, Theresa: Fleisch Essen, Tiere lieben. Wo Vegetarier sich irren und was Fleischesser besser machen können. Ludwig Verlag, München 2011
  • Duve, Karen: Anständig essen. Kiepenheuer & Witsch, 2011
  • Foer, Jonathan Safran: Tiere essen (Originaltitel: Eating animals). Kiepenheuer & Witsch, 2010
  • Grimm, Herwig: Das moralphilosophische Experiment. John Deweys Methode empirischer Untersuchungen als Modell der problem- und anwendungsorientierten Tierethik. Tübingen 2010
  • Grimm, Herwig: Tierschutz in der Nutztierhaltung: Ethische Verantwortung in der Praxis. In: Tagungsband zum Themenforum praxisorientierte Agrar- und Ernährungsforschung, Tierhaltung und Ethik. Niedersächsisches
  • Kompetenzzentrum Ernährungswirtschaft, Osnabrück 2009, 7-15
  • Grimm, Herwig: Rotes Tuch Tierschutz? Ethischer Anspruch und gelingende Praxis in der Landwirtschaft. In: Freiland Verband (Hg.), Grenzgang Nutztier-Haltung – Nutzung und Achtung des Lebens beim Umgang mit Tieren. Wien 2007
  • Idel, Anita: Die Kuh ist kein Klimakiller. Wie die Agrarindustrie die Erde verwüstet und was wir dagegen tun können. Metropolis, 2010
  • Koerber Kv, Männle T, Leitzmann C.: Vollwert-Ernährung- Konzeption einer zeitgemäßen und nachhaltigen Ernährung. Haug Verlag, Stuttgart 2006
  • Koerber Kv, Kretschmer J: Ernährung nach den vier Dimensionen – Wechselwirkungen zwischen Ernährung, Umwelt, Wirtschaft, Gesellschaft und Gesundheit, in : Ernährung & Medizin 21 (4), 178 – 185, 2006
  • Leitzmann, Claus/ Keller, Markus: Vegetarische Ernährung. UTB, Stuttgart 2010

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