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Zeuge der Zeit: Fishel Rabinowicz Der einzelne Überlebende

Freitag, 09.11.2018
22:30 bis 23:15 Uhr

  • Video bereits in der Mediathek verfügbar

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2018

Fishel Rabinowicz wird 1924 im polnischen Sosnowiec geboren und wächst als drittes von zehn Kindern in einer traditionell jüdischen Familie auf. Schon früh wird sein Talent für Malerei entdeckt und vom Vater gefördert. Als am 1. September 1939 die deutsche Wehrmacht Polen überfällt und damit den Zweiten Weltkrieg auslöst, wird die nahe der deutschen Grenze liegende Stadt Sosnowiec bereits vier Tage nach dem Kriegsausbruch besetzt.

Das Leben, das die Familie Rabinowicz bis dahin führt, wird gewaltsam unterbrochen. Der Großteil der Familie fällt dem nationalsozialistischen Rassenwahn zum Opfer. Fishel Rabinowicz und sein jüngerer Bruder überleben, weil sie während den Pogromen in der Stadt verhaftet und in ein Arbeitslager verschleppt werden.

In Kittlitztreben, einem Außenlager von Groß-Rosen, wird Fishel Rabinowicz die Nummer 19037 in den Arm eintätowiert. „Ab diesem Moment war ich kein Mensch mehr, sondern nur noch eine Zahl“. Er wird einer Arbeitsgruppe zugeteilt, die Eisenbahnschienen verlegt, später wird er für Kommandos eingeteilt, die die Autobahn bauen. In diesen Kommandos sind die Sterblichkeitsraten besonders hoch, dass er selbst überlebt hat, schreibt Rabinowicz dem Glück zu. „Ich hatte feuerrotes Haar, weshalb mich die Deutschen «Rotkopf» nannten und leichtere Arbeiten als den anderen Gruppenmitgliedern gaben. Und ich ging nie verloren.“

Am 09.02.1945 wird das Lager Kittlitztreben aufgelöst, ungefähr 1000 Häftlinge werden ausgewählt, sich auf einen 325 Kilometer langen Todesmarsch Richtung Süden zum KZ Buchenwald aufzumachen. Fishel Rabinowicz ist einer von ihnen. Fast zwei Monate marschieren die vollkommen entkräfteten Häftlinge durch das Land, wer erschöpft zusammenbricht wird von der SS erschossen. Von weitem beobachtet Fishel Rabinowicz in dieser Zeit die Feuerhölle von Dresden. „Wenn man so viele Jahre unter so einem Regime im Lager war, bekommt man ein Instinkt. Einen tierischen Instinkt. Wir haben gefühlt, es geht zu Ende. Wir haben gesehen, dass Tier ist in den letzten Zuckungen. Für uns war es etwas Fantastisches.“

In Buchenwald angekommen, werden die Häftlinge sich selbst überlassen. Fishel Rabinowicz liegt dem Tode nahe im Delirium, als am 11. April 1945 Häftlinge des KZ Buchenwald die Leitung des Lagers übernehmen.

Nach langen Aufenthalten in Schweizer Sanatorien, gelingt Fishel Rabinowicz eine Kariere als Graphiker und Dekorateur. Erst nach seiner Pensionierung beginnt er seine traumatische Lebensgeschichte durch die Kabala Malerei aufzuarbeiten. Seine Werke erlangen weltweite Berühmtheit. Bei seinem Besuch 2010 überreicht Benjamin Netanyahu eines der Werke von Fishel Rabinowicz, das den Titel „Der Holocaust“ trägt.

Obwohl Fishel Rabinowcicz in seiner Kunst eine Möglichkeit gefunden hat, seine traumatischen Erlebnisse zu verarbeiten, bleibt er – und jeder einzelne Überlebende - psychisch von den Erfahrungen des Holocausts gezeichnet.

Autor: Despina Grammatikopulu
Redaktion: Andreas Bönte

Vor diesem Hintergrund hat es sich der Bayerische Rundfunk zur Aufgabe gemacht, das Zeugnis von Holocaust-Überlebenden zu dokumentieren und für künftige Generationen zu bewahren. Die Reihe "Zeuge der Zeit" spürt dem Schicksal von Menschen nach, die als Kinder, Jugendliche oder junge Erwachsene den Terror des NS-Regimes erleiden mussten. Menschen wie Aba Lewit, der lange geschwiegen hat und mit 94 Jahren zum ersten Mal im deutschen Fernsehen Einblick in seine Überlebensstrategien in nationalsozialistischen Konzentrationslagern gewährt. "Ich habe die ganze Zeit nicht damit gerechnet zu überleben", sagt er rückblickend. "Es war ein Leben auf die Minute. Nicht auf den Tag. Auf die Minute."

Fishel Rabinowicz schreibt es dem Glück zu, dass er den Holocaust überlebt hat, denn er war unter anderem in Autobahn-Baubrigaden eingeteilt, in denen die Sterblichkeitsraten der Häftlinge besonders hoch waren. "Ich hatte feuerrotes Haar, weshalb mich die Deutschen 'Rotkopf' nannten und mir leichtere Arbeiten als den anderen Gruppenmitgliedern gaben", erinnert er sich. Erst nach seiner Pensionierung fand Rabinowicz in der Malerei eine Möglichkeit, seine traumatische Lebensgeschichte aufzuarbeiten. Dennoch bleibt er – wie jeder einzelne Überlebende – psychisch von den Erfahrungen des Holocaust gezeichnet.

Darüber, wie Verfolgung und Völkermord in der NS-Zeit ihr Leben geprägt haben, berichten außerdem die Zeitzeugen Esther Bejarano, Henry G. Brandt, Ruth Melcer, Mano Höllenreiner, Senek Rosenblum, Abba Naor, Max Volpert, Heinz Kounio und Ernst Grube.