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Care-Arbeit: Erzieher- und Pflegeberufe

RESPEKT Care-Arbeit: Erzieher- und Pflegeberufe

Stand: 31.10.2019

  • Care-Arbeit bedeutet "Sorge-Arbeit": zum Beispiel Kinderbetreuung und -erziehung oder Pflege kranker und älterer Menschen.
  • Grundsätzlich leisten Frauen 50 Prozent mehr Care-Arbeit als Männer. Das nennt man Gender Pay Gap
  • Care-Arbeit ist schlecht bezahlt: Der durchschnittliche Monatsverdienst für Erzieher*innen beträgt 2.000 bis 2.300 Euro brutto.
  • Die "Care-Revolution" fordert, dass Sorge-Arbeit den Wert zugeschrieben bekommt, den sie verdient, auch was die Bezahlung angeht. Denn sie ist das, was unsere Gesellschaft zusammenhält.

Das englische "care" hat im Deutschen verschiedene Bedeutungen: sich um jemanden oder um etwas sorgen oder kümmern, sich für jemanden oder etwas interessieren, jemanden betreuen. "Care-Arbeit" könnte man also mit "Sorge-Arbeit" übersetzen. Ohne Care-Arbeit wäre unsere Gesellschaft überhaupt nicht vorstellbar. Denn alle Menschen sind im Laufe ihres Lebens auf die Unterstützung anderer angewiesen – vor allem als Kind, als Kranke oder als Alte. In Deutschland arbeiten mehr als 5 Millionen Erwerbstätige in Care-Berufen, meist schlecht bezahlt und mit hoher Arbeitsbelastung. Wie viele Menschen unbezahlte Care-Arbeit leisten, ist kaum zu schätzen.

Care-Arbeit: lebenswichtig, schlecht bezahlt, weiblich

Soziale Tätigkeiten wie Pflege, Haushaltsführung und Erziehung sind schlecht bezahlt. Viele Männer wählen auch deswegen einen anderen Beruf. So sind es vor allem Frauen, die diese Arbeit leisten. Erzieher*innen etwa sind einer Studie des DIW zufolge durchaus zufrieden mit ihrem Job – nicht jedoch mit der Bezahlung. Auch deshalb fehlen in Deutschland in diesen Bereichen dramatisch viele Fachkräfte. In Krankenhäusern und Kitas zum Beispiel fehlen jeweils 100.000 Fachkräfte. 2017 waren nur 5,8 Prozent der Fachkräfte in deutschen Kitas Männer, inklusive Praktikanten und Männer, die ein freiwilliges soziales Jahr leisten.

Die meisten Menschen in der RESPEKT-Umfrage sagen, dass sie für Tätigkeiten wie Einkaufen, Pflegen, Erziehen viel zu wenig Zeit haben und dass diese Tätigkeiten auch viel zu wenig wertgeschätzt werden. Was Studien zeigen: Wir verbringen mehr Zeit mit diesen unbezahlten Tätigkeiten im Haushalt und in der Familie als für unsere eigentlichen Jobs.

Respekt-Moderator Rainer Jilg macht im Selbstversuch ein Schnupperpraktikum in einer Kita. Am Ende des langen Tages kann er die Forderungen nach besserer Bezahlung und mehr Wertschätzung viel besser verstehen. Aber wie kann so eine Forderung tatsächlich erfüllt werden?

Was Erzieher*innen leisten (eine Auswahl)

  • 5 Jahre Ausbildung absolvieren
  • sämtliche Basiskompetenzen bei Kindern fördern: die emotionale Kompetenz, die soziale Kompetenz, kognitive Kompetenzen, motorische Kompetenzen und sprachliche Fähigkeiten
  • Vorschulkinder besonders fördern im Hinblick auf die Einschulung
  • Eltern betreuen und beraten
  • sich interkulturelles Wissen für Kinder mit Migrationshintergrund aneignen
  • ein Dutzend Kinder im Blick haben
  • bei jedem Wetter rausgehen (und die Kinder in Matschhosen stecken)
  • emotional präsent sein, Streit im Vorfeld verhindern oder schlichten, Tränen trocknen, ...
  • den hohen Lärmpegel ertragen (Fast jede fünfte Erzieher*in hat ein erhöhtes Burn-Out-Risiko.)

"Da ist ja ein Riesen Arbeitsvolumen, das die Frauen leisten, gratis. Wenn diese Arbeit entsprechend dem Aufwand, entsprechend der Qualifikation, entsprechend der gesellschaftliche Nützlichkeit, wenn das alles bezahlt werden müsste: Es wäre immens. Und deshalb will man das nicht, dass es öffentlich verhandelt wird, dass es in den Medien kommt."

Filmzitat Dr. Ina Praetorius, Germanistin und Theologin

Gender Care Gap: Frauen leisten um die Hälfte mehr Care-Arbeit

Der sogenannte "Gender Care Gap" zeigt, wie viel Zeit Frauen für unbezahlte Care-Arbeit mehr aufwenden als Männer. Grundsätzlich leisten Frauen 50 Prozent mehr Care-Arbeit als Männer. Bei 34-Jährigen ist die Kluft am größten: Frauen in dieser Altersgruppe leisten täglich mehr als doppelt so viel unbezahlte Care-Arbeit wie Männer: Im Schnitt mehr als fünfeinviertel Stunden, Männer dagegen nur etwa zweieinhalb Stunden.

Global Care Chain: Import von Pflegekräften

  • Im Care-Bereich besteht extremer Personalmangel, besonders in den Pflegeberufen.
  • Viele Pflegekräfte werden deshalb im Ausland angeworben, vor allem in Osteuropa.
  • Das führt zu einem Effekt, den Fachleute "Global Care Chain" nennen. Auf Deutsch: "globale Betreuungskette".
  • Es sind nämlich auch im Ausland vor allem Frauen, die zur Pflegearbeit nach Deutschland kommen.
  • Die Familienangehörigen, die sie zurücklassen, werden wiederum meist von Frauen betreut.

Soziale Berufe: für Männer unattraktiv

Die heftigen Streiks der Pflegekräfte in den letzten Jahren haben gebracht, dass Pflege ab 2020 wieder nach Bedarf bezahlt wird, nicht nach Profitlogik. Die Erzieher*innen kriegen heute teilweise etwas mehr. Weiterhin aber werden soziale Berufe mit FH-Abschluss nicht so gut bezahlt wie technische Berufe mit vergleichbaren Abschlüssen. Für Männer, die Familien ernähren wollen, sind diese Berufe somit uninteressant.

"Ich persönlich bin froh: Ich habe einen Mann, der in der Wirtschaft arbeitet. Er ist zum Glück in dem Fall jetzt nicht Erzieher, weil sonst hätten wir wahrscheinlich wirtschaftlich ein Problem."

Filmzitat Daniela Fendel, Erzieherin

Care-Revolution: So kann sich was ändern

Das Netzwerk Care-Revolution setzt sich dafür ein, dass Sorge-Arbeit ihrem Wert entsprechend in der Gesellschaft wertgeschätzt und bezahlt wird. Dr. Ina Praetorius erklärt, was das bedeutet: Als Wirtschaft soll nicht nur das definiert werden, was Geld bringt, sondern alles, was menschliche Bedürfnisse befriedigt. "Wenn wir sagen, wir sind zum Beispiel bedürfnisorientiert, wir sind personenorientiert, wir arbeiten wirklich an dem, was die Menschen brauchen und nicht am Profit, dann ist das ja eigentlich ein Modell von Ökonomie, das sich auf alles ausdehnen ließe", so Praetorius.

"Jeder Mensch kann an jedem Ort die Politik anfangen, allein schon, indem er den Begriff Care ganz oft braucht. Und zwar nicht nur in den klassischen Handlungsfeldern, sondern zum Beispiel in ökonomischen Debatten, am Stammtisch oder Leserbriefe."

Filmzitat Dr. Ina Praetorius, Germanistin und Theologin

Autorin: Monika von Aufschnaiter

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