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weiß blau Entlang der Frankenwaldhochstraße – Der Süden

Eine wahre Hochburg der Textilindustrie war einst die Gegend um den südlichen Frankenwald, sprich Naila, Helmbrechts und Selbitz. Die einstigen Schuhfabriken und Webereien prägten zu ihrer Zeit das Arbeitsleben der Ortsansässigen, heute dienen sie oftmals als Kulturzeugnisse und –orte. Noch mehr Kultur bieten die Menschen vor Ort, die Christusbruderschaft etwa, die "Gschichtlawerkstadt" in Helmbrechts oder der Kunstladen Selbitz. Und all das eingebettet in die grüne Krone Bayerns: den Frankenwald.

Stand: 14.04.2016 | Archiv

Nachdem Annett Segerer in der vorigen Woche den nördlichen Frankenwald erkundete, spaziert sie nun weiter in Richtung Süden. Unterwegs trifft sie den "Wilden Maa" von Naila, die urwüchsige, naturverbundene Identifikationsfigur der Stadt. Während unser "Wilder Maa", alias Axel Rauh, Annett Segerer den richtigen Weg nach Naila zeigt – durch die Hölle bzw. das Höllental und dann links – denkend an die Arbeiter der vielen Zechen in den jeweiligen Eisenerz- und Silberminen. Schaut man sich den "Wilden Maa" genauer an – das Motto Naturverbundenheit ist auch Programm in Bezug auf seine äußere Erscheinung – glaubt man kaum, dass Naila früher ein wichtiger Standort der Textilindustrie war.

Stadtchronist Wolfgang Brügel berichtet von der Blütezeit der Stadt: Der Bergbau war gewissermaßen die industrielle Zündung, mit ihm begann das Gewerbe in Naila zu prosperieren, Textil- und Schuhfabriken siedelten sich an. Auch ein verheerender Brand 1810 konnte den Fleiß der Nailaer nicht bremsen, man begann schnell mit dem Wiederaufbau der Stadt. Schon 1871 konnte die evangelische Kirche eingeweiht werden, die heute noch das Stadtbild prägt. Der Eisenbahnanschluss beschleunigte die Industrialisierung der Stadt, 1884 wurde die Schuhfabrik Seifert & Klöber gegründet, die erste der drei großen Schuhfabriken in Naila, die vor allem festes Schuhwerk für die Minenarbeiter produzierte, 1895 eröffnete die Buntweberei C. Seyffert, auch Weißnäherei war stark verbreitet. Der Aufschwung ging im 20. Jahrhundert weiter, eine Porzellanfabrik und weitere Schuhfabriken wurden gegründet, wie etwa die Schuhfabrik Tamm, deren Gebäude heute das Museum Naila im Schusterhof beherbergt. Der Bau der Mauer zog aber nicht nur eine innerdeutsche Grenze, sondern auch eine wirtschaftliche nach sich: Nach ihrer Fertigstellung konnte nicht mehr in den Osten des Landes transportiert werden, ein großer Teil des Absatzmarktes brach weg, sodass viele Firmen die Produktion einstellen mussten.

Zur Ortsgeschichte gehört auch ein besonderes Ereignis aus dem Jahr 1979: Den Familien Strelzyk und Wetzel gelang die Flucht aus der DDR mit einem selbstgebauten Heißluftballon. Nachdem die beiden Familien nachts ungefähr eine halbe Stunde geflogen waren und sich in einem Wald nahe Naila versteckten, gingen die beiden Familienväter auf Erkundungstour, begegneten prompt einer Polizeistreife, die ihnen gleich bestätigen konnte, dass sie im Westen gelandet seien, "Wo denn sonst?". Originale Filmaufnahmen zeugen von diesem schönen Moment. Aber auch Fotos von Reinhard Feldrapp haben dieses Ereignis festgehalten. Der Nailaer Fotograf dokumentiert mit seinen Bildern den Wandel der Gegend und der Zeit. Wie schon sein Vater fertigt er viele Aufnahmen von Menschen bei und an ihrer Arbeit an, an jenem Ort, an dem viele den Großteil ihres Lebens verbringen. Auch die Öffnung der Grenze bannte Feldrapp in tolle Bilder: Am nahegelegenen Grenzübergang Rudolphstein standen die Trabbis schnell Stoßstange an Stoßstange. Es war eine ähnliche Stimmung wie in Berlin, so Feldrapp, viele würden mit der Grenze nur Berlin assoziieren, aber sie war mit ihrer ganzen Brutalität genauso in Oberfranken wie am Checkpoint Charlie vorhanden. Weil Feldrapp mit offenen Augen durch die Welt und seine Umgebung geht, sind ihm viele besondere Aufnahmen gelungen, eine Fotografie zeigt beispielsweise Müllmänner, die gerade ein Bild von Erich Honecker entsorgen. Treffender als dieses Bild könnte Sprache kaum formulieren.

Malerisch und atmosphärisch wirkt der Weg von Naila nach Selbitz. Die grüne, hügelige Landschaft weckt beinahe Assoziationen nach Irland – aber wozu so weit weg fahren, wenn das Schöne so nah ist. In Selbitz sorgt unter anderem die Communität Christusbruderschaft für ein reges Kulturleben: Gegründet 1949 vom Pfarrersehepaar Hümmer ist der Orden heute das deutschlandweite Zentrum der Christusbruderschaft. Der Orden hat lebensberatende, spirituelle und kulturelle Angebote in petto, eine wichtige Künstlerin des Ortes ist Teil des Ordens: Schwester Christamaria zeichnet, malt, fertigt Mosaike und bunte Glasfenster an, Schwester Bärbel gibt sogar Kunstbücher von ihr heraus. Schwester Christamarias farbenfrohe Werke schmücken die Ordensgebäude nicht nur, sie sind beispielsweise auch Teil von Meditationen. In ihren Bildern kehrt sie das Innere nach Außen, im Malen betet und meditiert sie, denkt nach. Priorin Schwester Anna Maria legt Wert darauf, kulturelle Angebote zur Verfügung zu stellen, da sie in der Kultur einen wichtigen Zugang des Menschen zu sich sieht, den manche allein über Sprache nicht finden. Die Christusbruderschaft Selbitz – ein Ort der Stille, der Meditation, des Insichgehens.

Die Stille hat auch Walter Busch gern: Der Holzbildhauer vertieft sich in seiner Werkstatt in Sellanger, einem Ortsteil von Selbitz, manchmal so sehr in seine Arbeit, dass er – außer mit seiner Frau natürlich – mit kaum jemanden spricht. Dass viele seiner Holzskulpturen, die er im Garten aufgestellt hat, mit der Zeit verfallen, dass sie – wie der Mensch auch – vergänglich sind, ist für ihn ein wichtiger Teil des Arbeitsprozesses. Busch versucht, eine bestimmte Haltung und damit auch ein bestimmtes Gefühl eines Menschen in seinen Arbeiten festzuhalten. Modell kann er sich praktischerweise selber stehen, er formt nämlich oft Männer. In seiner Arbeit folgt er drei künstlerischen Grundsätzen und zwar von Goethe, Rodin und Hrdlicka – welchen drei genau erfahren Sie im Film. Einige seiner Arbeiten wurden auch im Kunstladen Selbitz e. V. ausgestellt, einer Kunstgalerie im Selbitzer Ortsteil Weidesgrün.

1998 gründeten Harry und Anita Kurz diese wunderbare Kulturoase, die sich als Verein zur Förderung der bildenden Kunst in Selbitz und Umgebung versteht. Harry Kurz studierte in Berlin, war Designer und Maler, bevor er sich der Fotografie widmete und nach über 20 Jahren in der Metropole Berlin mit seiner Frau aufs Land zog. Es war ihnen ein Anliegen, einen Ort zu schaffen, wo Kunst möglich ist und wo vor allem junge Nachwuchskünstler aus der Region eine Möglichkeit bekommen, sich zu profilieren. Wie auch Matthias Lauterbauch aus Bayreuth, der zuletzt den Sonderpreis für junge Künstler des Kunstladens gewann.

Während Annett Segerer ihre Wanderung entlang des Flusses Selbitz Richtung Helmbrechts wieder aufnimmt, widmet Wolfgang Binder dem Wappen von Selbitz und dem Selbitzer Fanclub des 1. FC Nürnberg einige Gedanken – wie die beiden zusammenhängen, lassen Sie sich am besten von Wolfgang Binder persönlich erklären.

In Helmbrechts angekommen, lädt zunächst das Textilmuseum, das unter anderem den längsten Schal der Welt aufbewahrt, zu einem Besuch ein. Helmbrechts, der ehemalige "Kleiderschrank der Welt", galt einst als Hochburg der Textilindustrie, die hier gefertigten Tücher wurden in 140 Länder exportiert. Dabei mussten die unterschiedlichsten Ansprüche befriedigt werden, da jedes Volk seine eigenen Gepflogenheiten, Muster und Farben in seinen Tüchern verarbeitet haben wollte, weiß Irmgard Rehse, die die Ausstellung konzipiert. Um noch mehr Besucher hierher zu locken, weitete Heinz König den Rahmen des Museums aus und kreierte einen Veranstaltungsort: Die Reihe "Kulturwelten" bietet mittlerweile gut 40 Kulturveranstaltungen pro Jahr an, immer mehr Menschen aus der ganzen Region begeistern sich für sie. Kein Wunder, holt doch König hochkarätige Musiker nach Helmbrechts, während des Drehs ist das "World Percussion Ensemble" zu Gast.

Kultur, noch genauer, Mundartkultur wird auch von der „Gschichtlawerkstadt“ in Helmbrechts betrieben. Wolfgang Herzog, alias "Schrumpl", erklärt Annett Segerer im Gasthof Roßner, worum es den Mitgliedern dabei geht, nämlich um die Erhaltung von Sagen und Geschichten, die – zumindest im Kern – genau so einmal geschehen sind und die den Mundartdichtern erhaltenswert erscheinen. Ihr aller Vorbild ist Otto Knopf, der zu Lebzeiten unverwechselbar Heimat- und Mundartkultur in seinen Geschichten aufbewahrt hat,   

Ein Stück Kultur erhält sich nicht nur Knopfs Büchern und den Geschichten der "Gschichtlawerkstadt", sondern auch in den Wanderwegen, die den Fußstapfen der Weber folgen. Der Frankenwald als einstige Hochburg der Weberei bietet heute den Webersteig als Wanderweg an, der Geschichtsunterricht, Natur und Kultur verbindet – einfach perfekt, findet Wolfgang Binder.

Nach vielen nebligen, aber deswegen nicht minder fesselnden Stunden auf dem Weg durch den südlichen Frankenwald, zeigt er sich zum Schluss doch noch von seiner schönsten Seite, nämlich in der Sonne. Der wunderbar ursprüngliche Frankenwald und die Menschen, die ihn hier so engagiert beleben, sind schon ein besonderes Stück oberfränkischer Kultur.


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