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Tschechien Jugend entdeckt die deutsche Vergangenheit

Sie haben ein Tabu gebrochen: Ob durch die Rettung eines Schlosses einer vertriebenen Adelsfamilie oder durch die Recherche über ein verlassenes Dorf im Grenzgebiet zu Bayern oder durch Veranstaltungen bei denen tschechische mit deutschen Künstlern zusammenarbeiten.

Von: Nils Kopp

Stand: 22.11.2015 | Archiv

Verlassenes Schloss | Bild: BR

Lenka Holíková

All das wäre vor zehn, 20 Jahren noch nicht möglich gewesen, meint Lenka Holíková:

"Es war am Anfang ein Satz: Du bist aber mutig, dass Du hier Deutsche einlädst. Letztes Mal oder noch vor paar Monaten gab es hier ein deutsches Auto mit deutschem Kennzeichen und da ist die Fensterscheibe eingeschlagen… Und dann habe ich mir gedacht: Das kann ich mir nicht vorstellen."

Lenka Holíková, Leiterin Kulturzentrum Řehlovice

Tschechen und Deutsche – seit 150 Jahren ein schwieriges Verhältnis. Der Höhepunkt war die Vertreibung nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Folge, dass Deutschstämmige ihre Heimat verlassen mussten. Ein Drittel der Fläche Tschechiens war betroffen. Viele Dörfer wurden einfach verlassen. Und wie die Spuren der Sudentendeutschen in Tschechien heute ausschauen, kann sich jeder Wandergast beim Besuch im Böhmerwald anschauen.

Luděk Němec

Der heute 16-jährige Luděk Němec aus Budweis war schon als Kind hier mit seinen Eltern, um den Urlaub zu genießen. Irgendwann fragte er sich, was hier für Ruinen stehen, wer darin gelebt hatte. Vor vier Jahren forschte er nach, nahm Kontakt auf mit den Familien der Vertriebenen und hört zum ersten Mal von den vielen Schicksalen, die hier die Vertreibung mit sich brachte. Ein Trauma für die Deutschen, das die älteren Tschechen verdrängen wollten. Viele Eindrücke, die er nun in einem Buch zusammenfasste.

"Bevor man gegenseitig diskutiert, welche Seite jetzt Schuld hat, wäre es besser zu lernen, welche Folgen die Vertreibung der Deutschen aus dem Böhmerwald hatte und was sie bewirkt hat. Dass nämlich Hunderte von Wohnhäusern, Dörfer verschwunden sind und nie wieder renoviert werden können. Das alte Gesicht vom Böhmerwald ist durch die Vertreibung der Sudetendeutschen endgültig verschwunden."

Luděk Němec, Schüler und Buchautor

Das Gesicht vom Sudetenland – das wurde auch in der Kleinstadt Poběžovice nördlich vom Böhmerwald in den Nachkriegsjahrzehnten nicht gepflegt. Das markanteste Bauwerk, ein Schloss einer vertriebenen Adelsfamilie, wurde in den 50er und 60er Jahren von Soldaten genutzt, danach für die Entsorgung von Müll. Jana Podskalská ist damit aufgewachsen.

"Mit der Familie bin ich als Kind oft ums Schloss spazieren gegangen und ich konnte nicht verstehen, wo die Prinzessinnen sind, was mit ihnen passiert ist? Warum ist das hier so verwachsen, schmutzig und warum wird das Schloss nicht renoviert."

Jana Podskalská, Verein Pobežovice – Ronsperg

Sie wollte das Schloss retten und fand Mitstreiter, Dorfbewohner, die den Müll beseitigten, das Abwassersystem erneuerten. Beim Aufräumen fanden sie die Fenster, die sie wieder einbauten. Und so schaffen Bürger genau das, was die Behörden lange Zeit ignorierten. Vorbild war auch die Prager Nichtregierungsorganisation Antikomplex. Sie hatten vor 12 Jahren ein Buch herausgegeben übers "verschwundene Sudetenland". Dass es inzwischen ein Bestseller ist, wundert hier niemanden.

"Lange Jahre was das ein Tabu-Thema, dieses Ereignis, die Vertreibung. Das sind Gebiete, wo heute natürlich andere Leute leben. Und die haben nun die Chance, die Geschichte des Landes, wo sie leben, nicht mit 1945 anzufangen, sondern auch vor diese… auch in die tiefere Vergangenheit zu gehen und zu schauen, wer da vorher gelebt hat. Warum sieht das hier jetzt so aus, wie es aussieht?"

Matěj Spurný, Antikomplex

In der Gemeinde Řehlovice in Nordböhmen: Ein Kulturbrunch findet statt auf einem Hof, der einer vertriebenen Familie gehörte. Jetzt treffen sich hier tschechische und deutsche Künstler mit einer gemeinsamen Botschaft: Versöhnung - gerade jetzt.

"Ich denke mir mal, die Begegnung ist einfach ganz wichtig, dass man 'face to face' die Leute sieht und kennt und weiß, dass die einem einfach nicht wehtun können. Doch bis diese Botschaft in ganz Tschechien angekommen ist, wird es noch Zeit brauchen."

Lenka Holíková, Leiterin Kulturzentrum Řehlovice


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chris, Mittwoch, 02.Dezember 2015, 14:02 Uhr

3. schwieriges Verhältnis zwischen Tschechen + Deutschen

Mich würde interessieren, wie Sie auf genau 150 Jahre schwieriger Geschichte zwischen Tschechen und Deutschen in der ehemaligen Tschechoslowakei kommen. Was ist der geschichtliche Hintergrund?

Albrecht Kauschat, Dienstag, 24.November 2015, 23:12 Uhr

2. Tschechien - Jugend entdeckt die Vergangenheit (22.11.2015)

Hochinteressanter Bericht, auch für mich als eingeheirateter "Neu-Egerländer". Für viele inzwischen verstorbene Sudetendeutsche/Egerländer, spät, aber für manche noch nicht zu spät! Bleibt zu wünschen, dass sich noch viele Kontakte zwischen jungen/älteren Tschechen und Sudetendeutschen und deren Nachkommen finden zum fruchtbaren Austausch in Europa, dessen Grenzen nicht mehr trennen, sondern verbinden sollten!

Luise.heinrich€freenet.de, Montag, 23.November 2015, 08:20 Uhr

1. Euroblick Jugend entdeckt die Vergangenheit

In dem Beitrag wurde von einem Buch berichtet. Leider weiß ich den Titel nicht mehr,,
Könnten Sie mit diesen übermitteln und mir mitteilen, wo es erhältlich ist

  • Antwort von Redaktion euroblick, Montag, 23.November, 12:40 Uhr

    Die Internetseite der Initiative Antikomplex finden sie unter http://www.antikomplex.cz/de. Dort können Sie auch die Publikationen über das Sudetenland einsehen.
    Vielen Dank für Ihr Interesse und schöne Grüße
    Redaktion euroblick