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Polen Bauboom bei Kulturpalästen

Toruń, auf Deutsch Thorn, 250 Kilometer nordwestlich von Warschau: Thorn ist die fünfgrößte Stadt Polens, in Größe und Bedeutung etwa vergleichbar mit Augsburg.

Von: Agnieszka Schneider

Stand: 16.11.2014 | Archiv

Die Fassade der Breslauer Philharmonie | Bild: BR

Und was für Augsburg die Fugger sind, das ist für Thorn der Astronom Nikolaus Kopernikus, der hier geboren und aufgewachsen ist. Auch in Thorn gibt es ein blühendes Kulturleben: Universität, Museen, Galerien, hier das Stadttheater mit Opern und Konzerten.

Nun aber herrscht in Thorn ein Bauboom ohnegleichen: Hier die Mehrzweckhalle für knapp 6000 Zuschauer, die neue Verkehrsbrücke über der Weichsel – die EU macht’s möglich – gefördert mit 85 Prozent.

Und jetzt entsteht hier das nächste Mega-Projekt: Ein Konzert- und Kongresszentrum für knapp 60 Millionen Euro, auch hier 30 Prozent von der EU - Futurismus pur. In Augsburg käme man wohl nicht auf die Idee, solch einen Kulturpalast zu bauen – in Thorn schon. Der Bürgermeister erklärt warum.

"Es war notwendig: Uns fehlt ein Gebäude, in dem sowohl Konzerte, andere Kulturveranstaltungen, aber auch Kongresse stattfinden können. Man darf nicht vergessen, Polen war ein unbestelltes Land: Es gab keine Wasserleitungen, keine Kanalisation, keine Kläranlagen, viel zu wenig Straßen. Aber Thorn ist eine Stadt, in der Kultur eine große Rolle spielt."

Michał Zaleski, Oberbürgermeister Thorn

Mit EU-Unterstützung schießen in Polen derzeit überall Kulturpaläste wie Pilze aus dem Boden: in Stettin die Neue Philharmonie, in Lodz ein Konzertsaal, in Krakau eine Mehrzweck-Arena, in Kattowitz ein Konzertgebäude, in Breslau das Nationales Musikforum.

Nachdem Straßen und Infrastruktur gebaut sind, ist nun also die Kultur an der Reihe. Und was sagt die Bevölkerung dazu?

"Das ist unglaublich teuer."

Straßenumfrage

"Hoffen wir, dass es dann zumindest schön aussieht."

Straßenumfrage

"Ich bin total schockiert über die hohen Kosten für solche Investitionen."

Straßenumfrage

"Meine Enkelin ist in der Musikschule. Also bekommt sie eine neue Philharmonie."

Straßenumfrage

"Ich finde, die Stadt sollte kulturelle Projekte nicht aus Steuern finanzieren. Wenn die Stadt Steuergelder ausgibt, dann lieber für die Infrastruktur."

Straßenumfrage

In ganz Polen wird über den Bau von Kulturpalästen diskutiert. Besonders in Thorn herrscht eine heftige Auseinandersetzung im Internet über die Frage: wozu braucht eine Stadt mit knapp 200.000 Einwohnern eine Mega-Konzerthalle?

Ein Passant bringt es auf den Punkt:

"Man hat in der Stadt ein Zentrum für Moderne Kunst hingestellt, aber dort ist überhaupt nichts los – ich war öfter dort und das riesige Gebäude steht immer leer. Ich fürchte, hier passiert das gleiche. Es gibt sicherlich andere wichtigere Dinge. Viele Wohnungen stehen leer. Lieber Geld dafür ausgeben, als Millionen für etwas, wovon man nicht weiß, ob es überhaupt funktioniert."

Straßenumfrage

Direkt neben der Konzerthallenbaustelle stehen Plattenbauten. Das ist die Wohnrealität in Thorn. Und auch das: Viele der 6000 Kommunalwohnungen sind in einem so schlechten Zustand, dass sie nicht mehr bewohnbar sind. Aber die Stadtväter stehen auf dem Standpunkt, dass Wohnungsbau nicht mehr Aufgabe der Stadt sein soll, sondern des freien Marktes.

"Es wäre eine falsche Philosophie, sich gegen den Konzertsaal zu entscheiden und dafür Wohnungen zu bauen. Natürlich: für bestimmte Menschen wäre es sicherlich besser, wenn mehr Sozialwohnungen auf den Markt kämen. Auf lange Sicht gesehen, bringen aber solche Wohnungen die gesamte Immobilienwirtschaft sowie den Markt für private Bauträger ziemlich durcheinander."

Grzegorz Górski, stellvertretender Stadtratsvorsitzender in Thorn

Warum plötzlich so viele Kulturpaläste in Polen? – Ein Grund ist bestimmt die 30-Prozent-Förderung durch die EU. Ein anderer – das Beispiel Breslau zeigt es – ist das Kulturestablishment in den Städten: Dort entsteht derzeit das teuerste Kulturprojekt Polens für sage und schreibe 110 Millionen Euro.

Andrzej Kosendiak

Maßgeblich vorangetrieben hat es der Dirigent der Breslauer Philharmonie , Andrzej Kosendiak. Er hat sogar die Bauleitung übernommen.

"Wer soll es denn sonst machen, wenn nicht ein Musiker? Ich wünsche mir in Breslau gute Konzerte. Ich will dass es gute Ensembles gibt, und dass Künstler zu uns kommen. In einem miserablen Saal will doch keiner spielen, auch unsere Musiker nicht. Ich baue das Gebäude als Breslauer,  - zugegeben: ein bisschen für mich - besonders aber auch für die Bürger der Stadt und für die Gäste. Ich hoffe, dass viele zu unseren Konzerten kommen."

Andrzej Kosendiak, Dirigent und Bauleiter

Kann das Land die vielen neuen Kulturpaläste alle vertragen? Werden sie wirklich angenommen und funktionieren? Vielleicht in Kattowitz.

Das Konzertgebäude in Kattowitz

Mit dem kürzlich eröffneten Konzertgebäude bekam das Nationale Polnische Rundfunk-Sinfonieorchester einen eigenen Sitz. Chefdirigent ist derzeit Alexander Liebreich, der erste Deutsche an der Spitze eines polnischen Orchesters seit dem Zweiten Weltkrieg.

"Es ist eine ganz besondere Situation. Hier drunter ist eine alte Zeche und der Saal wächst aus dieser Zeche. Denn ich sehe so viele Säle, die irgendwohin hybrid hin produziert werden, Stararchitekt, aber der Bezug zur Region fehlt. Wichtig ist hier, dass die Menschen den Saal für ihren eigenen erklären."

Alexander Liebreich, Chefdirigent des Nationalen Polnischen Rundfunk-Sinfonieorchesters (NOSPR)

Zur Einweihung des Saals reiste sogar der Chor des Bayerischen Rundfunks nach Kattowitz.

"Die Stimmung, die Atmosphäre in dem Saal – wir sind alle ganz begeistert."

Barbara Müller, Mitglied im Chor des Bayerischen Rundfunks

"Es war toll, dass wir hier dabei sein konnten. Was soll ich sagen, jede Stadt soll so einen tollen Konzertsaal haben."

Susanne Vongries, Managerin des Chors des Bayerischen Rundfunks

Krzysztof Penderecki

Auch der in Polen lebende Krzysztof Penderecki, einer der berühmtesten Komponisten der Gegenwart, ist begeistert.

"Das ist der beste und schönste Konzertsaal in ganz Polen seit 1000 Jahren. Es gab in Polen keine Konzerthäuser. Das Orchester, das fast 80 Jahre lang in Parteigebäuden herumirrte, bekommt jetzt endlich diesen Saal. Es ist ein Glücksfall und ein wahrer Feiertag für die polnische Musik."

Krzysztof Penderecki, Komponist

Ob die anderen Kulturpaläste, die in Polen gerade entstehen, genau so gut besucht werden wie der hier in Kattowitz?


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