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Großbritannien Gibraltar und das Vereinigte Königreich

Gibraltar, das Tor zum Atlantik am Südzipfel Europas: ein Stück England auf der spanischen Halbinsel. Die Wirtschaft des nur knapp sieben Quadratkilometer kleinen Landstrichs neben dem Krisenland Spanien boomt.

Von: Angelika Vogel

Stand: 19.04.2015 | Archiv

Berber-Makaken | Bild: BR

Seit 300 Jahren ist Gibraltar eine britische Kronkolonie, und eine uralte Legende sagt voraus, unter welchen Bedingungen das auch so bleibt: Es hat mit ihnen zu tun, den Berbermakaken, den einzigen freilebenden Affen Europas. Solange sie auf Gibraltar leben, so heißt es, werden die Briten hier herrschen.

Brian Gomila

Brian Gomila ist Gibraltarer. Seit fünf Generationen lebt seine Familie hier. Beruf: Assistent eines Immobiliengutachters. Sein Hobby: Berberaffen.

"In Gibraltar gibt es eine emotionale Verbindung zu den Affen. Sie symbolisieren das britische Gefühl, die britische Identität. Und die Engländer kommen in Scharen zu Besuch, zusammen mit Gästen aus der ganzen Welt. Alle wollen die Affen sehen."

Brian Gomila

Die Primaten erwarten die Besucher schon, denn sie wissen: Mit etwas Glück bekommen sie etwas zu fressen, obwohl das eigentlich streng verboten ist. Wer erwischt wird, dem droht sogar eine Strafe von bis zu 4000 englischen Pfund! Affenfreund Brian verbringt seine Freizeit am liebsten bei den Tieren, abseits der Touristenpfade. Er kennt ihr Verhalten genau, er hat sogar Affenkunde in England studiert.

"Die Affen bedeuten mir sehr viel. Aber ich versuche, mich nicht zu sehr mit ihnen zu verbinden. Es sind wilde Tiere, die nicht mit Haustieren verwechselt werden sollten. Sie sind an Menschen gewöhnt, aber sie sind nicht zahm. Daher sollte man respektieren, dass es körperliche Grenzen gibt."

Brian Gomila, Primatologe Gibraltar

Körperliche Grenzen, die von vielen Touristen nicht respektiert werden. Sie ahnen gar nicht, dass die Affen auch beißen können, oft mit schweren Folgen: 2012 mussten 59 Affenbisse im Krankenhaus behandelt, und viele davon sogar genäht werden. Zudem können die Bisse schwere Infektionen verursachen.

Die Affen haben den Respekt vor den Menschen verloren. Fast nichts ist mehr sicher vor ihnen. Selbst in die Stadt kommen sie herunter. Sie plündern Geschäfte und dringen sogar in Wohnungen ein. Dennoch wollen die meisten Einheimischen öffentlich nicht schlecht über sie sprechen.

"Meine Nachbarin sagte mir, dass wir Affen auf dem Dach haben. Sie hat gesehen, wie sie mein Brot gegessen hatten. Das Fenster stand offen, und die Affen kommen einfach rein und fressen das Brot."

Ein Frau

"Sie kommen und öffnen die Mülleimer, nehmen den Müll heraus und durchwühlen ihn nach Obst oder anderen Essensresten."

Ein Mann

Wenn ein Affe in einer Wohnung nach Futter sucht, kann diese recht verwüstet sein. Aber auch die Straßen sind nicht mehr sicher vor ihnen; sie plündern Geschäfte und klauen Taschen, Geldbeutel, Fotoapparate. Wer sich wehrt. läuft Gefahr gebissen zu werden.

"Ich lief gerade die Hauptstraße entlang und ein Affe kam von hinten und schnappte meine Handtasche."

Eine Frau

Deshalb hat die Regierung extra eine Affenpolizei ins Leben gerufen: Mit Blasrohren und Tonkugeln vertreiben sie jetzt zudringliche Tiere aus der Stadt. Die Bevölkerung ist beruhigt, und die Affen sind wieder dort, wo sie sein sollen, auf ihrem Affenfelsen.

Zusätzlich zur Affenpolizei wurde hier oben eine eigene Forschungs- und Futterstation für die Primaten eingerichtet, mit 13 Vollzeitstellen als Affenbetreuer.

Eric Shaw

Eric Shaw ist ihr Chef. Jeden Morgen und am Nachmittag bringen sie den Affen Obst, Nüsse und Gemüse, damit die Affen sich hier oben wohlfühlen und gar nicht auf die Idee kommen, hinunter in die Stadt zu gehen. Aber sie bleiben wilde Tiere.

"Was wir tun ist, kein richtiges Füttern; wir servieren ihnen nur Frühstück und Nachmittagstee, so dass sie freiwillig oben auf dem Felsen bleiben. Deshalb machen wir das."

Dr. Eric Shaw, Affenbeauftragter Regierung von Gibraltar

Die Affenliebe hat eine lange Tradition auf Gibraltar: Winston Churchill ließ einst sogar Makaken aus Afrika importieren, als sie durch eine Krankheit auszusterben drohten.

"Sie sind Kult in Gibraltar. Weil wir britisch sind, gibt es die alte Legende: So lange die Affen hier sind, werden wir britisch bleiben. Legenden wie diese sind gut. Das ist gut für den Tourismus, für die Menschen und für die Wirtschaft in Gibraltar. Wir sind ein sehr, sehr kleines Gebiet. Je mehr Menschen kommen, um die Affen zu sehen, desto besser für die Affen. Und desto besser für uns."

Dr. Eric Shaw, Affenbeauftragter Regierung von Gibraltar

Tatsächlich geht es der winzigen Kronkolonie wirtschaftlich hervorragend, nicht nur wegen des Tourismus, der etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts ausmacht. Gibraltar ist auch Steuerparadies, und zieht damit Firmen aus ganz Europa an. So kann sogar eine eigene Regierungsverwaltung finanziert werden.

Spanien will die Halbinsel zurück, aber die Gibraltarer wollen nicht. Beim letzten Referendum haben sich 99 Prozent für England ausgesprochen. Von fast 20.000 Einwohnern waren nur ganze 187 dagegen.

"Wir waren 350 Jahre britisch und werden es noch weitere 10.000 Jahre bleiben!"

Ein Mann

"Ich fühle mich britisch. Ich bin als Britin geboren. Ich respektiere Spanien, aber innerlich bin ich Britin."

Eine Frau

"Spanien für die Spanier. Aber Gibraltar ist nicht spanisch."

Ein Mann

Jeden Morgen kommen 30.000 Menschen über die spanische Grenze, um im reichen Nachbarstaat zu arbeiten, in Handel, Schiffsindustrie oder Gibraltars neuer Goldgrube: Onlinespielfirmen.

Aber ein Problem bleibt: Fast jeder auf der Insel kennt jemanden, der von einem Affen gebissen wurde.

Brian will das Image der Affen rehabilitieren. Er bietet Führungen für Geschädigte und Affenphobiker an und erklärt ihnen das Wesen und die Sprache der Makaken.

"Wenn ich esse, dann darf ich sie dabei nicht ansehen. Sonst denken sie, ich hätte Angst vor ihnen. Mein Essen gehört mir!"

Brian Gomila

Und wenn das nicht reicht: Der runde Mund sagt dem Affen: "Verschwinde, sonst beiße ich dich." Die Brotzeit ist gerettet.

Solange die Affen so gute Freunde auf dem Affenfelsen haben, gibt es für sie keinen Grund zu gehen. Und Gibraltar wird, wenn die Legende stimmt, noch lange britisch bleiben.


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