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Europa-Reportage Sklavenmarkt Osteuropa

Ausbeutung auf dem deutschen Arbeitsmarkt: Chefs diktieren willkürlich die Arbeitszeit, verändern nachträglich Verträge, unterschlagen Löhne. Betroffen sind fast nur Beschäftigte aus Osteuropa.

Von: Alexander Loos, Verena Schälter, Christina Schmitt

Stand: 27.08.2017 | Archiv

Simon an seinem neuen Arbeitsplatz | Bild: BR

Freitagnacht, auf dem Weg nach Kassel. Vor wenigen Stunden haben wir in der Redaktion einen Anruf von der Gewerkschaft bekommen. Ein LKW-Fahrer hat Ärger mit seinem Arbeitgeber.

In den letzten Monaten häufen sich solche Schlagzeilen: "Rumänische Bauarbeiter: Sechs Monate Schufterei ohne Lohn", "Polizei ermittelt: Ausgebeutet als Arbeitssklaven", "Bulgarische Migranten wurden massiv ausgebeutet". Das Geschäft mit den Billigarbeitern – wir wollen wissen, wie es diesen Leuten ergeht.

Ohne Lohn gefeuert

Der LKW-Fahrer, den wir suchen, könnte uns dabei helfen. Wir ahnen nicht, dass wir ihm noch helfen müssen. Peter kommt aus Ungarn. Sein deutscher Chef hat ihn heute gefeuert und weigert sich, ihm seinen Lohn zu zahlen. Das ist nicht sein einziges Problem: Bis gestern konnte er im LKW der Firma schlafen. Doch der Deal gilt seit dem Streit nicht mehr. Nachts in Kassel, ohne Geld, ohne seine persönlichen Sachen; die sind noch im LKW. Dort will er unbedingt hin, 25 Kilometer entfernt auf einem Firmenparkplatz. Wir nehmen ihn mit.

Bernadett Petö, LKW-Fahrer Peter und Szabolcs Sepsi

Der nächste Tag: Peter bekommt Unterstützung. Die beiden arbeiten im Auftrag des Deutschen Gewerkschaftsbunds Bernadett Petö und Szabolcs Sepsi. Sie beraten ausländische Arbeiter bei Problemen. Peter erzählt, was den Streit mit seinem Chef ausgelöst hat: Die Arbeitsbedingungen, vor allem bei Fleischtransporten: Rohfleisch ein- und ausladen, hinterher den LKW schrubben – und das alles, nachdem er zehn Stunden gefahren ist. Weil er sich darüber beschwert hat, wurde Peter gestern gefeuert. Jetzt wollen sie zu seinem Chef, den Lohn einfordern. Sonst ist er aufgeschmissen.

"Er hat jetzt heute das Problem, dass er noch 20 Euro in der Tasche hat. Damit kann man definitiv nicht nach Hause fahren. Und da haben wir ein Problem."

Szabolcs Sepsi

Die Gewerkschaftsmitarbeiter haben sehr viele Fälle, deshalb dürfen sie ihm das Geld für die Heimreise nicht geben. Sie sehen nur eine Möglichkeit:

"Wir fahren nach Kassel und versuchen noch einmal, das Gespräch mit dem Arbeitgeber zu suchen und das Geld einzufordern, die ausstehende Löhne. Er hat keinen Vorschuss, keine anderen Zahlungen erhalten und das heißt, dass, wenn er jetzt kein Geld bekommt, dann kann er nicht nach Ungarn zurück fahren."

Szabolcs Sepsi

Die Firma wimmelt ab

Am Firmensitz der Kasseler Spedition. Sie wollen den Lohn am besten in bar und haben nochmal nachgerechnet: knapp 3000 Euro stehen aus. Wir halten uns im Hintergrund und warten. Bargeld für die Heimreise gab es jedenfalls nicht, nur eine angebliche Überweisung. Sie finden das Verhalten der Kasseler Spedition verdächtig. Der Zoll wird Ermittlungen aufnehmen, aus gutem Grund, wie sich noch zeigt. Peter und die Gewerkschaftsmitarbeiter müssen sich jetzt erst mal beraten. Wie kommt der LKW-Fahrer nach Ungarn zurück? Auch aus der Heimat kann ihm niemand aushelfen. Wir entschließen uns ihm das Geld für ein Busticket vorzustrecken. Ein Härtefall, den auch die Gewerkschafter nicht jeden Tag sehen.

LKW-Fahrer Peter ist nur ein Fall. Wir wollen herausfinden: Wie funktioniert das Geschäft mit den osteuropäischen Arbeitern? Ein wichtiger Dreh- und Angelpunkt ist Slowenien. Hier erhoffen wir uns Antworten.

Marko Tanasic

Das Gewerkschaftsgebäude in Ljubljana. Hier treffen wir jemanden, der sich mit den Problemen der Billigarbeiter auskennt: Marko Tanasic. Von ihm erfahren wir, wie das System funktioniert: Arbeiter aus Bosnien, Serbien, Montenegro, Kosovo und Mazedonien – sie alle lassen sich von slowenischen Subunternehmen anheuern. Die wiederum schicken die Arbeiter nach Deutschland als LKW-Fahrer oder Bauarbeiter.
Der Gewerkschafter will uns helfen, jemanden zu finden, der das alles noch vor sich hat. Er probiert es bei einem serbischen Bauarbeiter, der erst neulich bei ihm war.

"Es ist absolut frustrierend, wie dieses System funktioniert. Wenn einer anfängt mit dem Sozialdumping, müssen alle anderen nachziehen, damit sie konkurrenzfähig bleiben. Wenn wir das Sozialdumping schon im Kleinen erlauben, dann ist das wie ein Krebsgeschwür: es wächst und wächst."

Marko Tanasic

Simon aus Serbien

Ein paar Stunden später sitzen wir im Auto nach Serbien. Der Bauarbeiter lebt in einem kleinen Ort, 200 Kilometer südöstlich von Belgrad. Er heißt Simon und erwartet uns an der Dorftankstelle. In drei Tagen fängt Simon in Deutschland an. Jetzt lädt er uns erst mal zu sich nach Hause ein.

"Eine Tochter arbeitet in Montenegro. Dort ist auch meine Frau und passt auf die Enkel auf. Die andere Tochter arbeitet in Luzern in der Schweiz."

Simon

Auch Simon ist viel unterwegs, meistens in Deutschland: Jena, Essen, Berlin, Dresden, Leipzig – überall hat er schon gearbeitet. Mehrfach ist er um den Lohn betrogen worden, zuletzt vor drei Wochen.

"Du weißt ja nicht, was passieren wird. Du gehst arbeiten, bekommst deinen Lohn für die ersten ein, zwei Monate. Dann gibt es angeblich Probleme und du arbeitest weiter, ohne bezahlt zu werden."

Simon

Verträge, Arbeitsstunden – Simon hat alles dokumentiert. Insgesamt schulden ihm deutsche und slowenische Firmen 10.000 Euro. Trotzdem bricht er erneut auf.

Peter aus Ungarn hat sein Geld, fast

Bei Peter in Ungarn

In der Zwischenzeit haben wir einen Anruf von LKW-Fahrer Peter aus Ungarn bekommen: Er hat Geld von der Spedition in Kassel erhalten. Doch es gibt einen Haken: "2000 Euro bezahlen, 900 Euro nix zahlen." Nur einen Teil zu bezahlen – eine beliebte Masche in der Branche. Peter erzählt uns, dass ihn etwas stutzig gemacht hat. Er zeigt uns das einzige Schriftstück, das er von der Kasseler Spedition bekommen hat: Den Überweisungszettel der 2000 Euro. Er hat das Geld gar nicht direkt von der Kasseler Spedition bekommen.

Auf der Überweisung steht ein anderer Firmenname: Pilot Investment, eine slowakische Firma. Dabei haben doch Leute in der Kasseler Spedition das Geld überwiesen! Ist Pilot Investment möglicherweise eine Scheinfirma? Wir recherchieren und stoßen auf Indizien, die dafür sprechen: Pilot Investment steht im slowakischen Handelsregister.

Komarno in der Slowakei. Hier soll der Firmensitz von Pilot Investment sein. Werden wir hier eigene Geschäftsräume und Mitarbeiter finden? An der offiziellen Firmenadresse entdecken wir statt Pilot Investment nur eine andere Firma, namens "Paragraf".
Keine Geschäftsräume, keine eigenen Mitarbeiter. Hier ist nur eine Agentur, die die Buchhaltung macht – für viele Firmen, die an dieser Adresse gemeldet sind. Pilot Investment, die Firma, die wir suchen, scheint hier nur Kunde zu sein, gibt die Adresse aber als offiziellen Firmensitz an.

All das weist darauf hin, dass es sich bei Pilot Investment um eine Scheinfirma handeln könnte, die von der Kasseler Spedition gelenkt wird.

Simons Vertrag im Check

Zurück zu unserem anderen Fall: der Bauarbeiter Simon. Wie verabredet treffen wir ihn in Slowenien. Hier hat er heute Vormittag einen Vertrag bei einer slowenischen Firma unterschrieben. Sie schickt ihn nach Deutschland.
Wir treffen ihn in einem Café. Auch Gewerkschafter Marko ist gekommen. Er will den Vertrag checken und fragt Simon nach seinem ersten Eindruck. Klingt erst einmal gut, aber nur, wenn der Vertrag okay ist, kann er auf faire Arbeit hoffen. Marko geht die einzelnen Punkte durch:

"Das hier ist problematisch. Wenn Simon die Firma vor Vertragsende verlässt, muss er 1000 Euro bezahlen."

Marko Tanasic

So eine Klausel ist bei solchen Subunternehmen keine Seltenheit. Sie dient einem einzigen Zweck:

"Um ihn noch abhängiger vom Arbeitgeber zu machen, um ihn einzuschüchtern, dass er sich denkt: Ich kann nicht gehen, weil ich sonst zahlen muss. Das ist so eine Art Garantie für den Arbeitgeber."

Marko Tanasic

Das Auto für die Hinfahrt stellt die slowenische Firma. Aber: Ihnen wurde gesagt, die Bremsen funktionieren nicht richtig. Simon nimmt’s gelassen.
Die Gruppe ist komplett; es kann losgehen. Acht Stunden Fahrt liegen vor ihnen. Sie alle hoffen auf gute Arbeit und guten Lohn. Ob Simon mit diesem Job endlich einmal Glück hat?

Der Zoll will ermitteln

In der Zwischenzeit in Kassel. Im Fall des ungarischen LKW-Fahrers treffen wir uns mit dem Zoll. Wir wollen den Beamten zeigen, was wir in der Slowakei entdeckt haben: Eine mögliche Scheinfirma? Über sie wurde LKW-Fahrer Peter bezahlt.

Michael Bender

Wir treffen Michael Bender und zeigen ihm unser Filmmaterial. Teilt er unsere Einschätzung über die slowakische Firma? Was kann der Zoll mit den Hinweisen anfangen?

"Die Hinweise sind schon so, dass es sich hier um eine Scheinfirma handeln könnte. Wobei man immer aufpassen muss und das erst mal aufdröseln muss. Aber hier könnte sich das in der Tat um eine vorgeschobene Firma handeln, die dort gar nicht wirklich tätig ist. Und das wäre dann eine Scheinfirma. Das sind auf jeden Fall sachdienliche Hinweise, die uns auf einen Weg bringen, auf dem wir auch weiter ermitteln."

Michael Bender

Simon an seiner neuen Arbeitsstelle

Eine Baustelle bei Frankfurt. Hier arbeitet Bauarbeiter Simon mittlerweile seit einem Monat. Wir haben uns für die Mittagspause mit ihm verabredet. Simon erzählt uns, dass er hier mit seinen Kollegen in der Montage arbeitet. Im ersten Moment klingt alles ganz gut. Der Job scheint in Ordnung zu sein:

"Auch das Geld ist in Ordnung. Leider waren es im letzten Monat nur fünf Arbeitstage. Hoffentlich gibt es im August mehr Arbeit und wir bekommen den ganzen Monat bezahlt."

Simon

Geld hat Simon zwar bekommen. Aber statt vier Wochen hat er nur fünf Tage gearbeitet – viel weniger als erwartet. Wieder ein fragwürdiges Arbeitsverhältnis, wieder ist Simon ausgeliefert.


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Gundula , Sonntag, 27.August 2017, 21:14 Uhr

4. Ausbeutung auf dem deutschen Arbeitsmarkt

Flüchtlinge sind zur Ausbeutung besser geeignet als die Osteuropäer. Die Asylkosten werden sozialisiert und die Gewinne mit Asyl werden privatisiert.

Inge, Sonntag, 27.August 2017, 17:32 Uhr

3. Es gibt auch Deutsche Firmen die nicht bezahlen

Ich fahre seid 1991 mit dem LKW. Bei meiner ersten Firma war ich 3 Jahre hatte das Geld bekommen, und am Ende von 3 Jahren wurden meine Bankkarten eingezogen worden, als ich mich bei meiner Bank meldete - teilte mir meine Bank mit das ich seit 2 Monaten kein Geld mehr bekommen habe.
Musste das Geld dann einklagen und bekam dann nur einen Teil des Geldes.
Danach ging es so weiter. bist 2017 hatte ich nur 2 Firmen die Richtig bezahlt hatten, (3 Jahre Schrotthandel, 3 Jahre Stadt Stuttgart) alle anderen Firmen hatten nur die ersten Monate bezahlt oder gar nicht. Ich habe es mir mal ausgerechnet. In den 20 Jahren wo ich gefahren bin haben mich meinen Arbeitgeber um ca. 40.000€ Netto betrogen. (Die meisten hatten Insolvenz angemeldet, Geschäftsaufgabe - keinen Arbeitsvertrag erhalten)
Damit möchte ich nur sagen das in der Transportgesellschaft sehr viele Betrüger gibt. Und leider finden sie immer wieder Fahrer.
Ich fahre nicht mehr im Fernverkehr - bin nun wieder bei einer Stadt fest.

Floh, Sonntag, 27.August 2017, 14:35 Uhr

2.

Sehr geehrtes BR-Team berichtet doch mal warum hier die Politik nichts macht in D.

Mehr Netto vom Brutto, Sonntag, 27.August 2017, 14:31 Uhr

1. Ausbeutung ........

So lange unsere Politiker zuschauen wird sich auch nichts oder garnichts ändern.