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Lettland Das Weltraumteleskop Irbene

Kein Handyempfang im Umkreis von acht Kilometern – Sperrzone. Drei Kontrollpunkte zwischen der Außenwelt und hier. Irbene war ein Hochsicherheitstrakt: Keiner kam raus, keiner rein.

Von: Kristin Recke

Stand: 26.11.2017 | Archiv

Irbene | Bild: BR

Es war eine autarke Stadt mit rund 2000 Einwohnern. 700 hochrangige Offiziere und Ingenieure lebten hier mit ihren Familien, dazu Soldaten zu ihrem Schutz. Ihr Auftrag: Spionage.

Anfang der 70er Jahre haben die Sowjets hier drei riesige Radaranlagen gebaut - als Abhörinstrumente im kalten Krieg. Heute werden zwei davon immer noch genutzt - für hochsensible Weltraummessungen.

Juris Zagars

Der erste, der das Gebäude nach der Wende betreten durfte, war Juris Zagars. Er ist Professor für Astrophysik an der Universität Ventspils:

"Ich war überrascht, wie riesig diese Teleskope waren und wie es überhaupt sein konnte, dass keiner von uns auch nur irgendetwas davon gewusst hat."

Juris Zagars

600 Tonnen Stahl bewegen den Laser millimetergenau. Der riesige Spiegel hat einen Durchmesser von 32 Metern – das Radioteleskop von Ventspils ist heute das achtgrößte der Welt und das größte und präziseste Europas.

Die sowjetische Abhörtechnik für wissenschaftliche Zwecke zu erhalten, das war der Plan. Um ihn umzusetzen, musste Zagars lange mit den Offizieren des KGB verhandeln, die endgültig erst 1994 das Gelände verließen.

"Das hier war das Computerzentrum, in dem sie die Daten ausgewertet haben. Aus Millionen von Telefonaten zwischen Europa und Amerika sollten sie politische oder militärische Informationen raus filtern."

Juris Zagars

Zvesdochka – "Sternchen" - das war der Codename der Anlage zu Sowjetzeiten.

"Das war die Abteilung für die geheimen Informationen. Die Dokumente waren hier drinnen und wurden nur durch diese Box an autorisierte Offiziere übergeben. Die Tür musste geschlossen sein und hier hat ein Soldat gestanden, der das überwacht hat."

Juris Zagars

Mit dem Abzug der Roten Armee kamen die Diebe: Lettland war in den 90ern einer der Hauptexporteure für Kupfer und Aluminium, alles gestohlene Reste aus russischen Militäranlagen. Um zumindest die Teleskope zu schützen, schliefen die Forscher damals sogar auf dem Gelände.

Vladislav Bezrukovs

Vladislav Bezrukovs kam 1994 als Student auf die Anlage und versuchte Licht ins Dunkel der KGB-Technik zu bringen. Tonnenweise Kabel hatten die Sowjets unterirdisch verlegt. Viele Dinge sind bis heute ungeklärt.

"Die Armee war gerade weg, aber alles war noch da - Möbel, Bücher. Man hat sich gefühlt wie in einem Gruselfilm in einer verlassenen Stadt und die ganze Stadt gehört plötzlich dir."

Vladislav Bezrukovs

Moderner Karbonspiegel

Der Abriss ist längst beschlossene Sache. Aber Einiges soll auch bleiben, diese alte Radarschüssel zum Beispiel, als technisches Denkmal. Seit 2012 sind neue Systeme im Einsatz. Auf das alte Stahlfundament haben sie einen modernen Karbonspiegel gesetzt. 13 Millionen Euro hat der Umbau gekostet. Statt Abhöraktionen erforschen sie heute unter anderem mit der Universität Bremen die Beschaffenheit der Sterne, Sonnenwinde und den Effekt galaktischer Bewegungen auf die Erde.


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