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Frankreich Front National setzt auf Protestwähler

Fahnen, Gleichschritt, die Nationalhymne – seitdem Fabien Engelmann in dem lothringischen Industriestädtchen Hayange Bürgermeister ist, wird Patriotismus hier groß geschrieben.

Von: Susanna Dörhage

Stand: 20.11.2016 | Archiv

Hayange | Bild: BR

Dazu gehört die Zeremonie am 11. November, dem Feiertag zum Ende des Ersten Weltkrieges vor fast hundert Jahren.

"Es ist sehr wichtig, weiter an diese Männer zu denken, die für unser Vaterland gestorben sind. Ihnen werden wir auch in 200 Jahren noch gedenken."

Fabien Engelmann, Bürgermeister Hayange

"Der Bürgermeister ist noch so jung und er macht das mit ganzem Herzen. Das ist wunderbar. Er findet die richtigen Worte. Für alle patriotischen Vereine macht er genau das Richtige."

Christiane Fries, Veteranenverein Hayange

Fabien Engelmann

Saubere Straßen, mehr Polizei, Engelmann hat sein Wahlprogramm umgesetzt. Ausländer müssten sich anpassen oder gehen, so die Devise des Bürgermeisters. Die Stimmung in Frankreich sei ähnlich wie in den USA.

"Die Leute sind wütend, weil ihre Stimme nicht gehört wird. Es geht immer nur um Minderheiten; den Minderheiten wird heute alles in den Rachen geschoben. Aber was ist mit den Weißen, die bescheiden leben? Es sind die weißen Arbeiter, die Trump gewählt haben."

Fabien Engelmann, Bürgermeister Hayange

Engelmann selbst stammt aus einer bescheidenen Familie, hat als Arbeiter angefangen und, bevor er zum Front National ging, war er linker Gewerkschafter. Er gibt sich offen für die Sorgen der Arbeiter, die durch den Niedergang der Stahlindustrie ihre Arbeit verloren haben. Und die neuen Einwanderer, auch wenn es sich in Hayange nur um ein paar Dutzend handelt, sind ihm ein Dorn im Auge.

Anne Duflot-Allievi

Das muss die karitative Vereinigung Secours Populaire erfahren, die seit mehr als 30 Jahren in Hayange ansässig ist, als Anlaufstelle der Armen und Einwanderer. Der Bürgermeister hat ihnen den Mietvertrag gekündigt.

"Hier, das sind unsere Räume. Der Bürgermeister hat uns den Strom und die Heizung abgeschaltet. Hier, das sind die Lebensmittel, Mehl, Kartoffelpüree, Apfelmus und Konservendosen. Hier, das ist die Kleidung. Die verkaufen wir ganz billig."

Anne Duflot-Allievi, Hilfsorganisation Secours Populaire

Engelmann will, dass Migranten Hayange gar nicht erst ansteuern und hier am besten gar keine Hilfe finden.

"Wir vom Secours Populaire, wir schauen nicht, woher die Leute kommen oder was für eine Hautfarbe sie haben. Wir fragen, was ihr Problem ist. ‚Was brauchst Du? Hast Du Hunger, ist Dir kalt?‘ Herr Engelmann, der will, dass wir nur den ‚richtigen Franzosen’ helfen. Er wirft uns vor, dass wir auch Migranten und Flüchtlinge unterstützen."

Anne Duflot-Allievi, Wohltätigkeitsverein Secours Populaire

Mehr als 6000 Unterschriften hat der Secours Populaire schon dafür gesammelt, dass sie in ihrem Räumen in Hayange bleiben dürfen. Den Bürgermeister beeindruckt das wenig:

"Der Secours Populaire hat von Anfang an nur Politik betrieben. Sie machen nichts anderes, als den Front National mit Schmutz zu bewerfen."

Fabien Engelmann, Bürgermeister Hayange

Lucie Bouvarel

Die Lokalredakteurin Lucie Bouvarel meint, Engelmann treibe ein gefährliches Spiel. Er schüre die Wut auf die Migranten mit Absicht:

"Der Bürgermeister braucht einen Sündenbock und das sind die Migranten, die aber hier in Hayange nie ein Problem dargestellt haben. Sie werden zum Buhmann für die einheimische Bevölkerung, die ebenfalls arm ist. Das ist ein schleichender Prozess und das ist besorgniserregend."

Lucie Bouvarel, Lokalredakteurin Le Republicain Lorrain

Unermüdlich ackert Engelmann, um Hayange zum Vorzeigestädtchen des Front National zu machen. Nachdem frühere Bürgermeister der Partei andernorts wegen Misswirtschaft ihren Posten wieder verloren, setzt er auf solide Finanzen. Die von seinem Vorgänger anberaumte teure Renovierung des Rathauses hat Engelmann erst einmal verschoben.

Bei den Präsidentschaftswahlen im Mai 2017 soll sich das alles auszahlen. Dass der Front National Frankreichs Presse gegen sich hat, sieht Engelmann als gutes Omen und zieht Parallelen mit der Wahl von Donald Trump:

"Die Medien gehören zum politischen Establishment und der Sieg von Trump ist ein Tritt in den Hintern dieses Establishments. Die Medien wollten die Leute in den USA lähmen. Deshalb haben sie ihnen erzählt, dass Hilary Clinton vorn lag, damit sie den Mut verlieren und nicht wählen gehen. Es ist aber das Gegenteil geschehen. Ich bin überzeugt, dass bei uns hier, Marine Le Pen für eine Überraschung sorgen wird."

Fabien Engelmann, Bürgermeister Hayange

Engelmann gehört zu den wenigen, die überhaupt mit den Medien sprechen. Ansonsten wird geschwiegen beim Front National. Der Aufstieg, von dem sie alle träumen, soll von keiner Seite gefährdet werden.


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