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Menschen auf der Flucht Zahlen und Fakten zum Syrienkrieg

Seit März 2011 und damit seit über fünf Jahren herrscht in Syrien Krieg. Fast fünf Millionen Menschen sind aus Syrien geflohen. Schätzungsweise acht Millionen Syrer sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht. Davon sind über 590.000 Menschen in belagerten Zonen praktisch von der Außenwelt abgeschnitten.

Von: Rebekka Preuß

Stand: 29.08.2016

Flüchtlinge im Libanon | Bild: Preuss, Rebekka / BR

Warum Frauen, Männer und Kinder aus Syrien nach Deutschland flüchten? Dies liegt an den Perspektiven und vor allem am europäischen Asylsystem. Ein System, das Flüchtlingen die Möglichkeit gibt, in den Besitz einer gültigen Aufenthaltserlaubnis zu kommen. Denn nur mit einer solchen, erhalten sie tatsächlich Schutz. Der Libanon hat weder die Genfer Flüchtlingskonvention unterzeichnet, noch gibt es im Libanon ein irgendwie geartetes Asylverfahren.

Fakten Libanon

Fläche: 10,452 Quadratkilometer (rund 1/7 Bayerns)
Einwohnerzahl: rund 6,2 Millionen (Stand Juli 2015, Vgl. Bayern – 12,44 Mio.)
Staatsform: parlamentarische Republik (unabhängig von Frankreich seit 22.11.1943)
Staatsoberhaupt: seit 25. Mai 2014 vakant
Bürgerkrieg: 13.4.1975 bis 13.10.1990 – Auslöser waren Kämpfe zwischen christlichen, palästinensischen und libanesisch-muslimischen Milizen
Libanonkrieg: 12.Juli bis 14.August 2006 – Auslöser waren Kämpfe zwischen der libanesischen Hisbollah und Israel
Flüchtlinge: außer Flüchtlingen aus Syrien leben im Libanon auch vertriebene Kurden, Palästinenser und Iraker

Das kleine Land hat eine unglaublich große Zahl an syrischen Flüchtlingen aufgenommen. Fast so viele wie ganz Europa zusammen. Das weder das Bildungs- noch das Gesundheitssystem oder andere öffentliche Dienstleistungen diesen Zuwachs an Menschen bewältigen können, scheint einleuchtend.

Dazu kommt: Die Weltgemeinschaft versagt dem Land notwendige finanzielle Unterstützung. Dennoch hat der Libanon Regeln erlassen, die es den syrischen Flüchtlingen – zusätzlich zur prekären Grundversorgung im Land – noch weiter erschweren, im Libanon ein sicheres und eigenverantwortliches Leben zu führen. Ebenfalls anzumerken ist, dass es im Libanon keine offiziellen Flüchtlingscamps der Vereinten Nationen gibt. Außerdem hat der Libanon die UN im Mai 2015 angewiesen, keine Flüchtlinge mehr zu registrieren.

Ohne Registrierung jedoch haben die Menschen keinen Zugang zu den Hilfsleistungen der UN. Staatliche Hilfen – wie in Deutschland – gibt es im Libanon für Flüchtlinge nicht.  Die Regeln, nach denen syrische Flüchtlinge im Libanon leben, kann man in eine Zeit vor Januar 2015 und danach einteilen.

Vor Januar 2015

syrische Flüchtlingskinder in einer Zeltschule von "Alphabet – alternative education"

Bis Dezember 2014 konnten syrische Flüchtlinge beim Grenzübertritt in den Libanon ein sechsmonatiges Touristenvisum beantragen. Alle sechs Monate konnte dies bei der General Security, einer Behörde, die auch als Nachrichtendienst fungiert, verlängert werden. Syrische Flüchtlinge durften auch arbeiten. Allerdings nur in drei Bereichen: Landwirtschaft, Reinigung, Bau. Der syrische Reisepass ist für sechs Jahre gültig.

Der Krieg in Syrien dauert bereits seit fünfeinhalb Jahren. Viele syrische Pässe sind inzwischen abgelaufen. Bei der syrischen Botschaft können die Flüchtlinge kaum einen neuen beantragen. Menschen, die Syrien wegen der dortigen Bedingungen verlassen haben, verweigert die Botschaft eine Verlängerung. Syrische Flüchtlinge im Libanon rutschen in die Illegalität ab. 

Nach Januar 2015

Seit Januar 2015 sind die libanesischen Grenzen für syrische Flüchtlinge praktisch dicht. Syrische Palästinenser dürfen bereits seit 2014 nicht mehr einreisen. Seit Januar 2015 gelten im Libanon für syrische Flüchtlinge Visa-Bestimmungen. Diese gelten auch rückwirkend für alle vor Januar 2015 eingereisten Syrerinnen und Syrer. Ebenso für alle, die sich bei der UN als Flüchtlinge haben registrieren lassen.

Sieben Visagründe

  • ein Flug ins Ausland vom Beiruter Flughafen (ohne gültigen syrischen Reisepass nicht möglich)
  • ein Termin bei einer Botschaft, den man auch mit einem Schreiben der Botschaft belegen muss
  • ein vorgesehener Krankenhausaufenthalt, belegt durch ein nach Syrien gefaxtes Krankenhausschreiben
  • ein Studium an einer libanesischen Universität, wenn man eine Zulassung vorweisen kann
  • ein Urlaubsaufenthalt oder eine Geschäftsreise
  • die Einladung eines libanesischen Staatsangehörigen
  • oder – wenn man ein Flüchtling ist

Nicht offizielles Flüchtlingscamp nahe des libanesischen Aanjar. Hier leben 55 Familien.

In allen Fällen muss der Antragsteller zusätzlich nachweisen, dass ausreichend finanzielle Mittel vorhanden sind, um den eigenen Aufenthalt zu finanzieren. Unter den Visa-Grund „Flüchtling“ fallen keine Personen, die nach Folter oder sexueller Gewalt durch eine der Kriegsparteien das Land verlassen wollen oder weil sie politisch verfolgt werden. Der Libanon versteht unter „Flüchtlingen“ stattdessen

  • unbegleitete Minderjährige, von denen ein Elternteil eine offizielle Aufenthaltserlaubnis im Libanon hat
  • Menschen mit Behinderung, von denen ein Verwandter eine offizielle Aufenthaltserlaubnis im Libanon hat
  • Menschen, die dringend medizinische Hilfe benötigen
  • Menschen, die über den Libanon in einen Drittstaat weiterreisen

Nach diesen neuen Regelungen verzeichneten die Vereinten Nationen einen Rückgang der Flüchtlingszahlen um 80 % - im Zeitraum Januar bis März 2015. Im April 2015 wies die libanesische Regierung die UN außerdem an, alle seit Januar 2015 eingereisten und registrierten Flüchtlingen zu deregistrieren.

Syrische Flüchtlingskinder im Libanon | Bild: Rebekka Preuß zur Übersicht Zeltschule e.V. - Ein Münchner Verein hilft Schulunterricht für Flüchtlingskinder im Libanon

Eine Zeltschule für syrische Flüchtlingskinder im Libanon. Das ist das Ziel des Münchner Vereins „Zeltschule e.V.“ Denn derzeit haben nach Schätzungen 500.000 bis 700.000 dieser Flüchtlingskinder keine Chance, eine Schule zu besuchen. [mehr]

Im Mai 2015 ordnete die libanesische Regierung an, dass die UN keine weiteren Flüchtlinge registrieren dürfe, da die Flüchtlingskriterien der UN nicht denen der libanesischen Regierung entsprechen. Alle bislang registrierten Flüchtlinge mussten außerdem einen Eid unterschreiben, dass sie im Libanon nicht arbeiten werden, noch nicht mal in den drei bislang erlaubten Bereichen: Landwirtschaft, Reinigung, Bau. Syrische Flüchtlinge im Libanon dürfen also nicht arbeiten und erhalten keine staatlichen Hilfen. Sie müssen aber trotzdem die Miete für ihre Zelte oder anderen Behausungen bezahlen. Sie müssen Essen kaufen oder in vielen Fällen Arztkosten begleichen.

"Neuerdings gilt auch unser syrischer Führerschein im Libanon nicht mehr. Wir müssten hier eine komplett neue Prüfung machen. Das kann man sich nicht leisten. Wir leben hier mehr und mehr in einer Blase. Ich fühle mich nicht sicher. Und meine gepackten Koffer stehen immer an meiner Tür. Ich kann hier nur überleben, weil ich freischaffende Künstlerin bin und meine Bilder ins Ausland verkaufen kann. Ich muss der Regierung Belege vorlegen, dass ich ausschließlich aus dem Ausland bezahlt werde. Im Libanon selbst darf ich nichts verkaufen."

Diala Brisly

Bildungsnotstand – „Lost Generation“

Das Problem vieler erwachsener Flüchtlinge ist, dass sie sich mittlerweile illegal im Land aufhalten. Mit Schwarzarbeit verdienen sie kaum genug für sich und ihre Familien und leben immer in der Angst, entdeckt zu werden.

Wie geht es den Kindern?

Flüchtlingzahlen

Gesamtzahl: 4,808,229 Millionen


In die Nachbarstaaten Syriens

  • Türkei: 2,724 Millionen
  • Libanon: 1,033 Millionen
  • Jordanien: 656.198
  • Irak: 249.395


Nach Europa: 1.095 Millionen
Nach Bayern: 53.836 (Zeitraum April 2011 – Juni 2016, Statistik des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge)
Bayern ist flächenmäßig fast sieben Mal größer als der Libanon
Im Libanon leben 1,033 Millionen syrische Flüchtlinge
In Bayern haben 53.836 Tausend syrische Flüchtlinge einen Asylantrag gestellt

Viele Kinder leben in einem Teufelskreis. Sie müssen ihre Eltern finanziell unterstützen. Das heißt: Kinderarbeit verrichten. In der Bekaa-Ebene, die ich im August bereist habe, ist gerade Erntezeit. Die Transporter der Landwirte fahren in die Camps. Die Kinder springen auf die Ladeflächen und nach einem ganzen Tag auf den Feldern bei 40 Grad werden sie wieder im Camp abgeladen. Dafür gibt es maximal vier US-Dollar am Tag. Das funktioniert allerdings nur während der Erntezeit.

In Beirut betteln Kinder auf der Straße, putzen Schuhe oder verkaufen Kaugummis an wartende Autofahrer im Stau. Ein syrisches Flüchtlingskind kann nur dann eine libanesische Schule besuchen, wenn seine Eltern eine gültige Aufenthaltserlaubnis haben. Außerdem müssen sie den Transport bezahlen können und die Schulmaterialien. Für viele Kinder scheitert der Schulbesuch bereits an Punkt 1: ihre Eltern haben keine gültigen Papiere.

"Allein in der Bekaa-Ebene haben rund 300.000 syrische Kinder keine Chance, eine Schule zu besuchen."

Ranim Ibrahim, früher Apothekerin in Damaskus

"Alphabet-Lehrer" Yehia Alfares ist selbst vor drei Jahren aus Syrien geflohen. Jetzt unterrichtet er 130 Kinder in einem Camp nahe Aanjar.

Kinder aus Syrien haben oft große Wissenslücken. Entweder konnten sie bereits in Syrien keine Schule mehr besuchen, zum Beispiel weil das Gebäude zerstört wurde, und/oder Lehrer gestorben sind. Oder sie waren so lange auf der Flucht, dass sie einzelne Buchstaben oder sogar Lesen, Schreiben, Rechnen ganz vergessen haben.

Viele syrische Flüchtlingskinder steuern geradewegs in den Analphabetismus. Doch auch auf ihren Schultern liegt die Zukunft ihres Heimatlandes. Die Initiative von Ranim Ibrahim möchte verhindern, dass die Kinder zu einer verlorenen Generation werden.


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