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Zwischen Rohrmuffe und Gartenschaukel Im Baumarkt zuhause

Der Baumarkt ist ein Kaleidoskop unserer Gesellschaft, ein Ort für Macher und solche, die es werden wollen. Was macht so einen Baumarkt aus? Und was unterscheidet ihn von den Onlinehändlern, die der Branche immer mehr Umsatz abgraben?

Von: Tobias Föhrenbach

Stand: 12.06.2019 | Archiv

Ein Freitag-Abend im Bauhaus in Stein bei Nürnberg. Es ist nach 20.00 Uhr. An normalen Freitagen würden hier jetzt die Lichter ausgehen, sich die Mitarbeiter auf den Heimweg machen und die zahlreichen Gänge zwischen den Warenregalen verwaist zurücklassen. Es ist jedoch kein normaler Freitag, Bauhaus hat zur Womens' Night geladen.

Legendäre Frauen-Handwerker-Session im Bauhaus

Trotz gleißender Marktbeleuchtung lässt sich in den Augen der Geschäftsführung ein fröhliches Funkeln erkennen, denn es sind mehr Frauen gekommen als erwartet. Ob das allein an der Absicht liegt, hier gleich etwas über Trockenpaneele, Laminatschneider, Akkuschrauber und Fliesen zu erfahren? Oder tragen vielleicht auch der gut frequentierte Prosecco-Stand, die Knabbereien-Auslage und das extra einbestellte Friseurteam Bachmann aus Roßtal zu einem erhöhten Interesse bei?

Eine Frau kauft Fliesen in einem Baumarkt.

Es wird immer voller. Die Marktleitung begrüßt die Teilnehmerinnen und gibt einen Überblick über anstehenden Workshops. Während manche Frauen selbstbewusst im Eingangsbereich posieren und bereits erste Notizen vermerken, schleichen andere, vor allem jüngere Teilnehmerinnen noch etwas unsicher um die aufgestellten Paletten. Hier wird ein anstehender Hausbau als Motiv angegeben, dort eine lustige Verabredung zum 30. Geburtstag. Dann fällt der Startschuss zur Womens' Night und die gut 60 Damen verteilen sich in den Werkzeugstraßen bei den Stationen der auf sie wartenden Handwerkerprofis.

Der Fliesenleger-Workshop stößt auf großes Interesse

Beim Trockenbau wird nicht lange rumgetextet, sondern schweres Gerät aufgefahren. Zwei Gänge weiter beim Erfahrungsfeld 3D Wandpaneele läuft es etwas ruhiger ab, und irgendwie auch einsilbiger. Von Kundenseite aus zumindest. Denn die Informationsmenge scheint etwas überhand zu nehmen. Integrativer geht es da auf der anderen Hallenseite ab, Fliesenleger Benny ist umringt von einer großen Schar Frauen. Aber das rüttelt nicht an seiner Souveränität, im Gegenteil. Man merkt, er macht das nicht zum ersten Mal.

"Am besten ist es, wenn man gerade von oben nach unten streicht. Das gewährleistet mir dann, dass meine Kleberschrägen alle relativ gleich sind. Also die Zahnung kann natürlich jeder halten wie er will, aber ich mache das halt so, weil ich es so gewohnt bin. Und auch nicht ganz flach und auch nicht im 90-Grad-Winkel, sondern so ideal 43,7 Grad. Nein Schmarrn, na halt so leicht schräg. Damit ordentlich was drauf bleibt."

Benny, Fliesenleger

Fachkundig, unterhaltsam und kurzweilig sieht sein Programm aus. Vormachen, Fragen zulassen und Verantwortung abgeben lautet die Devise. Für Simone aus Oberasbach und Kerstin aus Nürnberg ist Benny nicht nur optisch ein Gewinn, sondern auch fachlich. 30 Quadratmeter Wohnzimmerboden neu fliesen – das ist ihr Vorhaben für zuhause. Im Team geht’s an die Übungswände.

"Sie wollen natürlich viele für mich jetzt einfache Fragen wissen, aber das Schöne ist: wenn man das auch vernünftig erklärt und ernst nimmt, ist es bei den Damen auch so, dass die sich da nicht auf den Schlips getreten fühlen, oder dass die das dann auch wirklich so aufnehmen, wie es sein soll. Was bei Männern manchmal eher auf Gegenwind stößt. Ist einfach so. Wir machen heute hier nur die absoluten Basics und vernachlässigen so ein bisschen die Fliesentechnik, gerade was bei uns in Deutschland Normenwerke usw. angeht. Wir machen es zwar einigermaßen so, wie es für den Hausgebrauch sein sollte, aber um Fliesenleger zu werden, gehört natürlich mehr dazu, als an einem Abend im Baumarkt das Ganze mal zu üben."

Benny, Fliesenleger

Die Heimwerkerbranche muss viel aushalten können

Gibt es Leute bei uns in Deutschland, die noch nie im Baumarkt waren? Unvorstellbar. Die Heimwerkerbranche muss viel aushalten können. Hohn und Spott kursieren über sie zuhause, auf der Straße, im Netz. Erlebnisse aus dem Baumarkt eignen sich sowohl für den Smalltalk, als auch für die fortgeschrittene Party am Wochenende. Die Baumärkte sind wetter- und konjunkturabhängig, Vorurteile über unmotivierte und unsichtbare Marktmitarbeiter scheinen allgemeiner Konsens zu sein.

Die Baumarkt-Branche – eine Spielwiese für Werbeagenturen

Was man der Branche nicht vorwerfen kann, ist der fehlende Konkurrenzkampf. Für den Kunden durchaus eine lohnende Sache und äußerst unterhaltsam obendrein. Für Werbeagenturen eine riesige Spielwiese. Das fast schon penetrante Branding – wie man in der Werbesprache sagt – hat unter den Baumarktgiganten Konjunktur. Und das seit vielen Jahren, der Markt ist umkämpft, obwohl oder gerade weil vor 5 Jahren mit Praktiker ein Heimwerkerriese aufgeben und viele Kunden zurücklassen musste. Von Versorgungslücke – damals wie heute – keine Spur. Die Praktiker-Anhänger wechselten einfach zum Nachbarn.

Onlinehändler setzen Baumärkte unter Druck

Sowieso punkten Baumärkte nicht in erster Linie mit ihrem Sortiment, dieses ist nahezu überall identisch. Obi, Hagebau und Co. setzen den Fokus lieber auf Kundenservice und auf Preis-Leistung. Und das hat einen guten Grund, denn die Onlinehändler graben Ihnen den Umsatz ab. Nach einer aktuellen Studie hat sich zum Beispiel Amazon bereits 40 Prozent des Onlineumsatzes mit Heimwerker- und Gartenartikeln gesichert. Die einst unangefochtenen Heimwerkerunternehmen verlieren hier mehr und mehr den Anschluss. Do it yourself wackelt gehörig.

Baumärkte bieten mehr Service – und hoffen so auf mehr Kunden

Worin besteht also die eigentliche Legitimation für riesige Fachmärkte vor Ort? Durch die ganze Branche ist man sich einig – es ist das "Mehr" an Baumarkt, das den Kunden wieder in die Filialen treiben soll. Erlebniswelten, Seminare, Tagesaktionen, Präsentationen, Kooperationen. Projekte verkaufen, statt einzelne Artikel. Durch das Mehr an Service erhofft man sich das Mehr an Kundschaft. Auf Platz 1 der beliebtesten Baumärkte in Deutschland steht das Familienunternehmen Hornbach.

Hornbach setzt auf das Thema Smarthome

In diesem Frühjahr hat man in fast allen Filialen das Thema Smarthome in den Mittelpunkt gerückt. Auf eigens installierten Projektflächen soll das digitale Wohnen präsentiert werden. Hornbach bietet dafür Komplettlösungen an und klärt die Kunden mit kleinen Vorführungen über die Vernetzung zuhause auf. Wie Silke Döll im Hornbach Bamberg.

"Wir können jetzt mal anfangen mit dem Thema Sicherheit, zum Beispiel Rauchmelder, Sirenen usw. Man muss da immer anfangen mit dem Herzstück: die Gateway. Und dann kann ich eben sagen, ok ich möchte jetzt meinen Rauchmelder mit vernetzen. Er würde mir dann ein Signal geben, wenn zuhause etwas ist. Auf mein Handy. Genauso funktioniert es mit dem Heizungsthermostat. Ich stelle mir mein Heizungsthermostat auf eine gewisse Gradzahl ein. Wenn ich jetzt sage, ok, ich möchte es ein bisschen wärmer haben, wenn ich nach Hause komme, könnte ich dieses Thermostat über das Handy regeln. D.h. ich kann einzelne Zimmer separat ansteuern und sagen, im Badezimmer möchte ich ein bisschen mehr Temperatur haben, dann stelle ich die über mein Handy ein. Und wenn ich nach Hause komme, habe ich ein warmes Badezimmer."

Silke Döll, Hornbach Bamberg

Vorführeffekt: Wenn der Saugroboter nicht will…

Viel ausprobieren lässt sich hier übrigens nicht, allerdings sind die Mitarbeiter präsent und nehmen sich für interessierte Kunden die Zeit, die sie brauchen. Die Vorführung des automatischen Saugroboters zum Beispiel benötigt gerade viel Zeit. Gestern ging er doch noch. Und heute will er einfach nicht. Zehn Minuten später sind zwei Hornbachmitarbeiter mit dem Roboter beschäftigt. Endlich, das Wort "Vorführeffekt" fällt. Der Roboter sucht das WLAN-Signal, er muss noch ein bisschen aufgeladen werden.

Viel Servicekompetenz, großer Einsatz

Einen Rundgang und weitere zehn Minuten später sind es drei Mitarbeiter, denn der stellvertretende Marktleiter ist auch noch hinzugekommen. Ob die anderen Kunden jetzt noch freie Mitarbeiter finden? Das Ganze nimmt Loriot-artige Züge an. Mach es zu Deinem Projekt! Chapeau – Aufgeben kommt hier für niemanden in Frage. Geht nicht, gibt’s nicht. Und tatsächlich: Kaum droht man dem Saugroboter, ihn ungesehen zu verlassen, will er nun doch zeigen, was er kann. Ganz fleißig, ganz smart. Die Szene zeigt, so viel geballte Servicekompetenz, so viel Einsatz hätte man bei einer Onlinebestellung sicherlich nicht erlebt.

Der Branchenprimus: Obi

Trotz der Gefahr der Orientierungslosigkeit und der immer bequemeren Bestellmöglichkeiten von zuhause aus, ist ein Besuch vor Ort für viele Pflicht! Die Deutschen lieben Ihre Baumärkte. Doch was treibt sie hierher? Was Hornbach im Bereich Beliebtheit ist, ist Obi beim Thema Umsatz: Marktführer. Der Branchenprimus hält Deutschlandweit ein Filialnetz mit 350 Heimwerkermärkten und weltweit 45.000 Mitarbeitern – Stand 2018. Ein gewöhnlicher Samstagnachmittag im Obi Fürth. Es brummt, es wimmelt, es wird gesucht und gefunden. Hinein ins Heimwerker-Glück!

Ein Tag im Baumarkt – wie eine Lebensschule

Mit einem Projekt rein, mit fünf anderen raus – so könnte man die Einkäufe der meisten Obi-Kunden in Fürth zusammenfassen. Ein Tag im Baumarkt ist wie eine Art Lebensschule, mit Expertentipps, skurrilen Geschichten und Projekten und heilsamen Momenten der Selbsterfahrung. Hier trifft man auf alle Schichten der Gesellschaft, hier hilft man sich, hier kann man so schön nerdig sein, wie nirgendwo sonst. Baumärkte müssen in Deutschland unbedingt weiter Bestand haben und wären sie alle existenziell bedroht, dann sollte eine groß angelegte Spendengala zur Rettung der quirligen Erwachsenen-Horte abgehalten werden. Wir sind Baumarkt, egal wann, egal wie, egal wo.


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