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Stoff gewordene Leidenschaft Das Geschäft mit den Fußball-Trikots

Fußballspieler werden heutzutage verehrt wie Heilige. Ihre getragenen Trikots werden als Reliquien vermarktet. Für die einen ist das ein gutes Geschäft. Andere tun Gutes – die Organisation "Trikots ohne Grenzen" zum Beispiel.

Von: Matthias Rüd

Stand: 08.04.2020 | Archiv

Der Kleiderschrank von Carlos ist eine Art textilgewordener Heiligen-Schrein der Fußballgötter. Auf weißen Kleiderbügeln hängen vierzig Trikots fein säuberlich nebeneinander. Trikots der größten internationalen Fußballmannschaften. Das Besondere an dieser Sammlung? Alle Devotionalien sind in Kindergröße Denn Fußballfan Carlos ist erst sieben Jahre alt.

"Das Trikot ist von Paulo Dybala von Juventus. Und das ist das Einlauftrikot vom Club, das habe ich zu meiner Taufe bekommen, von meinem Patenonkel."

Carlos, Fußballtrikot-Sammler

Carlos trägt nicht nur beim Vorführen seiner Sammlung in seinem Kinderzimmer im Nürnberger Süden Fußballtrikots, sondern auch in der Schule, bei Freunden und Familientreffen. Er mag es, wenn auf seinem Rücken die Nummer seiner Lieblingsspieler prangt und darüber der Name seines Idols.

"Ich finde das halt toll, dass die Trikots so schöne Farben haben – weiß-rot oder schwarz-weiß oder nur rot. Das finde ich das schönste an den Trikots."

Carlos, Fußballtrikot-Sammler

Carlos Heiligtum: ein weinrotes Trikot des 1. FC Nürnberg

Carlos hat einen spendablen Onkel, der ihn immer wieder mit den teuren Trikots versorgt, er spart aber auch sein Taschengeld für neue Schätze. Viele seiner bisherigen Schätze im Schrank sind an sich nur Merchandise, also Trikots, die der Star selbst nie gesehen, nie berührt, nie getragen hat. Doch nicht so das Heiligtum von Carlos: ein weinrotes Trikot des 1. FC Nürnberg.

"Das Trikot, das sieht man zwar nicht mehr so gut, aber da wurde hier auf dem ganzen Trikot unterschrieben."

Carlos, Fußballtrikot-Sammler

 Die einen machen mit Fußball Geld, andere tun Gutes

Die Unterschriften der Mannschaft sind schon im Stoff verschwunden – die Begeisterung bleibt. Fußball emotionalisiert. Die einen machen damit Geld, verkaufen millionenfach Trikots – andere tun Gutes.

"Bei mir persönlich ging es 2006 los. Ich hatte ein Patenkind in Simbabwe, das habe ich monatlich mit ca. 25 Euro unterstützt und dann kam irgendwann die Idee, warum kann man nicht mehreren Kindern gleichzeitig helfen. Ich selber bin großer Fußballfan. Da habe ich mich immer gefreut, wenn ich ein schönes Trikot gesehen habe und habe mich dann gefragt: Was kann man denn da machen?"

Jens Möller, Trikots ohne Grenzen

Berühmte Spieler spenden ihre Trikots für den guten Zweck

Jens Möller aus Wendelstein macht etwas – er gründet zusammen mit einem Freund die Organisation "Trikots ohne Grenzen". Anfangs wollen die Beiden noch ganze Sets an Fußballtrikots nach Afrika schicken, dort Spieler damit einkleiden, doch dann entscheiden sie sich für einen anderen Weg. Jens Möller schaffte es mit viel Hartnäckigkeit, an wertvolle Trikots zu kommen – gespendet von berühmten Spielern selbst, ihren Agenturen oder den Vereinen. Ein- bis zweimal im Jahr versteigern sie seitdem diese Trikotsammlung auf ihrer Internetseite – mit großem Erfolg. Wahre Fans sind bereit, viel Geld in die Hand zu nehmen für ein Stück Stoff, in das im besten Fall ihr Idol geschwitzt hat.

3.121 Euro für ein Trikot

"Es kommt drauf an, von wem ein Trikot kommt. Unter den erfolgreichsten Trikots der letzten Jahre war ein Trikot von Bastian Schweinsteiger. Das war kurz vor seinem Karriereende und hat 1.000 Euro gebracht. Dann haben wir die letzten Jahre auch Kontakt zur Agentur von Jürgen Klopp und der unterstützt uns auch. Da haben wir ein Liverpool-Trikot, von ihm signiert, für 1.000 Euro versteigern können. Aber das allererfolgreichste Trikot, das wir jemals hatten, das war 2014 ein signiertes DFB-Trikot von der Weltmeistermannschaft – das konnten wir für 3.121 Euro versteigern."

Jens Möller, Trikots ohne Grenzen

Und dieses Geld hilft längst schon nicht mehr nur dem einen Patenkind von Jens Möller in Simbabwe. Das Fußballtrikot, das früher dem Spieler Glück gebracht hat, tut dies nun da, wo Hilfe dringend gebraucht wird.

"Jetzt sind es größere Summen, mit denen man wirklich was bewegen kann. Wir haben Spielplätze bauen lassen, Sportplätze in Flüchtlingscamps, wir haben Erdbebenopfer in Nepal unterstützt. Und ich finde nach wie vor, dass unser Modell sehr schön ist, weil wir auch den Leuten, die das Trikot kaufen, eine besondere Freude machen. Die hängen das auf, tragen es zu besonderen Anlässen, haben es in ihrem Schrein, die sind glücklich und das kriegen wir auch als Rückmeldung – also das ist eine Win-Win-Situation für alle."

Jens Möller, Trikots ohne Grenzen 

Globaler Wettstreit um Trikots – nicht nur von Fußballern

Doch selbst für Trikot-Sammler mit den besten Absichten wie Jens Möller wird es immer schwieriger, an wirklich gute Trikots zu kommen, denn weltweit ist ein wahrer Wettstreit um diesen ganz besonderen Stoff entbrannt. Die Trikot-Szene ist riesig, gut vernetzt und extrem hungrig.

"Hier ein blaues Trikot der französischen Nationalmannschaft von Michel Valière mit allen Patches, mit Spielspuren drauf. Das ist auch etwas, was es für Sammler wertvoll macht, wenn es Spuren hat, wenn man sieht, dass es getragen wurde und ja, das hat er mir eben damals vermacht."

Roland Wittmann, Trikot-Sammler

Die Sammlung von Roland "Muggl" Wittmann

Roland Wittmann, in der Szene bekannt als Muggl, bezeichnet sich selbst als Eishockey-Nerd, als Superfan. Und das stimmt, wenn man einen Blick in seinen Keller wirft: Auf mehreren riesigen Kleiderständern hängt Eishockey-Geschichte.

"Also vor uns ist meine Trikotsammlung, es sind alles in allem ca. 450 Trikots aus aller Welt, von allen möglichen Teams, vor allem auch von den Nürnberger Mannschaften, aber auch Raritäten aus Amerika, Kanada, Neuseeland, China, eben aus aller Welt im Endeffekt."

Roland Wittmann, Trikot-Sammler

Jedes Stück Stoff erzählt eine Geschichte

Seit mehr als 30 Jahren sammelt Roland Wittmann nun schon Eishockey-Trikots – und kann weiter nicht genug davon bekommen. Für ihn – wie auch für viele seiner Sammlerkollegen – hängt hier nicht nur ein schnödes und oft schon in die Jahre gekommenes Stück Polyester.

"Jedes Trikot hat eine gewisse Geschichte hinter sich. Es kann sein, dass ein Spieler ein Jubiläumsspiel hatte, dass er ein besonderes Tor geschossen hat, dass er in der Saison was Besonderes erreicht hat und so erzählt jedes Stück Stoff eben eine Geschichte."

Roland Wittmann, Trikot-Sammler

Dass er mit dem Wert seiner Trikot-Sammlung mittlerweile gut ein Haus anzahlen könnte, stört den Eishockey-Fan wenig. Er lebt für seine Leidenschaft und bezahlt dafür auch gerne den für ihn angemessenen Preis.

"Es gehört eine Leidenschaft dazu. Das Ganze ging mit der Leidenschaft für Eishockey los. Meine ganze Freizeit dreht sich um den Sport Eishockey und dann ist das eben ein großer Teil meines Lebens."

Roland Wittmann, Trikot-Sammler

Trikots: teures Stück Stoff oder Stoff gewordene Leidenschaft

Für die einen ist ein ziemlich teures Stück Stoff, Teil einer milliardenschweren Marketing-Maschinerie, für die andere ist das Trikot gelebte Erinnerung, Emotion und eben Stoff gewordene Leidenschaft. Jens Möller von "Trikots ohne Grenzen" hofft, dass er damit noch länger Geld für den guten Zweck sammeln kann – und auch er hat ein Traumtrikot im Kopf, dass er gerne noch haben würde.

"Es ist besonders schwierig, an Bayern-Trikots heranzukommen. Was so die Königsklasse an Trikots wäre, wären matchgetragene Trikots, das heißt Trikots, die tatsächlich im Spiel getragen wurden und dann vielleicht auch signiert sind. Super wäre es, wenn es dann noch ein Spieler wäre, der das Spiel geprägt hat. Da würde ich mir wünschen, dass wir vom FC Bayern mal so ein Trikot bekommen würden. Sowas hatten wir noch nicht. Ein Bayern-Trikot, matchgetragen aus einem wichtigen Spiel, das wäre eine feine Sache."

Jens Möller, Trikots ohne Grenzen

Eine feine Sache für den guten Zweck – und vielleicht hören ja Karl-Heinz Rummenigge oder Thomas Müller zu.


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