Bayern 2 - Hörspiel


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Andreas Thom Baal

Stand: 28.07.2016

Wolfram Berger | Bild: BR/Stefanie Ramb

Baal heißt im Hebräischen Herr, Meister, Besitzer, Ehemann, König oder Gott. Möglich also, dass Ambros Maria Baal in dem Roman von Andreas Thom alle diese Epitheta wahnhaft auf sich beziehen mag. Andreas Thom nennt seinen expressionistischen Roman von 1918 Ambros Maria Baal allerdings „Roman einer Lüge“. Wo finden wir die Lüge? Baal ist ein reiches Jüngelchen, Sohn eines vermögenden Bankiers, dem durch seine mehr als gesicherte Lebensgrundlage jedes Konzept für ein glückliches Leben fehlt. Folgerichtig glaubt er, das Leben habe „nur einen einzigen Inhalt, und der ist animalisch: sich selbst zu erhalten. Wie der Einzelne das löst, ist für den Zweck belanglos“. Indem man rigoros, meint Baal, sein Glück einfordert, und wenn es über Leichen geht. Da er in jeder Hinsicht von seinem Vater abhängig ist, dessen Geld er deshalb hasst, kann der auch in jeder Hinsicht in sein Leben eingreifen: eine Heirat wird zur dynastischen Verfügung angeordnet; die Mittel werden gekürzt, wenn der Vaterhass überhandnimmt. Die Zweckehe bietet beiden Eheleuten die Möglichkeit, ihrer gegenseitigen Abneigung durch ungehemmte Machtspiele zur Blüte zu verhelfen. Baal behält die Oberhand. Bevor Baal sich und das Erbe zugrunde richtet, zerstört er alle, von denen er abhängt.

Mit der Figur des "Baal" schuf Andreas Thom den Prototyp eines dekadenten negativen Helden, der auch Bertolt Brechts Theaterstück Baal beeinflusste.

Die Hörspielfassung folgt dem Roman in leicht gekürzter Form. Die Herausforderung war es, dem expressionistischen Duktus, der Knappheit der Sprache zu folgen, Literatur Literatur bleiben zu lassen und nicht in szenische Opulenz zu verfallen. Das wurde durch Konzentration auf die Sprache durch EINE Stimme erreicht, die dennoch durch Montage aus unterschiedlichen Haltungen und Ebenen in radikaler Künstlichkeit prismenartig zusammengesetzt wird.

Andreas Thom: Baal

Mit Wolfram Berger

Bearbeitung und Regie: Ulrich Gerhardt
BR 2016

Andreas Thom, eigentlich Rudolf Csmarich, geb. 1884 in Wien, gest. 1943 ebenda, Autor. 1903–34 Volksschullehrer in Wien, zwischen 1918 und 1923 Arbeit als Lektor im Wiener Strache Verlag. Engagement für den österreichischen Expressionismus, befreundet mit Albert Paris Gütersloh, gefördert durch Franz Werfel, Thomas Mann, Stefan Zweig. Ab 1923 Vizepräsident des Schutzverbandes deutscher Schriftsteller in Österreich. Werke u.a. Lindeleid. Das Kind und die Leute (1913), Ambros Maria Baal (1918), Rufus Nemian. Roman aus dem Tierkreis Mensch (1921), Romanzyklus Der österreichische Mensch: Vorlenz, der Urlauber auf Lebenszeit und Brigitte, die Frau mit dem schweren Herzen (1930), Noch spielt ein Kind (1934), Das Sylvesterkind (1936), Die ungleichen Geliebten (1938).


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