Bayern 2

     

Hörspiel Eva Meyer: Das digital geborene Ich

Montag, 19-12-2011
8:03 nachm. to 9:00 nachm.

BAYERN 2

Zu Jelineks "Neid. Privatroman"
Mit Elfriede Jelinek und Eva Meyer
Realisation: Eva Meyer
BR 2011
Ursendung
Als Podcast verfügbar

Neid kann Methode sein, wenn man es will. Und Jelinek will es. Sie will "ich" sagen in ihrem "Privatroman" und das bedeutet: Neid. Aber Achtung: Ihr Ich ist digital geboren. Born digital nennt man digital Entstandenes, das, wenn aus dem Netz genommen, für immer verloren ist. Archiviert hingegen und von Jelinek jedem Kapitel ihres Romans vorangestellt ist das Bild vom Neid, wie Hieronymus Bosch ihn als eine der sieben Todsünden auf eine Tischplatte gemalt hat. Er versetzt uns in eine Zeit, in der die Prozession der Kreaturen sich außerhalb aller historischen Kategorien bewegt. Wer da "ich" sagt, will bestimmt nicht auf die Einheit seines Lebens in der Erinnerung abheben. Er stellt sein Ich in das Bild einer Kollektiverfahrung, für die selbst der Tod als die Grenze jeder individuellen Erfahrung keine Schranke darstellt. Überdies findet diese schrankenlose Kollektivierung des Privaten nicht in einem Printmedium statt. Sie wird im Internet einem Modernisierungsschub ausgesetzt. Kann schon sein, dass Jelinek damit ihre Haut zu Markte trägt, doch überbietet sie ihn auch und erfreut sich und uns einer neuen Freiheit: "Ein Buch hätten Sie zahlen müssen und eigens in den Papiermüll schmeißen, hier können Sie mich total rückstandslos entfernen, aaah! Ich fühle mich wie neugeboren, weil Sie mich ausgelöscht haben". Wollen Sie wissen, wie es weitergeht? Sie bekommen sogar "zwei Stück E.J. für eine", wenn Jelinek den Unterschied zwischen Wollen und Können mit ihrem Joy- nein, Neidstick bearbeitet. Da glauben wir immer, wir wären ganz privat. Und dann stehen wir plötzlich inmitten der Öffentlichkeit.