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Beim Schmiedemeister Warum japanische Klingen so teuer sind

Ein handgearbeitetes japanisches Schwert kann mehrere zehntausend Euro kosten. Muss das so teuer sein, fragte sich unser Autor Andreas Pehl und reiste nach Seki, um einem japanischen Schmiedemeister über die Schulter zu schauen.

Von: Andreas Pehl

Stand: 05.07.2018

Katana - Japanische Schmiedekunst | Bild: Andreas Pehl / BR

Es regnet. Ziemlich alleine stehe ich am Bahnhof Mino-Ota. Ich muss umsteigen in den Zug nach Seki. Gleis und Abfahrtszeit kann ich lesen, das stimmt mit den Angaben im englischen Fahrplan überein. Doch hier in Mino-Ota ist niemand auf Touristen eingestellt. Mit Englisch kommt man nicht weiter, aus den japanischen Durchsagen kann ich die Ortsnamen kaum heraushören. Ab jetzt muss ich mir die zwei kunstvollen Schriftzeichen merken, mit denen Seki auf Japanisch geschrieben wird. Mit einem kleinen Triebwagen geht es durch Reisfelder und Wälder weiter, das GPS-Signal auf dem Handy bestätigt: Die Richtung stimmt.

Entspannt Zugfahren ist anders: Bei jedem Halt vergleiche ich nervös GPS, Bahnhofsschild und meine Notizen. Und das alles, weil ich mir ein japanisches Messer für meine Küche eingebildet habe. Aber es sollte nicht so teuer sein, und so bin ich bei einem Discounter-Modell hängen geblieben, das noch nicht mal besonders scharf ist. Viel Lärm um nichts? Bei einem Japanbesuch wollte ich also unbedingt herausfinden: Was hat es auf sich mit den japanischen Messern und Schwertern?

Auf nach Seki

„Genießen Sie Japans uralte Traditionen und die wunderbare Natur! Die Stadt ist weltberühmt für die Produktion edler Klingen und steht auf Augenhöhe mit Solingen. Versäumen Sie es nicht, Seki zu besuchen!“ Das Faltblatt des Tourismusbüros wirbt mit eindrucksvollen Fotos für einen Besuch der Stadt.

Seki liegt etwas abseits der üblichen Tourismusrouten, um mit der Bahn dorthin zu kommen, braucht es Zeit. Aber die Mühe wird belohnt durch eine Fahrt mit dem JR Hida Limited Express: Die Wägen haben Panoramafenster, die Sitze sind beweglich und lassen sich um 180 Grad in oder gegen die Fahrtrichtung drehen. Der Zugbegleiter verbeugt sich höflich beim Betreten und Verlassen des Wagens. Über Lautsprecher werden die Reisenden auf die Sehenswürdigkeiten entlang der Strecke hingewiesen.

Der Mythos japanischer Klingen

Endlich ist es so weit: Schriftzeichen im Zug und an der Haltestelle und das GPS-Signal stimmen überein: Ich bin in Seki. Rund um den kleinen Bahnhof treffen japanische Architektur und Zen-Gärten auf graue, gesichtslose Wohnblöcke.

Im Seki Blacksmith Oral History Museum wird die Schwertschmiedekunst erklärt

Gleich neben dem Bahnhof gibt es in einem großen Plattenbau alles zu kaufen, was man irgendwie zum Schneiden verwenden kann: Küchen-, Taschen-, Klapp- und Jagdmesser, Gemüseschäler, Papier-, Verband- und Nagelscheren, sogar ein japanisches Küchenmesser, das meinem Exemplar enttäuschend ähnlich sieht... Hier erschließt sich mir der Mythos japanischer Klingen definitiv nicht. Doch nur ein paar Meter weiter liegt das modern eingerichtete „Seki Blacksmith Oral History Museum“, das Museum zur Schwertschmiedekunst: In Vitrinen blitzen unzählige Schwerter, Puppen in traditionellen weißen Schmiedegewändern stehen mit großen Hämmern in Händen um ein künstliches Feuer und einen Amboss.

Die Herstellung eines Schwertes dauert ein Jahr

„Schwerter haben für uns Japaner eine große Bedeutung für Zeremonien oder als Schutzsymbol. Manche Leute kaufen sich ein Schwert für die Familie oder zur Geburt eines Kindes – da gibt es viele Gelegenheiten.“ Fusataro Asano steht vor einem der besonders prächtig verzierten Katana, einem der ausgestellten Schwerter – ein wertvolles Exemplar aus der Samuraizeit. Asano ist etwas über 40, wirkt mit seinem lausbubenhaften Lächeln aber mindestens zehn Jahre jünger. Und irgendwie passt er so gar nicht ins Klischee: Er ist ein Meister der Schmiedekunst. In langwieriger Handarbeit stellt er selbst Katanas her, die je nach Ausführung mehrere zehntausend Euro kosten können. Bis zu einem Jahr dauert die Herstellung eines Schwertes vom rohen Stahl bis zum geschmückten, polierten Katana in der Scheide.

Dem Meister über die Schulter schauen

Die japanischen Klingen scheint ein fast schon mythischer Nebel zu umgeben. Wie ein Schwert entsteht, das ist ein Geheimnis. Die Schmiedemeister agieren oftmals im Verborgenen. Umso unglaublicher erscheint mir ein Vorschlag von Meister Asano: Wenn ich möchte, darf ich ihn in den nächsten Tagen in seine Werkstatt begleiten, die im 30 Kilometer entfernten Hashima liegt. Einem echten Schwertschmiedemeister über die Schulter schauen? Diese Gelegenheit lasse ich mir nicht entgehen.

Schwertschmiedemeister Fusataro Asano

Ich stehe in einer Hütte mit gestampftem Lehmboden. Die Wände hat Meister Asano nach traditioneller Art aus einem Bambusgeflecht gebaut und mit Lehm abgedichtet. Er hat aus einem Regal ein paar Brocken Tamahāgane geholt, silbrig glänzende, schwammartige Brocken aus rohem Stahl. Jetzt steht er in einer Grube im Boden. Hier ist sein Arbeitsplatz: die glühenden Kohlen, daneben der Amboss und die hölzernen Wassereimer, an der Wand ein kleiner Shinto-Schrein. Er zeigt mir, wie man traditionell das Feuer entzündet. Er legt ein wenig zusammengeknülltes Papier in die Esse und beginnt, ein Stück Stahl mit dem Hammer zu bearbeiten. Durch die Wucht der Schläge beginnt es zu glühen. „Das ist die traditionelle Art, Feuer zu machen. Diese Technik ist wichtig für uns japanische Schwertschmiede, früher war man davon überzeugt, dass so ein reines Feuer entfacht werden kann, da es aus dem Nichts entsteht.“

Meister Asano hält den glühenden Stahl an das Papier, das sofort zu Brennen beginnt. Mit der linken Hand bedient er einen alten Blasebalg, schüttet Kohle ins Feuer und bringt einen Brocken Tamahāgane zur Weißglut.

Für den Schmied ist Stahl etwas Lebendiges

Meister Asano bearbeitet das Erz wieder und wieder. Ein Schwert bedeutet ein Jahr Arbeit

„Für uns ist Stahl etwas Lebendiges. Alles entsteht aus diesem Stück Erz. Die unterschiedlichen Qualitäten, die verschiedenen Härten entstehen durch unser Können und unsere Technik. Dieser Prozess ist dabei unglaublich wichtig: Das Schmieden, das Reinigen und das Härten.“ Meister Asano bearbeitet den glühenden Stahlbrocken mit Hammer und Feuer wieder und wieder: Der rohe Tamahāgane-Stahl enthält noch zu viele Unreinheiten und der Kohlenstoff ist zu ungleich verteilt, als dass er daraus eine Klinge schmieden könnte.

Meister Asano schmiedet einen Barren bis er nur noch wenige Millimeter dick ist, dann faltet er ihn, erhitzt ihn wieder und schmiedet ihn wieder aus, faltet ihn erneut – bis zu zwanzig Mal wiederholt er diesen Vorgang, dann ist der Stahl für die nächsten Arbeitsschritte bereit. Mehr als 30.000 feine Lagen sind nun miteinander verbunden. Und damit die Klinge später sowohl extrem scharf aber dennoch flexibel bleibt, werden nun im Feuer eine oder mehrere Lagen eines härteren Stahls um einen weicheren Kern geschweißt. Dafür hat jeder Meister seine eigene, aufwändige Technik. Und auch nachdem die Klinge in tagelanger Arbeit in die richtige Form gebracht ist, ist das Schwert noch lange nicht fertig.

Ein kleiner Fehler ruiniert die Arbeit von Wochen

„Um ein Katana herzustellen, braucht man mindestens vier verschiedene Spezialisten. Ich kümmere mich um die Klinge. Anschließend wird es aufwändig poliert und geschliffen, dann graviert und schließlich muss man Griff und Scheide aus Holz bauen und die Metallbeschläge herstellen – jeder Arbeitsschritt dauert etwa drei Monate. Man braucht für ein Katana also ganz grob gesagt ein Jahr.“

Das erklärt auch den hohen Preis von mehreren zehntausend Euro für ein Katana. Hier in der Schmiede kann ein kleiner Fehler dazu führen, dass die Arbeit von Tagen, Wochen oder sogar Monaten ruiniert ist. Daher arbeiten die japanischen Schwertschmiede oft alleine und das hat wiederum zu ihrem geheimnisvollen Ruf geführt. Aber so sei das gar nicht, meint Meister Asano. „Das wirkt nur so. Die japanische Schmiedekunst ist kein Mysterium. Wir arbeiten allerdings sehr konzentriert, da wollen die meisten von uns nicht gestört werden. Außerdem ist die Arbeit nicht ungefährlich, und wir können nicht auch noch auf Zuschauer aufpassen. Wir müssen voll bei der Sache sein. Aber ein Geheimnis ist unsere Arbeit nicht.“

Meister Asano selbst ist das beste Beispiel dafür, dass es kein Geheimnis um die japanischen Klingen gibt. Er bietet inzwischen sogar Kurse an, bei denen Besucher unter seiner Anleitung an einem Tag ein eigenes Messer schmieden können – das allerdings mit seinen Klingen nicht vergleichbar ist. Und um mir das zu beweisen, holt er eine Schachtel heraus, in der ein japanisches Küchenmesser liegt. Es sieht fast aus wie das, das ich beim Discounter gekauft habe. Meister Asano lacht: „Das sind industriell gefertigte Messer, gestanzte Billig-Massenware, manchmal auch nur Made in China.“

Ein gutes Messer erkennen

Und wie kann man den Unterschied erkennen? „Unmöglich. Es ist fast unmöglich, den Unterschied zu sehen. Klar, Billigmesser erkennt man gleich, aber ein mäßiges von einem wirklich guten Messer zu unterscheiden, ist auf den ersten Blick nicht möglich. Die innere Struktur des Stahls ist unglaublich wichtig. Aber die kann man leider von außen nicht erkennen.“

Das Messer gleitet wie von selbst durch die Tomate. An der hauchdünne Scheibe erkennt man die die einzelnen Zellen des Fruchtfleischs

Die stilisierte Adlerfeder auf der Klinge verrät, dass das Küchenmesser in der Pappschachtel eine Handarbeit von Meister Asano ist. Er bringt mir ein Brett mit einer Tomate und ich darf testen. Das Messer liegt extrem gut in der Hand, ist optimal ausbalanciert und gleitet wie von selbst durch die Tomate. An der Schneide bleibt eine hauchdünne Scheibe kleben, an der ich die einzelnen Zellen des Fruchtfleischs und darunter das Muster des Stahls erkennen kann – in diesen wenigen Augenblicken ist mir nun endgültig klar geworden, welche Faszination eine gute Klinge haben kann. Und dass ich das Discountermesser ab sofort nur noch als Tortenheber einsetzen sollte.

Die Beiträge der Sendung

  • Beim Meister Mäuschen spielen - Japanische Schmiedekunst in Seki. Von Andreas Pehl
  • Im Zickzack auf 3609 Meter - Mit dem Zug zur Teufelsnase in den Anden Ecuadors. Von Thomas Becker
  • Nicht Street Art, Land Art - Figuren im Salzsee im Nirgendwo Australiens. Von Michael Marek

Die Songs der Sendung:

  • Pizzicato Five - They All Laughed
  • Paola Navarrete - El Mar

Moderation: Bärbel Wossagk


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