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Im Blitzlichtgewitter Unterwegs mit Unwetterjägern aus Franken

Heftige Unwetter können große Schäden anrichten und sogar Existenzen bedrohen. Doch es gibt auch Menschen, die Vorfreude auf Gewitter haben: Unwetterjäger, sogenannte Stormchaser. Wir haben uns getraut und Chaser aus Oberfranken begleitet.

Von: Tobias Föhrenbach

Stand: 25.07.2019 | Archiv

An einem freundlichen Donnerstagnachmittag weht eine leichte Brise aus Südwest über eine Anhöhe, zehn Kilometer südlich von Kronach. In Richtung Westen ist der Staffelberg zu sehen. Der Berg ist Christopher Pittrofs Lieblingstreffpunkt in der Region – sein Wohnort liegt nicht weit weg.

Blick vom Staffelberg auf den Gottesgarten

"Von diesem Punkt hat man eben einen guten Blick", erklärt Christopher. Wenn es zwischen Würzburg und Schweinfurt gewittert, gut 100 Kilometer entfernt, kann man es von dort schon blitzen sehen. "Vor allem nachts ist es dann spannend, und man kann dort zwei, drei Stunden verbringen und die Blitzshow genießen, wenn das Gewitter langsam auf einen zukommt." Sein Blick geht auf den tragbaren Windmesser in der Hand: 22 Stundenkilometer; nichts Aufregendes heute.

Stürme jagen, Fotos schießen

Tornado-Jäger in den USA

Christopher gehört zu einer kleinen Gruppe von Stormchasern aus Oberfranken. Stormchaser – ein Begriff aus den USA, in der Übersetzung bedeutet das Unwetterjäger. In den Vereinigten Staaten ist dieses Hobby recht verbreitet, bei dem gezielt Gewitter, Stürme und andere Wetterextreme angesteuert werden, um hautnah zu erleben, welche Kräfte da wirken und um außergewöhnliche Fotos zu schießen.

Die Szene in Deutschland ist dagegen sehr klein und steckt vergleichsweise noch in den Kinderschuhen. Seit Wochen macht sich unter den Stormchasern hierzulande eine spürbare Unruhe breit, denn das Jahr 2019 begann wettertechnisch gesehen unauffällig, zu unauffällig. "Wir haben dieses Jahr Flaute bisher", sagt Pittrof, "entsprechend scharren alle Wetterverrückten mit den Hufen, wenn die Karten mal wieder etwas bunter werden und die Chancen auf Gewitter steigen."

Eigene Wetterdaten und Radaranzeigen richtig auszuwerten, das haben die Unwetterjäger längst verinnerlicht. Niemand hört hier noch den landläufigen Wetterbericht, sie machen einfach ihren eigenen. Und wenn sich ein lohnendes Gewitter ankündigt, geht es los mit der Jagd.

Beachtlich und beängstigend

Der Autor fährt im Auto auf der A73 in Richtung Bamberg. Hinter ihm liegt ein Gewitter, in der Nähe von Nürnberg. Dort findet gerade "Rock im Park" statt, ein Musikfestival, dessen Besucher eigentlich jedes Mal Regenschauer abbekommen. Gleich ist ein Treffen mit den Unwetterjägern geplant. Regenklamotten und Windschutz fürs Mikro sind dabei. Aber ob das dem Gewitter standhält? Die Wolkenfront sieht schon recht beachtlich und beängstigend aus.

Doch auch nach vielen Kilometern Stormchasing bleibt das Unwetter aus. Die Gewitterzelle hängt irgendwie fest. Trotz Regen, Böen und Donner sind die Chaser Jan und Christopher noch nicht ganz überzeugt. Die Radardaten verhießen nichts Gutes. Auf einem tristen, aber äußerst windigen Autobahnparkplatz endet die Jagd. Die Unwetterjäger sind enttäuscht.

Oberfranken ist einfach keine gute Gewittergegend, sagen die Chaser. "Vor allem der Raum Kronach und Kulmbach ist einer der gewitterärmsten Orte in Bayern", sagt einer der beiden. Die bayerische Blitz-Karte der Versicherungen mit den Blitzschlägen in Bayern weißt die Rhön und Umgebung als Hotspot aus, ebenso das Alpenvorland, "westliches Mittelfranken geht auch noch einigermaßen. Je weiter man nach Norden kommt, desto dunkler wird die Karte" Ausdauer ist gefragt und vor allem Geduld, raten die erfahrenen Chaser.

Wetterverrückte und Wetterexperten

Anemometer und Windfahne im Einsatz

Auf dem Dach von Marius Block steht eine Wetterstation. "Die ist sogar tragbar, früher habe ich die auf das Autodach montiert und bin damit Chasen gefahren", erzählt er. Eine Fahne zeigt die Windrichtung, ein sogenanntes Schalenrad-Anemometer zeigt drehend die Windgeschwindigkeit, ein Temperatur- und Feuchtigkeitssensor ist enthalten und die Niederschlagsmenge wird auch noch gemessen. "Und das wird dann alles zur Station gefunkt und da wird das dann ausgewertet und ich kann das dann graphisch darstellen lassen."

Marius klappt seinen Rechner auf. Hier laufen alle Daten zusammen, hier finden sich die besten Fotos und Videos, die er in den zurückliegenden Jahren beim Chasen gemacht hat. Er gehört zum Chasing-Team Oberbayern, einer siebenköpfigen Gruppe von Wetterverrückten und Wetterexperten, die auch nicht davor zurückschreckt, große Distanzen auf sich nehmen, um Gewitter zu jagen. Heuer waren sie schon in Italien, Kroatien und Tschechien unterwegs.

Metertiefer Hagel in Mexiko

"In Italien hatten wir leider Pech. Hundert Kilometer westlich gingen die fetten Zellen hoch mit Großhagel, Orkanböen, was wir alles auch fotographisch festhalten wollen. Es kam auf uns zu und ist kaputtgegangen", berichtet Marius. "Und dann sind wir später noch durch die Hagelschneise gefahren, da war alles weiß, ein halber Meter hoch Hagel, auf den Feldern war alles unter Wasser, es war Wahnsinn. Dafür sind wir eigentlich da hin."

Dann halt in die USA

Riesige Hagelkörner

"Und in Kroatien haben wir auch eine Zelle erwischt, der Großhagel ist an uns vorbeigegangen, wir haben uns extra an eine Tankstelle gestellt, es kamen Naheinschläge, es hat geballert. Aber genau vor uns hat es sich dann gespalten und ja, dann haben wir keinen Hagel gesehen. Ich würde das gerne mal live erleben, so fünf, sechs Zentimeter-Hagel." Die Action, die macht halt viel aus, sagt Marius.

Wenn die Orkanböen kommen, verschwinden andere. Die Chaser gehen dann raus und filmen noch, was möglich ist. Mit den Stürmen Auge in Auge geht es quer durch Europa. Meist spontan, auf Zuruf, Fahrten ins Ungewisse. Und wenn in diesen Breitengraden doch zu wenig gehen sollte, wird kurzerhand auch mal ein Flug über den Teich gebucht.

Tornado in den USA

Marius war in den vergangenen sechs Jahren drei Mal in den USA – und hat dort Unglaubliches erlebt, erzählt er. "Das Land ist ewig weit, man kann sich das nicht vorstellen. Man fährt eine Landstraße … hundert Kilometer geradeaus sieht man die Straße noch, weil die Luft so klar ist und alles ganz flach ist und teilweise Steppenlandschaft und nichts weiter zu sehen ist."

Ein richtiger Roadtrip sei das gewesen. "Und dann irgendwann schießen die Gewitter hoch und es wird pechschwarz und was da passiert … ich habe Hagel erlebt, da war alles weiß, dick verhagelt und Orkanböen und Tornadobildung, zu sehen wie alles rotiert", berichtet Marius. Die Gewitter seien zehnmal so groß wie in Deutschland.

"Hautnah, so dass man die Saugzone spürt"

Der Sehnsuchtsort der Stormchaser-Szene weltweit ist die sogenannte Tornado Alley in den Great Plains. Sie erstreckt sich östlich der Rocky Mountains bis zum Mississippi, von Norddakota bis nach Texas. Von Mitte April bis Anfang Juni ist hier Hauptsaison für die Unwetterjäger. Riesige Gewitterfronten und Tornados – für die meisten ein Albtraum, aber eben nur für die meisten.

"Das ist halt die größte Leidenschaft", sagt Marius, "live einen richtig starken Tornado erleben und am besten hautnah, so dass man die Saugzone spürt." Der Wind wegt meist auf den Tornado zu, der dann die Luft nach oben wegsaugt. "Da möchte man am liebsten so nah dran sein, dass man den halt ganz groß sieht. Das ist der größte Wunsch, aber das ist unglaublich schwer, Tornados vorherzusagen."

Tornado über Kürnach

Ebenfalls wichtig für die Chaser ist es, die Wetterextreme live zu erleben und die Zusammenhänge und Entstehungsprozesse zu begreifen. Erkenntnisse, die sie der Allgemeinheit weitergeben wollen. Zum Beispiel durch den gemeinnützigen Verein "Skywarn", bei dem die Unwetterjäger ihre Daten und Beobachtungen veröffentlichen. Auch der Deutsche Wetterdienst greift hin und wieder auf die Angaben der in Bayern verteilten Chaser zurück.

Es blitzt, schüttet, stürmt

fotografiert 2013 bei Dasing

Drei Tage später fährt der Autor wieder raus auf Sturmjagd. Schwere Gewitter sind vorausgesagt. Es ist feucht, schwülwarm. Die Gewitterjäger sind optimistisch. Die Luft wirkt wie aufgeladen mit Energie, die sich irgendwann entladen muss. Bei Straubing blitzt, schüttet, stürmt es. Das muss wohl eine Superzelle sein.

Doch die Situation entwickelt sich zunehmend unübersichtlich. Zwar steht ein Treffen mit den Chasern an, aber die Faszination weicht langsam dem Unbehagen. Der Autor spürt: er sollte hier gerade eigentlich gar nicht sein. Dann endlich, in den Fluten taucht das Auto der Sturm-Jäger auf. Der Autor beeilt sich, durch das Unwetter ins Auto der Chaser zu kommen.

Blitzlicht über dem Brombachsee

Die Stormchaser Ruben und Christopher wägen die Gefahren ab. Dann verlassen sie samt dem Autor das Auto. Vom Rand eines Feldes ist zu sehen, wie in einiger Entfernung unzählige Blitze niedergehen. Die Kameras werden ausgepackt, Auslöser klicken. Per Langzeitbelichtung gehen die Blitzer ins Netz, 16 Sekunden lang wird jede Entladung eingefangen.

"Yeah und wow!"

Hat sich das gelohnt? "Ja, hat sich auf jeden Fall gelohnt. Wow. Hier waren so Querblitze gerade, mehrere Querblitze. Die habe ich auch drauf, weiter hinten im Berg, bei dem Windrad." "Jeder Blitz wird abgefeiert, obwohl wir das schon Jahre machen. Bei jedem Blitz – yeah, und wow! Das gehört einfach dazu. Man freut sich jedes Mal aufs Neue." Es kam sogar ein bisschen USA-Feeling auf, sagen die Chaser nachher. Obwohl es zwischenzeitlich so aussah, als würden sie aufgeben. "Wie es so oft ist. Das Stormchasing, die Strumjagd ist oft eine Achterbahnfahrt der Gefühle. Vom Frust in Ekstase haben dann nur ein paar Minuten gefehlt."


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