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Geschichte und Spektakel Die Wallenstein-Festspiele in Altdorf

Vor genau 400 Jahren, 1618, begann der Dreißigjährige Krieg. Daran erinnern auch die Wallenstein-Festspiele in Altdorf. Alle drei Jahre begibt sich die Stadt bei Nürnberg auf Zeitreise. Die Zuschauer erwartet ein historisches Spektakel.

Von: Horst Konietzny

Stand: 20.06.2018 | Archiv

Der Dreißigjährige Krieg war ein völkerschlachtendes Monstrum, dessen Wucht und Grausamkeiten heute noch Teil der kollektiven Erinnerung sind. Daran erinnern auch die Wallensteinfestspiele in Altdorf. Alle drei Jahre streifen sich rund 1.000 Altdorferinnen und Altdorfer ihre historischen Gewänder über und tauchen ab in die Geschichte. Vom 22. Juni bis zum 22. Juli widmen sie sich auch heuer in dem Volksstück von Franz Dittmar dem einen wilden Studentenjahr, das der einstige Feldherr Wallenstein in Altdorf verbracht hatte und zeigen zusätzlich das berühmte Drama von Friedrich Schiller. Ein wallensteinsches Doppel-Feature also, das mit professionellen Regisseuren einstudiert wird und in ein historisches Feldlager eingebettet ist.

Ein Volksstück aus dem Jahr 1894

Rückblick: Irgendjemand erinnerte sich im Jahre 1894 daran, dass es einen wahren Vermarktungs-Schatz in Altdorf zu heben gab. Geradezu eine Premiummarke des Dreißigjährigen Krieges: "Wallenstein". Die Berichte über ein paar wilde Monate aus dem Studentenleben des berühmten Feldherren schlummerten im Stadtarchiv. Und die Idee war geboren. Ein Volksstück musste her, der Lehrer Franz Dittmar fand sich bereit es aufzuschreiben und so ist das Stück bis heute im Repertoire.

"Dieses Stück, das der Herr Dittmar 1894 geschrieben hat, das hat ein paar Komponenten von Shakespeares Romeo und Julia. Der Wallenstein liebt die Tochter des Pastors und der ist eigentlich sein Feind. Es gibt auch so eine Art Balkonszene, wo er ihr ein Ständchen bringt und sie oben am Fenster steht. Die andere Geschichte ist, dass diese Studenten, die durchaus wilde Burschen gewesen sein müssen, die haben durch den Erlass der Stadt plötzlich eine Einschränkung der akademischen Freiheit vor sich. Also, sie müssen die Nachtruhe einhalten, oder dergleichen. Und dagegen rebellieren sie. Das ist ein wunderbarer Boden, auf dem die ganze rauhe Natur des Wallenstein hergezeigt werden kann. Das hat der Dittmar sehr klug gemacht. Es ist jetzt nicht ein Stück, das man woanders spielen könnte. So hoch ist der literarische Wert sicher nicht. Aber hierher passt es ganz genau und hierher gehört es auch. Weil in diesem Innenhof dieser ehemaligen hohen Schule da hat es tatsächlich - zumindest ansatzweise so stattfinden können. Sag ich jetzt mal vorsichtig."

Oliver Karbus, Regisseur

Altdorf taucht ab in die Geschichte

Der Hof des Wichernhauses gibt auf jeden Fall ein prächtiges Ambiente für das Theater ab. Auch die Proben mit dem Regisseur Oliver Karbus finden hier statt. Seit Generationen finden sich Altdorferinnen und Altdorfer bereit, ihre Freizeit für die anstrengenden Proben mit professionell fordernder Regie zu opfern.

"Das ist jetzt das zweite Mal. Schöne Aufgabe. Macht einen natürlich auch ein bisschen stolz, dass man für die ganze Stadt repräsentieren darf. Seit 2015 mache ich den Wallenstein jetzt zum zweiten Mal. Dabei bin ich seit 2009. Als Student habe ich da angefangen. Es gibt ein kleines Casting. Ende November und da hat sich der Regisseur für mich entschieden. Anscheinend hat er was in mir gesehen. Sonst bin ich Großhandelskaufmann."

Sebastian Kögel, Altdorfer

Da es Wallenstein vergleichsweise besonders wild getrieben hat, waren die Altdorfer wohl froh, als er die Stadt nach gut sechs Monaten wieder verließ, um nie wiederzukehren. Es sei denn als Hauptfigur eines actionsatten Volksstückes, dessen Regisseur mit seiner Performance sehr zufrieden ist.

"Wir haben hier ungefähr 800 Zuschauer und die wollen natürlich es nicht nur sehen, die wollen es auch verstehen. Dadurch war auch die Arbeit an der Sprache eine nicht unerheblich wichtige. Die Arbeit mit Amateuren hat natürlich schon andere Komponenten. Auch bei den Profis ist es natürlich unterschiedlich von Darsteller zu Darsteller und von Theater zu Theater. Aber die grundsätzliche Arbeit an den einzelnen Szenen und an dem gesamten Rhythmus von einem Theaterstück ist da wie dort die selbe. Da sind die Menschen hier von einer solchen leidenschaftlichen Begeisterung, dass ich das nicht als Schwierigkeiten empfinde, sondern als Geschenk. Weil sie so unglaublich dabei sind wie man es an professionellen Theatern manchmal gar nicht erlebt."

Oliver Karbus, Regisseur

Altdorfer sind von Kindesbeinen an dabei

Professionellen Background hat auch Wolfgang Völkl, der für die Musik verantwortlich ist und damit einen deutlichen Anteil an der dramatischen Wucht des Stückes hat.

"Es gab zu dem Volksstück, das zu den Festspielen gehört, eine Musik für Blechblasorchester, die 100 Jahre auf dem Buckel hatte, die war wunderschön, aber man hört ihr das schon an, dass sie aus dem vorletzten Jahrhundert stammt. Ich mach beruflich Theatermusik und dann kam irgendwie der Gedanke in den Raum, man könnte das doch nutzen, wenn ich eh hier bei den Festspielen dabei bin."

Wolfgang Völkl, Musiker

Und dabei ist Wolfgang Völkl allein schon aus familiärer Tradition heraus.

"Die Mutter und die Großmutter mütterlicherseits sind von Kindesbeinen an dabei. Ich bin nie gefragt worden. Ich hatte keine Wahl. Es gibt Fotos von mir, wo ich schon im zarten Alter von einem halben Jahr im Kostüm hier irgendwo in der Sonne herumliege. Ich spiel auch dieses Jahr wieder mit im Schiller-Stück. Wo ich gottseidank mit der Musik nichts zu tun habe, es ist ganz schön, wenn das zwei verschiedene Baustellen sind."

Wolfgang Völkl, Musiker

Für ein wenig "Fluch der Karibik"-Feeling kommt die Musik der nötigen Opulenz wegen größtenteils vom Band. Aber in Kombination mit klug gesetzten Livemusikelementen werden die Anklänge an die Musik des späten 16. und frühen 17. Jahrhunderts gut hörbar. Ein historisierendes Musikambiente, das man sich auch gut vorstellen kann als Soundtrack für das historische Stadtspiel. An den fünf Wochenenden der Festspielzeit taucht die Altdorfer Innenstadt ein in die Geschichte des frühen 17. Jahrhunderts. Mit ein paar mittelalterlichen Einsprengseln.

Gaukler, Feuerschlucker und nicht so blutige Amputationen

Aber zum größten Teil wird Wert auf historische Korrektheit gelegt, wenn an den Samstagen ab 17.00 und am Sonntag schon um 11.00 Uhr vormittags die Wachen einziehen und Fanfarenstöße das bunte Treiben freigeben. Jetzt ist historisch inspirierte Action angesagt. Wilde Gruppen von zeittypisch gewandeten Studenten machen Rabbatz, Marketenderinnen bieten ihre Waren feil und an den Stadttoren ist Wegzoll zu entrichten.

"Es sind bis zu 1.000 Akteure, die am Marktplatz und den beiden Weihern unterwegs sind und verschiedene Dinge machen. Es gibt eine nicht so blutige Amputation, es gibt Kämpfe gegeneinander, es gibt Verurteilungen mit Halsgeige, es gibt eine uralt-Kegelbahn aus dem 17. Jahrhundert. Es ist Betrieb an allen Wochenenden und vor allem an der langen Nacht bekommt man noch Gaukler zu sehen, Feuerschlucker und solche Dinge."

Bernd Lochschmidt, ehrenamtlicher Organisationschef des historischen Spektakels in Altdorf

Es ist eine großartige Leistung, die zahllose Ehrenamtliche wie Bernd Lochschmidt da zuverlässig und verantwortungsvoll erbringen, um ihre Altdorfer Festspiele zu realisieren. Und bei den Akteuren der Theaterproduktionen geht es über Monate hinweg richtig zur Sache

"Energie, Einsatzfreude, Disziplin. Die müssen mit Freude bei der Sache sein. Herzblut. Die müssen sich für die Sache begeistern. So bissle lala mittun geht nicht. Ist ja auch ein großer Zeitaufwand für die Akteure. Seit Anfang Februar ist eigentlich jedes Wochenende im Eimer."

Karin Völkl, stellvertretende Vorsitzende des Festspielvereins Altdorf

Auch Karin Völkl ist familiär auf die Festspiele geprägt und von Kindesbeinen an dabei. Sie hat das große Ganze deshalb gut im Blick, weiß aber auch, dass es mit der Treue der Altdorfer für ihr Historienspiel nicht ewig so weitergehen muss. Aber noch herrscht kein Mangel an Talenten und die Regisseure können nicht nur fördern, sondern auch fordern. Es ist schließlich kein Pappenstiel, sich vor 600 Zuschauern auf der Freiluftbühne nicht nur Gehör zu verschaffen, sondern auch die Zwischentöne durchzubringen.

Grenzüberschreitende Bedeutung der Festspiele

Der Wallenstein in Altdorf ist auch ein großes soziales Ereignis. Das wird deutlich, je länger man sich damit beschäftigt. Ein gutes Beispiel für die grenzüberschreitende Bedeutung der Festspiele sind die Brüder Jochen und Christoph Halm. Sie sind beide aus Altdorf, jung und in anspruchsvollen Berufen auch international unterwegs. Mit dem "Wallenstein" nehmen sie auch so etwas wie ihre persönliche Auszeit vom Alltagsstress.

"Man ist natürlich schon der Freak – in Anführungszeichen. Aber auch positiv belegt. Im Kollegenkreis sprechen wir viel darüber. Das wird natürlich auch belächelt, aber auf eine charmante Art und Weise. Ich lade die immer ein, die sollen sich das anschauen."

Christoph Halm

"Was ich für mich sehr schön finde, dass man in dieser Zeit 'Wallenstein' mal ausbrechen kann aus diesem schnellen Hamsterrad, aus diesem stressigen Alltag. Dass man einfach mal das Handy zu Hause lässt, nicht erreichbar ist und in der Früh' ein Feuer anschürt und diese Zwänge nicht mehr hat. Ich glaube, dass das viele auch feiern, dass sie jetzt mal wieder in diesem ursprünglichen Leben am Lagerfeuer und mit Freunden kochen und in diese Zeit zurück fliehen und sich zurückziehen, viel lachen und sich austauschen und nicht immer aufs Handy schauen. Ich glaube, das ist etwas, was viele schätzen und den Leuten und auch der Stadt guttut."

Jochen Halm

Mitwirkende wie die beiden Brüder Halm sind wichtig für die Zukunft der Wallensteintradition in Altdorf. Sie vereinen Traditionsbewusstsein und Offenheit für neue Ideen und Weiterentwicklungen des Projektes.

"Grundsätzlich finde ich es sehr wichtig, dass man sich wieder bewusst wird, was da eigentlich passiert ist. Das ist ja immer die Grundkatastrophe der Deutschen gewesen, die ist dann nach dem ersten und zweiten Weltkrieg ein wenig in den Hintergrund geraten, aber grundsätzlich sind da ja sehr viele Parallelen zu den heutigen Situationen im Nahen Osten zu sehen. Damals waren es die Katholiken und Protestanten, die sich gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben und das ist ja noch gar nicht so lange her. Man merkt ja auch in der heutigen Zeit, dass es da Probleme gibt zwischen den beiden Gruppen und heute haben wir im Nahen Osten auch ein Problem mit Schiiten und Sunniten, die immer wieder sich in kriegerischen Auseinandersetzungen gegenüberstehen. Im Dreißigjährigen Krieg war aber weniger die Religionsproblematik ausschlaggebend, sondern die Machtverhältnisse haben eine Rolle gespielt und das ist ja auch heute noch so."

Christoph Halm

Historische Hintergründe vermitteln – mit Schildern

Die Zuschauer sollen in die Materie und die historischen Hintergründe eingeführt werden. Deshalb haben die Brüder Halm das Schilder-Projekt initiiert. Die Idee ist eigentlich ganz einfach. Die Besucherinnen und Besucher der Festspielaktionen bekommen Hintergrundinformationen zur historischen Situation über Informationstafeln angeboten. Diese werden in Zusammenarbeit mit den Werkstätten für Menschen mit Körperbehinderung im Altdorfer Wichernhaus angefertigt. Dem selben Wichernhaus, in dem der historische  Wallenstein studiert hat und dessen pittoresker Innenhof nun Schauplatz der beiden Theaterstücke ist.

Auch Michael Abendroth der Regisseur des Schillerschen Wallenstein, der als zweite Theaterproduktion im Freiluftambiente des Wichernhauses zu erleben ist, ist beindruckt von diesem ganz besonderen Klima der Toleranz in Altdorf.

"Wir haben da Gastrecht und wir bemühen uns auch so wenig zu stören wie nur möglich. Aber die nehmen uns auch in Kauf. Da setzt sich dann einer mitten in der Probe dazu und schaut zu. Es ist rührend. Wir haben einen, der kommt immer wenn Licht kommt. Das ist einer, der beim Betreuten Wohnen wohnt und dann ist der völlig verrückt aufs Licht. Das macht Spaß. Und er sieht auch sofort, wenn ein Scheinwerfer nicht geht. Mehr als wir. Das ist sehr schön und das ist das Besondere auch in Altdorf. Es ist unglaublich, die Offenheit und wie man mit Behinderten umgeht. In jedem Lokal steht einer auf und mach die Tür auf, wenn ein Rollstuhl rein will. Ich kenn’ auch Gemeinden, wo ich mein Haus hatte, da wurde ein ganzes neues Wohngebiet erschlossen und die Noch-gar-nicht-Zugezogenen haben sich schon beschwert, dass da ein Altersheim hinkommt. Das ist den Kindern nicht zuzumuten, dass man auch alte Leute dahat. Also das gibt es eben auch. Das ist hier ganz anders. Es ist phänomenal und immer wieder auch beeindruckend."

Michael Abendroth, Regisseur

Ein vorurteilsfreies Miteinander

Das klingt toll und das ist auch toll. Man kann gar nicht anders, als es der langen, generationenüberschreitenden Spieltradition in Altdorf zuzuschreiben, dass sich hier ein Klima des vorurteilsfreien Miteinanders entfalten kann. Und es gibt Lust auf Kultur, wie es Eleonore Schön, die Pressesprecherin der Festspiele, bestätigen kann. Auch wenn sich manche etwas entschiedenere Unterstützung von Seiten der Stadtverwaltung wünschen.

"In Altdorf gibt es sehr, sehr viele Gruppen, die kulturell aktiv sind. Theatergruppen, Menschen, die Konzerte organisieren, also im privaten Bereich ist da ganz, ganz viel geboten. Das Problem sind die Räume. Es wird im Autohaus Stamer Theater gespielt, es gibt ein altes Brauhaus, wo man Konzerte macht, aber 90 Leute passen da nur rein. Der Bet-Saal im Wichernhaus wird immer wieder für kulturelle Veranstaltungen missbraucht, sag ich jetzt mal. Der ist natürlich auch schön geeignet, hat eine schöne Atmosphäre, aber im Grunde genommen fehlt ein großer Raum, wo man wenigstens 300 Leute unterbringt, um mal was Schönes, Großes zu machen. Wir hatten früher eine Stadthalle, die aus Brandschutzgründen vor 89 Jahren geschlossen wurde und eine neue Stadthalle ist absolut nicht in Sicht. Weil die Kultur in der Stadtführung offensichtlich keine große Rolle spielt."

Eleonore Schön, Pressesprecherin der Festspiele

Doch wenn es losgeht, sind all die täglichen Konflikte und Probleme vergessen. Denn dann regiert die Macht der Liebe zum Spiel.


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