Jetzt Wish You Were Gay Billie Eilish

Info Billie Eilish hat schon mit 13 Jahren ihre ersten Releases herausgebracht. Mit 14 schaffte sie es auf Platz 1 auf Hypemachine, bekam Airplay bei der BBC und inzwischen gehören Hollywoodstars zu ihren Fans. Alles richtig gemacht!

Kommentar zu #nazisraus Eigentlich muss es heißen: Nazis rein!

Es ist einer der ersten großen Shitstorms des Jahres: Nachdem die Journalistin Nicole Diekmann Morddrohungen erhalten hat, wurde das Hashtag #nazisraus gestartet. Das Problem: #nazisraus ist gut gemeint, erreicht aber genau das Falsche.

Von: Tobias Krone

Stand: 08.01.2019 | Archiv

Nazis rein statt Nazis raus | Bild: BR

#nazisraus - ein Hashtag geht rum. Aber inzwischen mit anderem Vorzeichen. Nachdem die ZDF-Korrespondentin Nicole Diekmann am 01. Januar den Neujahrswunsch "Nazis raus" getwittert hat, bekam sie den geballten Hass der Community ab: In den Kommentarspalten wurde sie unter anderem als "Abfall" bezeichnet - es gab aber auch Vergewaltigungswünsche und Morddrohungen. Sowas ist ekelhaft - und gehört nicht nur in den sozialen Medien verurteilt. Viele supporten sie jetzt und finden außerdem: "Nazis raus" sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Deshalb überschwemmen sie das Netz mit dem Hashtag. Aber am Ende schadet diese Aktion nur. Denn das Hashtag #nazisraus birgt zwei Probleme.

1. Problem: Das Wort "Nazi" ist ausgeleiert

Zum einen: Das Wort "Nazi" taugt überhaupt nichts mehr. Wer sich mal mit der rechten Szene beschäftigt hat, kapiert: Nur sehr wenige dort bekennen sich noch offen zu den Nationalsozialisten, die in Deutschland von 1933 bis 1945 an der Macht waren. Auf Demos von Pegida und der rechtspopulistischen AfD, deren Politiker und Anhänger heute mit für rechte Parolen im Netz verantwortlich sind, hört man schon öfter mal "Nazis raus" - gebrüllt interessanterweise in Richtung der Gegendemonstranten. Damit wollen die Rechten sagen: Ihr seid die Nazis. Sie fühlen sich von einer "linken Meinungsdiktatur" unterdrückt, die sie mit dem Nationalsozialismus gleichsetzen. Dass sie damit die Taten der Nazis unter Hitler völlig verharmlosen und wissend in Kauf nehmen, ist verstörend und zeigt, in welcher kruden Logik sich Rechte verkrochen haben: 'Wenn wir die Opfer sind und die anderen die Nazis, dann haben wir auch keine Verantwortung für alles, was mit dem Begriff zusammenhängt.'

Manche der Rechten haben sich jetzt anscheinend doch angesprochen gefühlt – vielleicht auch gerade deshalb, weil eine junge, selbstbewusste Frau den Spruch gepostet hat. Sie haben mal wieder ein Opfer gesucht und gefunden. Streng genommen müsste das Hashtag auf die Kommentare also lauten: #haterraus! Oder #sexistenraus! Aber auch das ist falsch. Denn Rausschmiss hat noch nie funktioniert.  

2. Problem: Spaltung macht alles nur schlimmer

"Nazis raus" hat als Spruch eine Tradition. Als in den Neunzigern Neonazis in Rostock-Lichtenhagen, Mölln und Solingen Menschen mit Migrationshintergrund terrorisiert und ermordet haben und die Parole "Ausländer raus" danebenschmierten, setzten viele ihr "Nazis raus" dagegen - aus Wut und aus Protest gegen diesen Hass. Das war eine verständliche Reaktion. Nur dass die "Nazis" davon nicht weggingen. Ganz im Gegenteil: Ihre rechten Gedanken verbreiten sich heute freier denn je. Und was noch schlimmer ist: Die Rechten haben eine eigene Sprache gefunden, um ihr Denken als normal zu verkaufen. Da wird Aufklärung über Homosexualität zur "Frühsexualisierung", das Gedenken an Nazi-Gräuel zum "Schuldkult" und das Netzwerk, um Geflüchtete zu integrieren zur "Asylindustrie". Diese Sprache können sie in den Filterblasen der Gleichgesinnten pflegen, ohne dass dort jemand ihre inhaltlichen Verdrehungen hinterfragt - aber sie verhindert vor allem, dass überhaupt diskutiert wird. Und das wollen die Leute in diesem Jahr: diskutieren.

Und wir sollten diskutieren. Über vieles. Natürlich nicht über Mord- oder Vergewaltigungsandrohungen. Aber über Einwanderung und über die Art, wie wir Eingewanderte integrieren, was - siehe Amberg - auch schlecht laufen kann. Außerdem sollten wir über Meinungsvielfalt diskutieren. Und alle, die rechte Meinungen bekämpfen wollen, sollten sich dafür die besten Argumente zurechtlegen. "Nazis raus" ist kein Argument. Der Spruch ist ein Statement berechtigter Wut – und signalisiert zudem Menschen beispielsweise migrantischer Herkunft, dass sie hier vor Anfeindungen sicher sind.

Aber wenn weiße Politiker und ganze Redaktionen jetzt #nazisraus posten, dann ist das vor allem eines: eine Provokation, die alle, die sich durch ihre rechte Sprache selbst ausgeschlossen haben, noch ein zweites Mal ausschließt. Rechte Hetzer gehören nicht raus, sie dürfen nicht den Hass erleben, den sie selbst verbreiten. Sie gehören rein - nämlich in unsere Diskussionskultur. Und sie müssen in die Pflicht genommen werden, sich mit Argumenten auseinanderzusetzen. Nur mit guten Argumenten kann man rechtes Denken bekämpfen. Und möglicherweise verhindern, dass ein Spruch wie "Nazis raus" nochmal so einen Krieg im Netz auslöst.

Sendung: Filter vom 08. Januar 2019, ab 15 Uhr