Conchita Wurst ist kein Einzelfall Warum HIV immer noch erpressbar macht

Früher war es ein Todesurteil, heute ist eine Ansteckung mit HIV gut behandelbar. Aber immer noch werden HIV-positive Menschen krass abgelehnt.

Von: Tobias Krone

Stand: 16.04.2018

Sie hat es getan – und offenbar war es doch ein sehr heikler Schritt. Conchita Wurst hat sich geoutet: Sie ist nämlich HIV-positiv. Conchita Wurst heißt eigentlich Tom Neuwirth: Sie ist die Drag Queen aus Österreich, die 2014 den Eurovision Song Contest gewonnen hat. Und dass Conchita mit dem HIV-Virus lebt, war bisher ihr Geheimnis. Jetzt hat einer ihrer Exfreunde gedroht, sie öffentlich zu outen. Ihm ist sie jetzt zuvorgekommen.

heute ist der tag gekommen, mich für den rest meines lebens von einem damoklesschwert zu befreien: ich bin seit vielen jahren hiv-positiv. das ist für die öffentlichkeit eigentlich irrelevant, aber ein ex-freund droht mir, mit dieser privaten information an die öffentlichkeit zu gehen, und ich gebe auch in zukunft niemandem das recht, mir angst zu machen und mein leben derart zu beeinflussen. seit ich die diagnose erhalten habe, bin ich in medizinischer behandlung, und seit vielen jahren unterbrechungsfrei unter der nachweisgrenze, damit also nicht in der lage, den virus weiter zu geben. ich wollte aus mehreren gründen bisher nicht damit an die öffentlichkeit gehen, nur zwei davon will ich hier nennen: der wichtigste war mir meine familie, die seit dem ersten tag bescheid weiss und mich bedingungslos unterstützt hat. ihnen hätte ich die aufmerksamkeit für den hiv-status ihres sohnes, enkels und bruders gerne erspart. genauso wissen meine freunde seit geraumer zeit bescheid und gehen in einer unbefangenheit damit um, die ich jeder und jedem betroffenen wünschen würde. zweitens ist es eine information, die meiner meinung nach hauptsächlich für diejenigen menschen von relevanz ist, mit denen sexueller kontakt infrage kommt. coming out ist besser als von dritten geoutet zu werden. ich hoffe, mut zu machen und einen weiteren schritt zu setzen gegen die stigmatisierung von menschen, die sich durch ihr eigenes verhalten oder aber unverschuldet mit hiv infiziert haben. an meine fans: die information über meinen hiv-status mag neu für euch sein – mein status ist es nicht! es geht mir gesundheitlich gut, und ich bin stärker, motivierter und befreiter denn je. danke für eure unterstützung!

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Für Björn Beck, den Vorstand der Deutschen Aidshilfe, ist der Fall ein Beweis dafür, wie schwierig das Thema heute noch ist.

"Für mich ist es immer noch bemerkenswert, dass eine HIV-Diagnose, die in diesem Fall ja sogar behandelt ist, immer noch ein Anlass ist, Menschen zu erpressen. Und damit einen solchen Druck aufzubauen, dass Conchita sich in einer solchen Situation sah, sich öffentlich äußern zu müssen, um diesem Angriff zuvorzukommen."

Björn Beck, Vorstand der Deutschen Aidshilfe

Fakt ist: Seit ungefähr zehn Jahren können HIV-positive Menschen behandelt werden – und sind so nicht mehr ansteckend. Nicht einmal beim Sex.  

Doch offenbar ist der medizinische Fortschritt bei vielen in der Gesellschaft noch nicht angekommen. Auch Ärzte haben so ihre Probleme mit HIV-Infizierten, Björn Beck weiß das aus eigener Erfahrung.

"Ich war kurz nach meiner Diagnose lange Zeit auf der Suche nach einem Zahnarzt, der mich nicht erst ganz am Ende der Sprechstunde behandeln wollte, oder der mir nicht erklärte, er müsse vor und nach der Sprechstunde alles dreimal desinfizieren. Das hat ein bisschen gedauert, bis ich einen Behandler gefunden habe."

 Björn Beck, Vorstand der Deutschen Aidshilfe

Für die Diskriminierung in unserer Gesellschaft sieht er aber noch andere Gründe.

"Viele haben Angst vor dieser Infektion, weil sie mit Menschen in Verbindung gebracht wird, die ein Stück weit am Rande der Gesellschaft stehen. Hauptbetroffene Gruppen sind ja schwule Männer, Prostituierte und Menschen, die Drogen gebrauchen. Und das alleine ist schon ein Klientel, mit dem man nicht so gerne in Kontakt kommen will."

Björn Beck

Was man tun kann gegen die Diskriminierung

Aus Angst, Freunde oder den Job zu verlieren, verheimlichen viele HIV-Positive ihr Virus. Damit das in Zukunft anders wird, rät die Aidshilfe zu sachlichen Argumenten und Gelassenheit.

"Die Kommentare, die zu dem geschrieben wurden, was Conchita da gemacht – das sind Vorurteile. Zum Beispiel: ‚Jeder Schwule hat das.‘ Da ist es an uns allen, dagegen zu halten und zu sagen: Nein. Das ist eine Infektion, die jeden treffen kann, der Sex hat. Und es geht darum, sich zu schützen, aber auch Möglichkeiten zu schaffen, über seine Infektion zu sprechen."

Björn Beck

Denn nur, wer auch darüber spricht, sucht sich auch professionelle Hilfe. Und verhindert damit, dass HIV sein Leben zerstört.

Sendung: Filter vom 16.4.2018, ab 15 Uhr