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Ruhmeshalle Alice In Chains - Dirt

"Dirt" ist eine Tortur. Das wohl radikalste Rockalbum der Grunge-Ära ist vertonte Hoffnungslosigkeit: Am Mikrofon hing ein Junkie, an den Instrumenten arbeiteten sich Alkoholiker ab. Das konnte einfach nicht gut enden.

Von: Bettina Dunkel

Stand: 05.10.2012 | Archiv

Buchcover von "Alice in Chains - The Untold Story" | Bild: Thomas Dunne Books

Seattle. Da denkt man automatisch an Grunge. An Nirvana, an Pearl Jam und Soundgarden. Und an Alice In Chains. In den Neunzigern zählt diese Namenskombination zum Einmaleins jedes Flanellhemdträgers. Dann wurde es immer stiller um Alice In Chains. So still, dass der Name heute sogar bei Musiknerds unwissendes Stirnrunzeln verursachen kann. Dabei stammt von ihnen das vielleicht radikalste und hoffnungsloseste Rockalbum der Grunge-Ära.

Durch die Bank kaputt

"Dirt" dreht sich fast nur um eins: Um Heroin. Um Abhängigkeit, Schmerz und Selbsthass. Um die ewige Abwärtsspirale also. Nichts auf diesem Album ist gekünstelt. Die Texte sind aus dem Leben gegriffen, insbesondere dem verkorksten Leben von Sänger Layne Staley und Gitarrist Jerry Cantrell. Der eine ist ein Junkie, der andere leidet an Depressionen. Und der Rest der Band? Kämpft mit massiven Alkoholproblemen.

Cover Alice in Chains - Dirt

"Dirt" ist das zweite Album von Alice In Chains. Es markiert ihren kommerziellen Durchbruch und verkauft sich weltweit fünf Millionen Mal. Mit "Dirt" emanzipiert sich die Band auch von dem Metal-Image, das ihr von der Plattenfirma aufgedrückt wurde. Ihr düsterer Mix aus Hard Rock, Metal und Grunge passt zwar noch immer in keine Schublade, aber zwischen den Stühlen gefällt es dem Quartett ohnehin am Besten. Denn hier können sie ihrer Wut freien Lauf lassen und auf den reinigenden Effekt ihrer Schreitherapie hoffen.

Die Stimme derjenigen, die ganz unten sind

Vom ersten markerschütternden Schrei bis zum letzten sägenden Akkord ist "Dirt" ein Manifest der Unangepasstheit. Die Songs sind verstörend und alles andere als radiotauglich. Trotzdem werden sie rauf und runter gespielt. Denn sie treffen den Nerv der Zeit. Alice In Chains sprechen aus, was selbst Nirvana nur andeuten. Politische und gesellschaftliche Aspekte sind nebensächlich. Es geht allein um die inneren Dämonen, um die kranken Gedanken eines Süchtigen, der weiß was er sich antut, und der weiß, dass er diesem selbstzerstörerischen Kreislauf weder entkommen kann noch will.

Dass so ein Lebenswandel kein glückliches Ende nehmen kann, liegt auf der Hand. Der Niedergang von Alice In Chains ist auch die Geschichte des schleichenden Niedergangs von Sänger Layne Staley. Die Musikpresse stilisiert ihn zum Parade-Junkie. Mal wird er für tot erklärt, mal wird ihm AIDS angedichtet. Tourneen werden abgesagt, Interviews sind Mangelware. Trotzdem klettern nachfolgende Alben konsequent an die Spitze der US-Charts. 2002 schließlich stirbt Staley im Alter von 34 Jahren an seiner Heroinsucht. "Dirt" ist sein Vermächtnis. Und ein Mahnmal. Und definitiv eins der heftigsten, düstersten und ehrlichsten Alben, die jemals gemacht wurden.


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