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Ruhmeshalle Air - Moon Safari

Frisch eingetroffen in unserer Ruhmeshalle: Das tongewordene Synonym für kuscheln, nichtstun, einfach mal loslassen. Hier bitteschön: "Moon Safari" von Air, das entspannteste Meisterwerk aller Zeiten.

Von: Bettina Dunkel

Stand: 08.10.2009 | Archiv

Die Band Air aus Frankreich | Bild: Claude Gassian

Die Neunziger. Ein in musikalischer Hinsicht irgendwie beschleunigtes Zeitalter. Techno wird groß, Breakbeats und Drum’n’Bass kommen auf. Das Drogendrama "Trainspotting" hämmert so noch nicht erlebte Bilder und Beats in die Köpfe einer ganzen Generation. The Prodigy geben der "Jilted Generation" ihren Namen, die Chemical Brothers geben ihr den Takt vor, Underworld, Daft Punk und x andere Elektroheads machen fröhlich mit. Hektik, Geballer, alles bis zum Anschlag aufgedreht. Und dann kommen Air.

Die Zeit steht still

Albumcover "Moon Safari" von Air | Bild: Source /The Directors Bureau

Air - Moon Safari (Cover)

Jean-Benoit Dunckel und Nicolas Godin halten den kurz vor der Explosion stehenden Drehzahlmesser einfach an. Ihr Debüt "Moon Safari" lädt zu einer ganz anderen Grenzerfahrung ein: Denn wo steht die Zeit stiller als im Weltraum? Der ideale Ort also, um sich ganz auf den Augenblick zu konzentrieren.

Klar, auch Air haben sich dem elektronischen Sound verschrieben. Allerdings malen sie ihre Noten nicht mit Edding, sondern mit dem Weichzeichner. Kaum dass das Wasserfall-Intro des ersten Stückes erklingt, bewegt sich der Rest des Erdballs wie in Zeitlupe. Nicht der Verkehr um einen herum pulsiert, sondern das Blut in den Ohren. Nicht die Discokugel blendet das Auge, sondern das Morgenlicht.

Samtweicher Retro-Pop

"Moon Safari" ist Balsam für die Seele, ist süß wie Honig und wohltuend wie warme Milch. Als akustisches Allheilmittel wie aus Omas Zeiten bedient sich das Album auch eines riesigen Old-School-Instrumentenparks.

Und während Air damit beschäftigt sind, den Geist von Burt Bacharach, von 70er-Jahre-Soundtracks und Easy Listening zu beschwören, vergessen sie ganz den Gesang. Gast-Chanteuse Beth Hirsch übernimmt diesen Part – und sorgt für das perfekte Maß Hitze, das ein Soufflé wie dieses zum Aufgehen benötigt. Müssen die Franzosen selbst ans Mikrofon, verschanzen sie sich hinter einem Vocoder und verzerren ihre Stimmen ins Kühle, Kosmische und Roboterartige. Die Mensch-Maschine lässt grüßen.

"Moon Safari" mag den Chillout-Sound und das Easy Listening-Comeback angestoßen haben, vielleicht auch den Balearen-Beat mit seiner Café Del Mar-Flutwelle. Aber der samtweiche Retro-Pop von "Moon Safari" ist und bleibt eine der zuverlässigsten Zeit – und Raummaschinen, die es gibt – wann auch immer die Hektik Überhand zu nehmen droht.


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